Simonischek: "Der Jedermann hat kein falsches Gebiss"

Peter Simonischek
Foto: Kurier/Juerg Christandl Peter Simonischek wird am 22. April mit der Platin-Romy geehrt

Peter Simonischek erhält die Platin-ROMY 2017. Und spricht über die Momente der Liebe beim Schauspielen.

Er ist Rekord-"Jedermann": Niemand hat die Paraderolle der Salzburger Festspiele so oft gegeben wie Peter Simonischek, von 2002 bis 2009 insgesamt 108-mal. Ein weiterer -mann machte Simonischek zuletzt noch berühmter: Für den Film "Toni Erdmann", in dem Simonischek als Vater mit falschem Gebiss und Käsereibe um die Aufmerksamkeit seiner Tochter kämpft, war sogar der Auslands-Oscar in Sichtweite.

Derzeit dreht der gebürtige Grazer (Jahrgang 1946) eine internationale Produktion auf Englisch – und macht dafür Stimmübungen mit dem Smartphone, erzählt Simonischek beim KURIER-Interview. Der Anlass: Bei der 28. KURIER ROMY Gala am 22. April in der Hofburg wird Simonischek mit der Platin-ROMY für herausragende Leistungen geehrt (live ab 21.10, ORF2).

KURIER: Ist der internationale Dreh ein Anschub nach "Toni Erdmann" gewesen?

Peter Simonischek: Ich denke, ja. Man lernt über Jahre viele Menschen kennen, aber nach so einem Film denken sich dann doch mehr ,Ach, stimmt, da wäre Simonischek doch der Richtige‘. Und so kommt es, dass ich jetzt mit Thomas Vinterberg drehe. Es geht um einen Film über die Tragödie der Kursk. Ein Atom-U-Boot, gesunken im Jahr 2000, ganz knapp nach dem Amtsantritt von Putin. Eine internationale Rettungsflotte stand bereit. Aber die Russen haben sie nicht rangelassen. Und die jungen Männer an Bord sind erstickt.

Bei Ihnen sind die verschiedenen Arten, Schauspieler zu sein, in Film, Bühne, Fernsehen, anscheinend gleichberechtigt – was selten ist.

Peter Simonischek Foto: Kurier/Juerg Christandl Ich habe das schon früh parallel betrieben. Drehen macht mir großen Spaß, wenn es mit den richtigen Leuten ist. Beim Theater bleibt der nomadische Teil in einem unbefriedigt. Zuhause – Probebühne – Theater – Vorstellung – Kneipe – Zuhause. Und das mit einer gnadenlosen Monotonie. Das Tolle ist beim Film, dass man an Orte kommt, an die man sonst nicht kommt. Und dort ist dann alles organisiert. Wir haben einmal tagelang im Dschungel gedreht. Oder auf den Malediven zu drehen. Das ist toll.

Der Kursk-Film wird wohl nicht in Russland gedreht.

Nein (lacht). Die Russen haben keine Freude mit dem Film. Ich darf nicht einmal so heißen wie der, den ich spiele. Wir drehen in Frankreich und im Studio. Und ich drehe noch einen weiteren Film in der Slowakei, ein ganz tolles Buch. Das ist das greifbare Ergebnis des Erfolges von "Toni Erdmann".

Ein Unterschied zum Theater ist wohl: Wenn ein Film fertig ist, kann man etwaigen Erfolg genießen.

Das ist sehr angenehm. Man kann unbeschwert sagen: Schau dir den doch an. Und man weiß, was derjenige zu sehen kriegt. Und man kann sich sogar dazusetzen. Wenn beim Theater ein Freund sagt, an dem und dem Tag bin ich im Publikum, hat man das leider beim Spielen im Hinterkopf. Ich glaube, so geht es allen Schauspielern. Manchmal geradezu obsessiv: Wenn Sie an alles denken dürfen, nur nicht an ein blaues Krokodil, woran denken Sie dann? Richtig.

Sind Ihnen die vielen Preise wichtig, die der Film gewonnen hat?

