Sport
19.01.2012

Ali - Verkauft mit Leib und Seele

Serie, Teil 4: Nach dem Thrilla in Manila zeigten sich bei Ali erste Anzeichen von Parkinson. Er kämpfte weiter.

43 Tage vor dem Ende des 20. Jahrhunderts, welches er sportlich beherrscht hatte, stand Muhammad Ali auf der Bühne der Wiener Staatsoper. Genau dort gehörte er an diesem 19. November 1999 hin, man hatte gerade die Sportgiganten des abgelaufenen Jahrhunderts gewählt und der Superstar unter den Gewinnern von 70 Olympischen Goldmedaillen, Welt- und Europameisterschaften, die die Bühne und den Zuschauerraum der Oper bevölkerten, war Muhammad Ali bei den "World Sports Awards".

Wie heute noch – als 74-jähriger, chronischer Opern-Stehplatzler – stand ich im Stehparterre. Wir, die wir den grandiosen Tänzer im Ring in Erinnerung hatten, der es mit seinem neuen Boxstil erstmals verstanden hatte, die Kunst und das Boxhandwerk zu verbinden, waren entsetzt und traurig, als ein von Parkinson geplagter, zitternder Riese mühsam die Bühne betrat und sich mit heiserer Stimme bedankte. Das war keine Triumph-Oper, sondern die "Götterdämmerung".

Nach der Sperre aufgrund der Wehrdienstverweigerung 1967 kam er ab 1971 zwar wieder groß heraus und wurde noch zwei Mal Weltmeister. Aber den Glanz seiner goldenen Periode erreichte er nicht. Die Reflexe funktionierten nicht mehr richtig, und so musste sein Gehirn schwere Treffer hinnehmen, die er früher problemlos ausgependelt hätte. Jede dieser "Bomben", hinter denen eine Wucht von über 500 Kilo steckte, tötete Millionen von Gehirnzellen.

Gesundheitsrisiko

Alis medizinisches Gewissen, sein Ringarzt Dr. Ferdie Pacheco, bat ihn seit 1975 fast flehentlich darum, mit dem Boxen aufzuhören, aber Ali blieb stur: "Ich boxe weiter!" Pacheco: "Der Lebensinhalt neben seinen vier Frauen Sonji, Belinda, Veronica und Yolanda sowie seinen neun Kindern war das Boxen. Auf das Gefühl, von 50.000 Zuschauern in einem Stadion bejubelt zu werden und das Wissen, dass Hunderte
Millionen an den Fernsehgeräten in aller Welt für seinen Sieg zitterten, auf dieses Hochgefühl wollte, ja konnte er nicht verzichten." Was für eine schmerzlich-brutale Entscheidung, fast eine Selbstverstümmelung! Pacheco sah seine medizinische Aufgabe, Ali vor lebensgefährlichen Verletzungen zu schützen, als gescheitert an und zog sich aus dem Betreuungsteam zurück.

Bald stellten Gehirnspezialisten der University of California fest, es handle sich bei Alis Erkrankung um ein durch wiederholte Gehirntraumata hervorgerufenes, boxerisches Parkinson-Syndrom. Ausschlaggebend dafür war sein dritter und letzter Kampf gegen Joe Frazier, "The Thrilla in Manila", der als der härteste Schwergewichtskampf der Boxgeschichte gilt. Ali nach dem Fight, den er bei einer Temperatur von 42 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von 93 Prozent gewonnen hatte: "Wir betraten als dynamische Fighter den Ring und verließen ihn als zerstörte Greise."

Der Trainer musste das Handtuch werfen

Es folgte die einzige vorzeitige Niederlage Alis. Gegen seinen ehemaligen Sparringspartner Larry Holmes bezog er vor 300 Millionen TV-Zuschauern im Caesars Palace in Las Vegas schwerste Prügel und sein Trainer Angelo Dundee warf nach 10 Runden das Aufgabe-Handtuch.

Ali war pleite, obwohl er als dreifacher Champion 65 Millionen Dollar verdient hatte. Er musste viele Millionen seinem letzten Manager Herbert Muhammad nachzahlen, Millionen gingen bei seinen Scheidungen drauf, 30 Millionen für seinen Betreuerstab und Steuernachzahlungen. Noch einmal musste er seinen kranken Leib und seine ramponierte Seele verkaufen.

Auf Bettel-Tour

Vor dem Kampf gegen Trevor Berbick kam es zu einer letzten, peinlichen Betteltour um eine Lizenz. Ali wurde wie eine Billigware herumgereicht, die großen Verbände lehnten verächtlich ab. Nach langem Betteln und ausgestreckter Hand gab die Kommission von South Carolina die Lizenz her. Es war das traurigste Spektakel, das ich je aus dem Studio in Wien übertragen musste. Es fand in Nassau auf den Bahamas statt und brachte eine Niederlage für den "Größten". An diesem Donnerstag stieg ich volltrunken in mein Bett.

"Es ist wirklich nicht amüsant, wenn man einen Beruf hat, in dem man jemanden arg vermöbeln muss", sagte Ali einmal. "Daher wird mir das Boxen nicht abgehen, ich glaube aber, dass ich dem Boxen abgehen werde."

Wie recht Du hast, oh Du, mein Ali!

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