Der abgemagerte Gerald Votava als Vater der jungen Christine Nöstlinger – gespielt von Zita Gaier – in der schönen Literatur-Verfilmung von Mirjam Unger: „Maikäfer flieg“

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Diagonale-Eröffnungsfilm
03/07/2016

"Maikäfer flieg": Eröffnungsfilm der Diagonale

Mirjam Ungers famose Verfilmung von Christine Nöstlingers Kinderbuch "Maikäfer flieg" eröffnet die Diagonale.

von Alexandra Seibel

Die Freude ist riesig. Es sei eine ganz besondere Ehre, die Diagonale in Graz zu eröffnen, sagt Mirjam Unger. Sie ist die Regisseurin von "Maikäfer flieg" und hat eine famose Verfilmung des berühmten Kinderbuchklassikers von Christine Nöstlinger geliefert. Dienstag Abend hat "Maikäfer flieg" zum Auftakt des österreichischen Filmfestivals Premiere – in der Helmut-List-Halle. Und das sei schon "ein bisschen wie Stadion-Rock", grinst Unger. Auch Ursula Strauss, eine Hauptdarstellerin in "Maikäfer flieg" (Kinostart: Freitag), weiß schon, dass sie "sehr aufgeregt" sein wird; nicht zuletzt deshalb, weil sie den fertigen Film noch gar nicht gesehen hat.

Wer ihn schon gesehen und für gut befunden hat, ist Christine Nöstlinger selbst: Die 79-jährige Erfolgsautorin hat in "Maikäfer flieg" ihre Erlebnisse als neunjähriges Mädchen nach Kriegsende verarbeitet. Sie erzählt davon, wie sie im April 1945 mit ihrer Familie in eine Villa in Neuwaldegg flüchtete. Die einmarschierenden Russen nahmen dort Quartier und die junge Christl freundet sich mit dem russisch-jüdischen Koch Cohn an.

Christl – eindrucksvoll: Zita Gaier – ist ein willensstarkes Mädchen und reibt sich an ihrer Mutter (Strauss). Nöstlinger meinte dazu schmunzelnd: Ihre Mutter hätte zwar viel gekeppelt – "aber so viel auch wieder nicht."

KURIER: Frau Strauss, Sie spielen die Mutter der jungen Christine Nöstlinger. Hatten Sie ein Vorbild?

Ursula Strauss: Es ist aufregend, die Mutter einer Frau zu spielen, die man sehr verehrt. Aber apropos "zu viel gekeppelt": Wenn man am Set steht, denkt man nicht dauernd darüber nach, ob man eine Figur "richtig" spielt. Für mich ist sie trotz allem eine fiktive Figur – und so, wie ich sie empfunden habe, war sie eine sehr coole Frau. Sie weiß, was sie will und sie ist stark. Gleichzeitig ist sie aber auch von der Situation überfordert. Es gibt viele Reibungspunkte zwischen ihr und ihrer Tochter, doch in Wahrheit findet sie es gut, dass das Kind so eine Kraft hat und eigenwillig ist.

Wie haben Sie sich konkret auf die Notsituation der Nachkriegszeit vorbereitet?

Mirjam Unger: Es gab ein extra Diät-Catering, ein "Kriegscatering" – so absurd es ist. Alle haben viele Kilos verloren, am extremsten Gerald Votava (er spielt den Vater von Christl, Anm.): er nahm 30 Kilo ab.

Strauss: Am Set haben alle gefressen, nur wir Schauspieler haben Apfelstücke, Nüsse und Suppe gegessen – ich habe 8 Kilo abgenommen. Auch das Kriegsgewand anzuziehen, war ganz schön heftig. Alte Klamotten, voll mit Jahrzehnten von Schweiß vieler Menschen – das kriegt man nicht mehr sauber. Man fühlt sich mies, das Gewand hat gestunken. Natürlich kommt man an die Wirklichkeit nie heran, aber wir haben versucht, es so gut wie möglich nachzuvollziehen.

Gab es Überlegungen in Schwarzweiß zu drehen?

Unger: Ja, doch letztlich habe ich mich dagegen entschieden. Ich wollte ein eigenes Universum schaffen. Und es war mir sehr wichtig, dass wir es mit der heutigen politischen Situation verknüpfen.

Strauss: Es was absurd zu drehen und zu wissen, dass parallel Dinge passieren, die an frühere Ereignisse erinnern. Wenn man sich Fotos von Flüchtlingsströmen von damals anschaut – da gibt es zu heute keinen Unterschied.

Wie verlief das Zusammenspiel mit den Kindern?

Unger: Die Kinder sind sehr mit Ursula mitgegangen. Es hat gut funktioniert, bis auf den Anfang: Wir sind mit einer sehr schwierigen Szene eingestiegen, wo Ursula mit Christl – Zita Gaier – sehr schimpft. Zita kommt aus einer Familie, wo nie wirklich geschimpft wird. Sie kennt das nicht, und sie konnte auf einmal nicht mehr zwischen Spiel und Wirklichkeit unterscheiden, obwohl wir die Szene sehr gut vorbereitet haben.

Strauss: Es ist ihr ganz stark eingefahren. Für mich war es beim Spielen schrecklich, weil ich gemerkt habe, wie es bei ihr verschwimmt. Als es vorbei war, konnte sie mich nicht mehr ansehen und hat nicht mehr zu weinen aufgehört. Irgendwann sind wir uns dann in den Armen gelegen. Wir haben dann dazwischen viel gekuschelt.

Die Erwachsenen sprechen stark Wiener Dialekt, die Kinder nicht. Warum?

Unger: Ich habe ganze Listen von Wiener Ausdrücken gesammelt, die heute kaum noch verwendet werden – Worte wie "Rotzmensch", "Saperlott" oder "Rabenbratl". Es ist eine Sprache, die wir noch aus den 70er-Jahren kennen und die ich vor dem Verschwinden retten wollte. Aber bei Kindern ist das sehr schwierig: Kinder von heute sprechen diesen Dialekt nicht mehr. So haben wir beschlossen, dass die Erwachsenen Dialekt sprechen, die Kinder kaum.

In einer Szene flüchtet die Familie durch die Kanalisation. Ein Verweis auf den Wien-Film-Klassiker "Der dritte Mann"?

Unger:Ja, das war Absicht. Zum einen hätte es wahnsinnig viel gekostet, Straßenzüge so zu präparieren, dass sie wie im Jahr 1945 aussehen. Außerdem habe ich einen starken emotionalen Bezug zu Wien-Filmen. Ich habe ja "Maikäfer flieg" auch ein bisschen gemacht, um die österreichische Zivilbevölkerung, die während des Kriegs hier geblieben ist und nicht-jüdisch war, besser zu verstehen. Mein Großvater hat nach dem Krieg einen Heurigen, eine Hendl-Station in Sievering aufgemacht, direkt gegenüber der "Wien-Film". Da sind dann alle Schauspieler hingekommen und der Lieblingsgast meines Großvaters war Anton Karas (Komponist der Kennmelodie von "Der dritte Mann", Anm.) Immer, wenn genug getrunken worden ist, hat Karas dann die Melodie vom "Dritten Mann" im Lokal gespielt. Andere Gäste waren die Hannerl Matz, Willi Forst, Romy Schneider, Peter Alexander. Aus diesen Geschichten und Sehnsüchten komme ich her – und deswegen hat es mich auch so gefreut, mit "Maikäfer flieg" eine österreichische Geschichte zu erzählen.

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