Demut ist mir kein Fremdwort. Aber wenn man für den Oscar nominiert ist, ist man ein potenzielles Opfer. Entweder Sie gewinnen ihn – oder Sie gehören zu den Verlieren. Beim Schweizer Filmpreis gibt es schon für die Nominierung ordentliches Geld. Das finde ich human, eine Art Trostpflaster für die Enttäuschung. Und es ist eine Enttäuschung gewesen. Man ärgert sich dann doch, ich ärgere mich ja sowieso gerne. (lacht) Obwohl man ja sagen muss: Beim Oscar unter den fünf Nominierten zu sein ist arithmetisch eine Sensation. 85 Länder schicken ihr bestes Produkt da hin. 85! Aber man kann gar nicht umhin zu sagen: Der lange Arm des Blondschopfes aus der USA reicht in dem Fall wirklich bis hierher.

Peter Simonischek Foto: Kurier/Juerg Christandl Weil es klar war, dass der iranische Film gewinnt, als der Regisseur nicht einreisen durfte.

So ist es. Ich habe gesagt: Wenn wir ihn nicht kriegen, haben wir zumindest eine gute Ausrede.

Gedreht haben Sie "Toni Erdmann" schon 2014. Eine lange Nachwirkung.

Ja, nach dem Sommer 2014 war er abgedreht. Ich habe ihn zwar nicht vergessen, aber ich hatte ihn nicht täglich auf dem Schirm. Bevor man in den Startlöchern scharrt und sich dauernd fragt, was jetzt mit dem Film ist, habe ich mir gedacht: Die wunderbare Maren Ade hat jetzt ein Baby bekommen, ein echtes aus Fleisch und Blut. Und das andere, schauen wir mal, vielleicht kommt es ins Heim oder so (lacht). Vielleicht hat sie’s weggelegt. Aber da habe ich ihr Unrecht getan. Jeden Tagen ist sie zum Schneiden gegangen, wie ins Büro. Sie hat genau gewusst, welche Variationen es gibt, was wann gedreht wurde. Sie hat eine unglaubliche Ausdauer. Und dann dauert das, ich verstehe das!

War das Warten aber schwierig?

Nein, weil man ja eh nicht mit so einem Erfolg rechnet. Man hofft ja immer. Bei einem Film weniger, bei anderen mehr. Bei dem Film habe ich mehr gehofft, das stimmt. Alles, was sie zuvor gemacht hatte, war toll. "Der Wald vor lauter Bäumen" – den kann man nur jedem empfehlen. Ich habe einen Tag gebraucht, um mich wieder auf die Reihe zu kriegen. Da wird eine Lehrerin von einer gnadenlosen Einsamkeit eingeholt. Und wie normal und lapidar und wahrhaftig das erzählt wird. Großartig!

Ist Schauspielen ein einsamer Beruf?

Das kommt auf den Charakter an. Meine Frau, die sehr viel gedreht hat, ist immer zum Dreh gegangen, um diese Rolle zu spielen. Und dann war sie das. Dann hat sie die Kleider so gewählt und das Frühstück, als ob sie diese Figur wäre. Das wird vielfach belächelt und gilt als uncool.

Warum?

Cool ist, wenn man sich kurz vorher noch einen Witz erzählt, und dann sagt Klappe, Kamera, okay. Aber damit habe ich meine Probleme. Für mich ist das Schönste das, was sich im Zusammenspiel mit einem Partner herstellt. Bei Proben in Bratislava kam eine junge Kollegin – für mich sind ja alle Kolleginnen jung! –, und dann haben wir eine Szene geprobt, und da ist sofort etwas passiert. Zack! Ich liebe das. Das Schöne an diesem Beruf ist, die Menschen zu überraschen. So zu spielen, dass man nicht schon vorher weiß, was kommt. Marlon Brando war Weltmeister darin. Da hat man jeden Moment gedacht: Wie entscheidet er sich jetzt? Durchlässig, offen, wie im Leben. Da möglichst nahe ranzukommen! Man hat ja als Schauspieler Verabredungen zu verbergen, man hat einen gelernten Text zu verbergen. Sandra Hüller, meine Film-Tochter in "Toni Erdmann", halte ich für eine besonders begnadete Schauspielerin. Ich kenne keine andere junge Schauspielerin, bei der Hirn und Zwerchfell so nahe beinander sind. Als Filmpartner darf man spontan auf Überraschungen reagieren. Und dann wird es lebendig. Das kann sogar so weit gehen, dass ich so gerührt und getroffen bin von dem Glück, dass das zusammen möglich ist, dass ich euphorisch bin.

