Schule
09.09.2015

Die passende Schule für mein Kind

Montessori, Waldorf, Mehrstufenklasse oder Hausunterricht?

Die Vielzahl an pädagogischen Angeboten verwirrt Eltern. Sie fürchten, dass die falsche Schulwahl langfrisitig negative Folgen für ihr Kind haben könnte. Zu Unrecht. Eine Entscheidung für eine Schule ist ja nicht für die Ewigkeit:

Privatschulen: von elitär bis alternativ

Eine Schule ohne fixen Stundenplan. Eine, in der nicht der Lehrer, sondern das Kind das Tempo vorgibt: Immer mehr Eltern sehnen sich nach einer solchen Bildungseinrichtung. Viele Privatschulen versprechen genau das.
Ein Beispiel ist die Lernwerkstatt im Wasserschloss Pottenbrunn, die die älteste Privatschule Niederösterreichs ist – abgesehen von den kirchlichen Schulen, die zwar privat sind, aber die Lehrer vom Land bezahlt und auch gestellt bekommen. Im Wasserschloss haben die Pädagogen das Ziel, Kinder zum selbstbestimmten und aktiven Lernen zu animieren. Im klassischen Unterricht funktioniert das nicht, wie Schulleiterin Christine Glaser-Ipsmiller erläutert: „Klassen, Noten oder Stundenpläne gibt es bei uns nicht. Stattdessen haben wir eine vorbereitete Umgebung: Statt Klassenzimmer gibt es Räume wie den Mathematikraum, die so gestaltet sind, dass die Schüler angeregt werden, ihren eigenen Interessen nachzugehen. Lernbegleiter unterstützten die Schüler.“

Selbstbewusst

Mehr Wissen als in einer öffentlichen Schule eignen sich die Schüler im Wasserschloss dabei zwar nicht an. „Aber sie lernen, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. „Sie haben z. B. keine Scheu davor, mit Erwachsenen zu kommunizieren. Einige, die in der Oberstufe in eine öffentliche Schule wechseln, übernehmen dort Funktionen wie Schulsprecher“, sagt Glaser-Ipsmüller.
Ähnlich ist das pädagogische Konzept in der SchülerInnenschule im WUK, die heuer ihren 35. Geburtstag feiert. Wie sehr diese am Kind orientiert ist, beschreibt Autor Thomas Glavinic, dessen Sohn keine guten Volksschulerfahrungen gemacht hatte: „Nach drei Tagen im WUK war das vergessen.“
Luxus Neben Alternativschulen gibt es dann auch noch Private Einrichtungen, die so hohe Gebühren verlangen, dass sie nur für wenige leistbar sind. In St. Gilgen legen die Eltern fürs Internat rund 60.000 Euro jährlich hin. Auch andere internationale Schulen wie die Vienna International School sind mit 10.000 bis 18.000 Euro Jahresgebühr nicht billig. An diesen Schulen wird ausnahmslos Englisch gesprochen und am Ende kann man mit dem IB, dem International Baccalaureat abschließen.
Bildungsforscher Stefan Hopmann glaubt, dass der private Sektor in den nächsten Jahren zunehmen wird, „je mehr sich die öffentlichen Schulen als kaputt wahrnehmen lassen“. Besonders die gebildete Mittelschicht tut alles, um ihren Kindern eine gute Bildung zu ermöglichen. Von Verhältnissen wie in Südostasien, wo oft die Hälfte des Familieneinkommens für Schule ausgegeben wird, sind wir aber zum Glück noch weit entfernt.

Mama als Lehrerin

ede Mutter, jeder Vater will, dass das Kind optimal gefördert wird. Einige Eltern trauen es der Institution Schule nicht zu, ihre Söhne und Töchter gut aufs Leben vorzubereiten. Oder sie sehen im System Schule eine Maschinerie, die zu viel Druck aufs Kind ausübt.


