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Schule
09/07/2016

Mobbing: So schützen Sie Ihr Kind

Wie können Eltern eingreifen, wenn ihr Kind gehänselt wird und sich nicht mehr zu helfen weiß?

Nach unzähligen Mobbing-Attacken hatte der 20-jährige Tim keine Kraft mehr zu leben. "Liebe Mam, lieber Pap, ich wurde mein ganzes Leben lang verspottet, gemobbt, gehänselt und ausgeschlossen. Ihr seid fantastisch. Ich hoffe, ihr seid nicht sauer. Bis bald, Tim", schrieb der Holländer in seinem Abschiedsbrief.

Immer wieder gibt es Einblicke in die verzweifelte Ohnmacht von Mobbingopfern. Jeder fünfte Jugendliche hat selbst solche Demütigungen erlebt, zeigte eine OECD-Erhebung. Österreich zählte dabei zu den traurigen Spitzenreitern. Für KURIER-Familycoach Martina Leibovici-Mühlberger geht es dabei um mehr als nur Streitereien mit Kollegen: "Mobbing passiert regelmäßig und unterscheidet sich so von einem Konflikt. Es äußert sich meist in systematischer Ausgrenzung gewisser Personen, in der Bildung einer ‚Hackordnung‘ oder eines Machtgefälles in der Klasse. Kurz gesagt ist Mobbing die ständige, konkrete Machtausübung und Abwertung eines anderen."

Nachahmer

Nach der Berichterstattung über tragische Fälle gehen oft die Emotionen hoch und Leser erzählen ihre eigenen (früheren) Leidensgeschichten. "Ich habe mich lange nicht gewehrt und ging zu meinem Lehrer, als ich es nicht mehr ausgehalten habe. Als ich einen Tag nicht in der Schule war, sprach er – ohne mich – über meine Situation mit der Klasse", berichtete ein Mädchen. "Von da an war ich unten durch und das Mobbing wurde schlimmer." Heute lernt sie im Gymnasium und hat die Mobber hinter sich gelassen: "Die stehen jetzt ohne Lehrstelle da." Mit ihren Eltern hat sie bis heute nicht darüber gesprochen. Ihr Tipp: "Nicht so lange warten, bis man sich Hilfe holt."

Für Eltern gibt es nur eine Reaktionsmöglichkeit: Ihr Kind unterstützen und niemals die Situation herunterspielen, zeigen dieses und andere Beispiele.

Hinsehen

Manche Kinder reden nicht über ihre Sorgen. Verhaltensänderungen sollten ein Alarmsignal für Eltern sein: Nägel zu kauen, Frustessen, Aggressivität oder Schulangst können ein Hinweis auf dramatische Konflikte sein.

Ansprechen

Wer merkt, dass sein Kind gemobbt wird, sollte aktiv werden. Ihr Kind braucht Sie: Stehen Sie fest hinter ihm. Bei Volksschulkindern ist oft das Eingreifen der Eltern nötig, Jugendliche brauchen sie zumindest im Hintergrund.

Dokumentieren

Notieren Sie den gesamten Verlauf. Schreiben Sie genau auf, wann was passiert ist. Das ist später bei etwaigen Konsequenzen wichtig.

Hilfe suchen

Gibt es ein Kind in der Klasse, dem es ähnlich geht? Suchen Sie Kontakt zu dessen Eltern. Wenn man gegen Lehrer, Eltern, Schulleitung, Direktion, Hortpädagogen "alleine" ankämpfen muss, ist das kräfteraubend. Oft wird Mobbing nicht ernst genommen.

Ganz wichtig dabei: Ihr Kind steht im Mittelpunkt. Handeln Sie immer nur mit ihm zusammen, nie ohne Absprache. Das könnte es als Vertrauensbruch empfinden. Gerade in einer solchen Krise braucht es die Eltern als Sicherheit: Wenn die Schule viel Kraft kostet, müssen die Kinder zu Hause Energie tanken können.

Was Mobbing mit Zahnpasta zu tun hat

Millionen Menschen haben diese beeindruckende Warnung vor Mobbing gesehen, mit der Mutter Amy Beth Gardner ihre zehnjährige Tochter Breonna auf den ersten Schultag in der Mittelschule vorbereiten wollte. Sie ließ das Kind die Zahnpasta aus einer Tube auf einen Teller herausdrücken. Dann sollte sie den Inhalt wieder zurück in die Tube befördern. Doch das Mädchen sagte, dass die Tube nie wieder so aussehen würde wie zuvor. Amy fasste das in ihrem Facebook-Posting zusammen: „Du wirst dich dein Leben lang an diesen Teller mit Zahnpasta erinnern. Du wirst bald merken, wie viel Gewicht deine Worte haben. Du wirst die Chance haben, andere mit deinen Worten zu verletzen, zu kränken, zu erniedrigen und zu beleidigen. Wie bei dieser Zahnpasta kannst du deine Worte nicht mehr zurücknehmen, wenn sie einmal deinen Mund verlassen haben. Benutze darum deine Worte mit Vorsicht, Breonna. Wenn andere ihre Worte falsch verwenden, schütze deine eigenen.“

Reaktionen waren verletzend

In einem weiteren Eintrag blickt Mutter Amy jetzt auf die Wochen nach ihrem ersten Posting und die unzähligen Reaktionen darauf zurück. Die waren eine weitere Lektion in Mobbing und die teilt sie ebenfalls mit ihrer Tochter und ihren Lesern. „Ein Prozent der Reaktionen war fürchterlich. Wenn du sie später einmal lesen wirst, werden sie dich sehr treffen.“
Menschen machten sich über den Namen ihrer Tochter lustig. Vor allem der Vorwurf, eine gute Mutter hätte ihrer Tochter das Thema schon früher beigebracht, traf ihren wunden Punkt, erzählt sie jetzt: „Sie wissen nicht, dass du nicht bei uns geboren wurdest. Sie wissen nicht, dass du mit neun Jahren zu uns gekommen bist, als ein Auto der Fürsorge um Mitternacht mit dir und deiner Schwester in unsere Einfahrt einbog.“
Und sie gibt ihrer Tochter und der Welt eine Lektion mit: „Wenn dir in deinem Leben verletzende Worte entgegenkommen, gibt es immer einen Grund hinter dem Schmerz. Manchmal wirst du die Quelle des Schmerzes finden, aber manchmal wirst du nicht wissen, welche Verletzungen jemand erlitten hat. Dann denk an das Zahnpasta-Beispiel und daran, dass du nicht über andere entscheiden kannst, aber über dich.“