Lernpsycholo­gie: Ist mein Kind wirklich schulreif?

This is too hard
Foto: Getty Images/Imgorthand/IStockphoto.com Wenn Schule von Anfang an überfordert, hat das oft Auswirkungen auf die komplette Bildungslaufbahn.

Was Eltern tun können, wenn sie das Gefühl haben, dass ihr Kind noch nicht in die Schule gehört.

Jedes Kind entwickelt sich anders: Während manche schon mit neun Monaten gehen können, ist es bei anderen erst mit 15 Monaten so weit. Während ein Zweijähriger schon Fünf-Wort-Sätze gebraucht, kann ein anderes Kind gerade einmal zehn Wörter sprechen. Kinder entwickeln sich unterschiedlich schnell, was aber nichts über ihre Intelligenz aussagt. Auch die Entwicklung eines Sechsjährigen ist höchst verschieden: Einer ist schon schulreif, ein anderer nicht – dumm ist das Kind deshalb noch lange nicht. Darauf weist Elisabeth Fuchs, Wiener Bezirksschulinspektorin, häufig in Elterngesprächen hin.

Vertrauen Sie auf Ihr Gefühl

Doch wie erkennen Väter und Mütter, dass der Nachwuchs noch etwas Zeit braucht und er in der Schule überfordert wäre? Die klinische Gesundheitspsychologin Sabine Kainz ist sich sicher, dass Eltern das meist im Gefühl haben, weil sie ihr Kind so gut kennen wie sonst niemand: "Wer meint, dass sein Sohn oder seine Tochter noch ein Jahr braucht, sollte sich von Kindergartenpädagogen oder Lehrern nichts anderes einreden lassen. Falls Sie selbst Zweifel haben, wenden Sie sich an ausgewiesene Experten wie einen Psychologen, der dies professionell austesten kann", rät Sabine Kainz Eltern.

Sprache ist der Schlüssel

Ein wichtiges Kriterium für die Schulreife ist laut Bildungspsychologen die sprachliche Entwicklung. Ein Schulkind sollte sich altersadäquat in seiner Muttersprache ausdrücken können. Heißt: Es soll keine groben grammatikalischen Schnitzer mehr machen und über den Alltag Auskunft geben können. Die Alarmglocken sollten bei Eltern und Lehrern schrillen, wenn Kinder Probleme mit dem "phonologischem Bewusstsein" haben – wenn sie sich schwer Texte merken können oder Probleme haben, Reime und Silben zu erkennen. Tut sich Kinder damit schwer, ist ihr Risiko besonders hoch, später legasthen zu sein.

Auf die Stifthaltung achten

Auch auf die Grafomotorik sollten Eltern und Pädagogen ein Auge haben. Hält das Kind den Stift verkrampft, hat Psychologin Kainz den "Perlentrick" parat: "Zwischen kleinem Finger und Ringfinger eine Perle klemmen, sodass man nur drei Finger zum Schreiben hat. Das kann man schon lange vor der Schule üben."

Neben den kognitiven Fähigkeiten sind die emotionale und soziale Reife mindestens genau so entscheidend. Eltern sollten also beobachten, wie das Kind sich in einer größeren Gruppe tut und wie es sich konzentrieren kann.

Vorschule: ja oder nein?

Ob ein Sechsjähriger schulreif ist, wird bei der Einschreibung im Jänner entschieden. Da sich bis zum Schulbeginn aber noch viel entwickeln kann, schauen sich viele Direktorinnen die Kinder im Juni nochmals an und urteilen erneut. In Österreich müssen jedenfalls alle Sechsjährigen in die Schule – einzige Ausnahme ist, wenn das Kind zum häuslichen Unterricht angemeldet wird. Es darf dann zwar zu Hause bleiben, bekommt aber – meist keinen öffentlichen Kindergartenplatz mehr. "Wer nicht schulreif ist, der gilt bei uns als Vorschüler", sagt Elisabeth Fuchs. Hier gibt es zwei Varianten: die klassische Vorschule sowie Klassen, in der Vorschüler gemeinsam mit Erst- und Zweitklasslern lernen.

Was für die Vorschule spricht

Fuchs: "Unter Pädagogen gibt es unterschiedliche Meinungen zu den Vorschulklassen. Ich würde mich dann dafür entscheiden, wenn ein Kind in verschieden Bereichen Defizite hat – also es sowohl aufgrund der Feinmotorik als auch aufgrund der Konzentrationsfähigkeit noch nicht schulreif ist. Der Vorteil der reinen Vorschulklassen ist, dass es dort z. B. mehr Stunden für Sport gibt und mehr Phasen, in denen die Kinder einfach nur spielen können.

Was für Mehrstufenklassen spricht

Wenn ich hingegen unsicher bin, ob ich mein Kind in die 1. Klasse geben soll oder nicht, dann sind solche Mehrstufenklassen sicher geeigneter, denn da ist der Übergang vom Vorschulkind zum Erstklassler leichter möglich. Bei der Wahl der Volksschule sollte man das berücksichtigen."

Bleiben Sie gelassen

Die Sorge vieler Eltern, dass ein Vorschulkind ein Jahr verliert, hält die Psychologin Kainz für unbegründet. Im Gegenteil: "Werden Kinder zu früh eingeschult und sind überfordert, fehlt ihnen beim Lernen die Souveränität. Dabei ist gerade die eine wichtige Basis für den Schulerfolg."

(kurier) Erstellt am
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