Ist das oft passiert?

Mit ganz bestimmten Leuten besonders. Mit anderen, die aber nicht als schlechte Schauspieler gelten, gar nicht. Es gibt Kollegen, die ziehen ihr Programm durch, und es ist völlig egal, wer gegenüber sitzt. Gerade auf der Bühne. Im Film geht das nicht. Film lebt ausschließlich vom lebendigen Moment. Im Film können Sie nichts faken, das sieht man immer. Und wenn es nicht gefaket ist, macht es Wusch! Und es geht auf. Jeder Moment, an dem Sie das Leben zu fassen kriegen, an einer Haarlocke, am Ohr, ist ein Moment der Liebe. Ich sage das auch auf das Risiko hin, sentimental zu wirken. Der Moment geht direkt ins Herz. Und es ist mein Beruf, den Moment zu suchen und zu finden.

Zuletzt waren Sie so präsent wie nie zuvor. Unangenehm?

Der größte Effekt ist schon der, dass es gute Angebote gibt. Und niemand wird Schauspieler, damit ihn niemand erkennt. Man muss eher aufpassen, dass man nicht sauer wird, wenn man nicht erkannt wird! (lacht)

Oder zu sehr auf eine Rolle festgelegt wird, wie den Mann mit dem falschen Gebiss.

Ach, da habe ich ja noch einen Vorläufer: Der Jedermann hat kein falsches Gebiss. Aber es stimmt, ich kenne die Gefahr. Gerade im deutschsprachigen Raum gibt es tolle Schauspieler, wie Horst Tappert, der den Derrick gespielt hat. Der war ganz schwer als etwas anderes vorzustellen. Dann kannst du nicht mehr als Claudius auf die Bühne gehen. In England ist es kein Problem, dass Kevin Spacey in "House Of Cards" auftritt und auf der Theaterbühne. Als Richard III. oder Prospero.

Peter Simonischek Foto: Kurier/Juerg Christandl Soll Theater uns etwas über unser Leben sagen, hat es eine gesellschaftliche Aufgabe?

Ja, das ist mir schon wichtig, obwohl es nicht die ursprüngliche Aufgabe von Theater ist, zu agitieren. Aber eine bestimmte Wirkung erhofft man sich schon. Ich bin allerdings jemand, der gerne darauf setzt, dem Publikum eine Mündigkeit zuzutrauen. Dass das Publikum Lust am Ablesen, am Dahinterspüren hat. Eine Interpretation dem Publikum aufs Auge zu drücken, das gefällt mir überhaupt nicht. Ich halte sehr viel davon, dem Zuschauer ein Angebot zu machen. Und das so verführerisch und unterhaltsam zu machen, dass er gerne dabei ist. Und trotzdem auswählen kann, was zu ihm spricht.

Ist Theater präsent genug in den öffentlichen Diskussionen?

In Wien gibt es immer noch einen Standortvorteil. Das merkt man, wenn man lange in Deutschland gespielt hat. Da gibt es teils große Schwierigkeiten mit den Auslastungen. Und hat man ein Publikum einmal verloren, ist es sehr schwer, es wiederzubekommen. Das Theater muss mit so vielem anderen konkurrieren, Musical, Film, Fernsehen, Sportveranstaltungen, Popkonzerten.

Geht es Ihnen beim Spielen um Wahrheit?

Ich bin ein großer Freund der Wahrheit. Sie ist ein wichtiger Baustein für die Freiheit, die wir genießen. Wenn ich Spaß an der Lüge hätte, wäre ich Politiker geworden.

(kurier) Erstellt am
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