Sie gehen deswegen einen Weg, der in Österreich im Gegensatz zu Deutschland möglich ist: Sie unterrichten ihr Kind selbst.
Der „häusliche Unterricht“ wie dies im Fachjargon heißt, ist eine klar geregelte Alternative zum Schulbesuch. Eltern, die das wollen, müssen bis spätestens August einen entsprechenden Antrag beim Landesschulrat stellt. Ohne Kontrolle geht das natürlich nicht. Die „Haus-Schüler“ müssen jährlich eine Externistenprüfung ablegen. Schaffen sie diese, dürfen sie im Normalfall auch im Folgejahr wieder einen Hausunterricht genießen. Wer durchfällt, muss an eine öffentliche Schule.
Der Hausunterricht ist auch ein juristisches Schlupfloch für Privatschulen, die (noch) kein Öffentlichkeitsrecht haben. Kinder, die solche Schulen besuchen, sind offiziell „Homeschooler“. Das hat bei manchen Eltern schon für eine Überraschung gesorgt – sie waren am Jahresende verwundert, dass ihre Kinder extern geprüft werden müssen.

Wenig Mitschüler

Heimunterricht ist möglich, aber die Ausnahme: nur 2000 Schüler werden schätzungsweise so unterrichtet. Forscher wie der Bildungswissenschaftler Stefan Hopmann sehen nicht nur Vorteile darin: „In der Schule lerne ich mit Kindern aus anderen sozialen Verhältnissen umzugehen, mit Lehrern, die nicht so lieb sind wie Mama, mit Zeitdruck und Aufgaben, die ich nicht so mag.“ Und schließlich gehört auch das zum Lernen – nicht nur das Lesen, Schreiben, Rechnen.

Öffentliche Schulen: Besser als ihr Ruf

Als Josef Reichmayr Direktor der Volksschule in Wien-Brigittenau wurde, das war eine seiner ersten Handlungen, die Schulglocken abzustellen. Schluss mit der 50-Minuten-Einheit. Das ist schon viele Jahre her. Reichmayr hat seither viel ausprobiert, alternative Lernformen sind hier Alltag.


Mittlerweile heißt die Schule nicht mehr nur Volksschule, sondern integrative Lernwerkstatt Brigittenau. Kinder mit Förderbedarf lernen hier neben sehr begabten. Sechs- und Zehnjährige sitzen nebeneinander, wie in Mehrstufenklassen üblich. Und mittlerweile ist sogar eine Neue Mittelschule dazugekommen. Vieles, was Alternativschulen anbieten, ist hier längst Realität und deshalb auch gefragt. Die Schule, die einem Grätzel mit hohem Migrantenanteil liegt, wird von Akademikereltern sehr geschätzt.
Brigittenau ist nicht der einzige Leuchtturm der Reformpädagogik: in der Lernwerkstatt Donaustadt gibt es z. B. Jahrgangteams von Lehrern und Inklusion – die Integration von lernschwachen Kindern – wird hier seit Jahren erfolgreich gelebt. In der Volksschule am Friedrichplatz in Wien 15 steht Glück und Lebenskompetenz auf dem Lehrplan. Und im südburgenländischen Markt Allhau findet sich eine Volksschule, in der offener Unterricht und lustvolles Lernen dazu führen, dass die Kinder hier mit Freude in die Schule gehen.
Daneben scheint es – besonders im Ballungsraum WienSchulen für fast jedes Kind zu geben: Die Bildungsstätten werben mit Montessoripädagogik, Lernen nach Freinet, Hochbegabtenförderung , Ganztagsangeboten oder bilingualen Klassen, in denen Englisch und Deutsch gleichermaßen unterrichtet wird. Daneben gibt es Schulen, die Sport-, Musik- oder Kreativschwerpunkte haben. Der Fantasie der Direktoren scheinen da keine Grenzen gesetzt.

Wettbewerb

Diese Spezialisierung wird sich in den nächsten Jahren sogar noch verstärken, glaubt der Bildungsforscher Stefan Hopmann: „Bei sinkenden Schülerzahlen wird sich der Wettbewerb um die Kinder noch erhöhen. Die öffentlichen Schulen werden sich überlegen müssen, welches Profil sie sich geben, wenn sie auf die Dauer ihre Schülerzahl halten wollen.“
In einem Punkt kann der Wissenschaftler die Eltern beruhigen: „In den Privatschulen erwerben Kinder kognitiv, also fachlich, auch nicht mehr Wissen als in öffentlichen. Besser schneiden die Privaten hingegen bei der Kultivierung der jungen Menschen ab, also wo ich soziale Fähigkeiten erwerbe.“
Am Ende gehe es bei der richtigen Schulwahl vor allem auf den Lehrer an: „Er muss wissen, welche Kinder er in seiner Klasse sitzen hat und welche Methoden für diese am geeignetsten sind.“