© Harry Gangl

Reise Wien - Astana
07/26/2015

Die Kinder vom Baikal und der burjatische Sonnenpanzer

Ein Sprichwort sagt "Wer Kinderlachen überhört, übersieht auch die Farben der Welt" und die Farben sind doch erst das, was das Leben lebenswert macht, das Herz höher schlagen und den Tempel der Nächstenliebe Stein für Stein wachsen lässt!

von Harry Gangl & Sieglinde Spanlang

Zum Lachen brachte uns heute am Weg nach Ulan Ude zunächst der Umstand, das "Fensterln" scheinbar auch hier im östlichsten Russland nicht fremd ist! Bei genauer Betrachtung wurde das Lachen aber zu einem echten Zwerchfellproblem, denn das Haus hatte tatsächlich keine Türe. Ned hint und ned vuraun", wie Hubert von Goisern an anderer Stelle schon mal beim "Hirtermadl" festgestellt hat. Also muss man - um sein Maderl küssen zu können, wohl beim Fenster rein, die aber sicher keine Freude dran hat, wenn man ihr Schlafgemach als Durchzugsstrasse sieht und dann nach unten verschwindet, wie dem auch sei - war wohl billiger als die Alarmanlage...und der angrenzende Friedhof mitten auf der Straße machte das Gesamterscheinungsbild des Ortes auch nicht erbaulicher. Dazu ist zu erwähnen, dass die Blumen kein Wasser brauchen, seidig in der Sonne glänzen und die BesucherInnen meistens am Bankerl vor den Grabsteinen den einen oder anderen Wodka trinken "na naschu druschbu" oder so quasi "auf dich, mein alter Freund"... In der Ulica International im Ort Babushkin treffen wir Pallina, Lilia, Nadja und Vanja, die sich über ihre Bären und Malfarben dermaßen freuen, dass sie uns noch lange "Spasibo" nachrufen und wohl heute glücklich mit Ihrem Kuscheltier einschlafen werden! Wir sehen jedenfalls in diesem Moment wieder einmal alle Farben des Regenbogens. Bedenkt man, dass ihr Haus gerade im Erdboden zu versinken droht...auch Dascha ein paar Dörfer weiter, direkt am Baikal, hat ein nicht gerade sehr schönes Schicksal hinter sich, als ein Zug den Wagen ihrer Tante erfasst und ihn zermahlt...sie glaubt es kaum, dass Fremde ihr etwas schenken...einfach so...das kennt man hier nicht wirklich, na ja, bei uns ist's auch nicht anders...aber ich gebe die Hoffnung nicht auf...

Hoffnung ist ein gutes Stichwort, denn es war mehr, oder weniger ein Zufall, dass wir am Kloster aus dem Jahr 1682 von Pater Maxim vorbeikommen, wenige Kilometer vor Ulan Ude, er uns die freiwilligen Renovierungsarbeiten der Bevölkerung zeigt, uns durch das Kloster und den wunderschönen Garten umgeben von bitterster Armut führt. Im Gespräch erfahren wir von Kinderheimen, Waisen und tuberkulosekranken Kindern. Wir hoffen, ihnen ihre Ängste, Sorgen und die Einsamkeit durch neue (Winter-)Kleidung, Malfarben, Zeichenblöcke und die berühmten "Thomas Gottschalk Bärchen" ein wenig nehmen zu können...

Wir legen danach auch noch zwei 50 Kopeken - Münzen auf die Schienen und lassen die vorbeifahrende Transib drüber rattern, um so Glückstaler mit auf dem Weg zu haben, bevor wir in die nächste, sehr interessante Stadt kommen.

Denn in keiner anderen Stadt ist Russland asiatischer als in Ulan-Ude: Die Hauptstadt der autonomen Teilrepublik Burjatien hat einen geradezu unrussischen Charme und Flair.

Moskau ist weit und das spürt man, denn sogar Lenin am Hauptplatz hat hier unübersehbar mongolische Gesichtszüge. Und dabei steht auf dem Sowjetplatz vor der Dependance des Aussenministeriums in der burjatischen Hauptstadt nicht einfach irgendeine Leninstatue, sondern der größte Leninkopf der Welt. Groteske fünf Meter hoch ist das Granitdenkmal aus den frühen 70er Jahren.

Man sieht dem Stadtzentrum von Ulan-Ude an, dass es am Reißbrett eines sowjetischen Stadtplaners entworfen wurde. Und trotzdem geht ihm ein gewisser Charme nicht ab. Es ist schwer zu fassen, was die unrussische Atmosphäre der Stadt denn eigentlich ausmacht.
Neben der lieblichen Lage in einer sanften Hügellandschaft, sind es wohl vor allem die freundlichen Bewohner der Stadt – 30 Prozent von ihnen sind Burjaten.

Wie in einer anderen Welt fühlt man sich im alten Teil von Ulan-Ude. Entlang der schmucken, modernen Lenin-Straße blitzt immer wieder für einen Augenblick das alte Russland auf: Hier haben sich erfolgreiche Handelsleute und hohe Beamte in zaristischer Zeit repräsentative Häuser bauen lassen. zudem gibt es noch viele vorsowjetische Holzhäuser, die zum Teil in bedrohliche Schieflage geraten sind, mit Hydranten davor, wo sich die Menschen ihr gesamtes Nass holen müssen, denn mit Fliesswasser in den Häusern sieht's schlecht aus.
An Sommerabenden wie heute verwandelt sich die Lenina in eine riesige Flaniermeile, an der Ulan-Udes Jugend einem fast mediterranen Lebensgefühl frönt und mit uns lachend den Abend einläutet, doch für uns ist es Zeit, ins Bett zu kommen. Der kleine Zeiger steht bereits auf der eins und morgen geht's früh raus aus Russland - zu den Erben von Dschingis Khan...
Ah ja, fast hätte ich's vergessen. Biertrinker sollten sich vor 21:00 Uhr mit dem gelben Gerstensaft eindecken, denn die Landesgesetze verbieten den Verkauf des Selbigen danach. Nach dem Motto. Am Tag kannst dich besaufen und einkaufen, so viel du möchtest, am Abend ist aber Schluss mit lustig...

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