Reise 21.01.2012

Wenn Reich & Schön eine Shopping-Pause einlegen

Ski-Spektakel: Ein Mal im Jahr zeigt Kitzbühel zwei Gesichter – neben der Prominenz gibt sich auch die Promillenz ein Stelldichein im Tiroler Land.

"Ist doch gar nicht so schlimm, dieses Kitzbühel. Was die alle haben!?", denkt sich derjenige, der am Mittwochabend vor dem Hahnenkamm-Rennen durch die Gassen schlendert. Ruhig ist es, schön verschneit, fast ein wenig besinnlich. Nur hie und da Fahnen oder Plakate, die auf die bevorstehende Sause hinweisen. Wo sind sie denn nun, die besoffenen Menschenmassen, vor denen alle gewarnt hatten?

Zwei Tage später, die Antwort: Während die Renn-Verantwortlichen darum kämpfen, die Streif für die Abfahrt am Samstag befahrbar zu machen, hat sich die Kitzbüheler Innenstadt zur Außenstelle des Münchner Oktoberfests entwickelt. Wo am Mittwoch noch unbehelligt Nerz an Nerz durch die elitäre Kleinstadt spazierten, sind nun auf jedem freien Zentimeter Essensstände aus dem Kopfsteinpflaster gewachsen: Von pikanten Crepes, gebratenen Mandeln und Kebab bis hin zu Bratwurst und Riesensteak gibt es hier alles, was das Herz des Volksfesthelden begehrt – und nach all dem riecht es auch.

Die Schreiwilligen

Während Arbeiter damit beschäftigt sind, das Regen- und Schneewasser von den Straßen zu schaufeln, wuzelt sich bereits eine beachtliche Menschenmasse durch die Altstadt. Rihanna, Rainhard Fendrich und Creedence Clearwater Revival schreien den Unterhaltungswilligen den Weg. Es ist schwer bis unmöglich zu sagen, wer das musikalische Duell gewinnt. Aus Sicht der drei Schweizer vor der ORF-Tirol-Bühne, die sich mit bunten Regenschirmhüten vor dem starken Schneefall schützen, ist es offenbar der Wiener Austro-Popper.

Auf der Hut

So beschaulich zeigt sich Kitzbühel den restlichen Winter.
Weltbekannt ist Kitz für sein Après-Ski und seine 700 Jahre alte Altstadt. Die Shopping-Meile und die vielen Promi-Treffpunkte z… © Bild: Markus Mitterer/Kitzbüheler Alpen

In Sachen extravaganter Aufputz ist Kitzbühel sowieso das Paradies der Mutigen. Ob Geweih-Hut, blinkende Hasenohren oder rosa Plüschschwein-Kreation – keine Kopfbedeckung scheint zu hässlich, als dass man sie nicht mit einem kleinen Louis-Vuitton-Täschchen kombinieren könnte.

Kein Wunder also, dass der Shop des französischen Luxustaschen-Herstellers in der Vorderstadt untertags auf die kaufkräftige Besucherschicht eine gewisse Anziehungskraft ausübt. Im Minutentakt schreiten Damen in bunten Anorak-Kreationen und zotteligen Schuhen, die locker als Haustiere durchgehen könnten, durch die Glastür. Freilich ist während des Abfahrtsrennens Shopping-Pause angesagt – man will sich ja im Zielraum sehen und die neuen Accessoires bewundern lassen.

Zwei Straßen weiter hat sich unterdessen vor der barocken Weltcup-Hütte eine ansehnliche Menschenmasse eingefunden. An Bierdosen und Glühwein-Becher geklammert, scheint man sich Mut anzutrinken. Ob für die angekündigte Autogrammstunde der ÖSV-Rennläufer Christoph Dreier, Reinfried Herbst und Rainer Schönfelder oder wegen der Ansprache von Harry Prünster? Letzterer gab einen Alkoholiker-Witz zum Besten, ein paar haben mit glasigen Augen gelächelt.

Trink-Fest

Fansationelle Angebote: Ein paar Euro, und jeder weiß, wo er her ist.
© Bild: Agentur DienerDIENER/Philipp Schalber

Vier Stunden später ist hier das Trink-Fest voll im Gange. Mit mehr Glück als Verstand hat auch eine Gruppe von angeflaschelten Bode-Miller-Fans den Rückweg von der Startnummern-Auslosung im Zielhang unversehrt überstanden. Für einen Moment hatte es nämlich danach ausgesehen, als könnte sich der betrunkene Steve ob der Rutschigkeit des Untergrundes mit der mitgebrachten amerikanischen Flagge erdolchen. Gerade nochmal gut gegangen!

Je später der Abend, desto ausgelassener die Stimmung der Multikulti-Grüppchen, die durch die Kitzbüheler Altstadt waten. Man stützt sich gegenseitig in abschüssigen Gehsteigpassagen, tanzt in den braunen Lacken mit den Bierdosen um die Wette und hilft einander gegenseitig auf, nachdem die Schwerkraft wieder einmal zugeschlagen hat – auch auf die Gefahr hin, dass man Sekundenbruchteile später selbst am Kitzbüheler Asphalt liegen könnte. So wird eben gefeiert, abseits der Weißwurst-Paläste von Schön und Reich.

Ist ja doch gar nicht so übel, dieses Kitzbühel.

( Kurier ) Erstellt am 21.01.2012