"Welthandel produziert Hunger"

Anstellen um Nahrung: In Somalias Hauptstadt Mogadischu warten Kinder geduldig auf die Ausgabe von lebensrettenden Rationen.
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Die US-Ernährungsexpertin Christina Schiavoni über die Hintergründe von Hunger und Nahrungsmittelkrisen.

Betroffen schaut die Weltöffentlichkeit auf die Hungerkatastrophe in Ostafrika. Doch Krisen wie diese sind nicht nur Folge von Dürre und Bürgerkriegen, sondern auch Konsequenz aus globalem Handel und Spekulation mit Nahrungsmitteln, meint Christina Schiavoni. Mit ihrer Organisation "Why Hunger" kämpft die New Yorkerin für ein Umdenken in Landwirtschaft und Agrarpolitik. Als Gast des "Nyeleni-Forums" für Ernährungssouveränität in Krems sprach sie mit dem KURIER über ...

... die Hungersnot in Ostafrika Natürlich sind hier Dürre und jahrzehntelanger Bürgerkrieg die Hauptfaktoren. Aber das globale Geschäft mit Nahrungsmitteln, zwingt viele Bauern in Entwicklungsländern dazu, für den Weltmarkt anstatt für sich und ihre Landsleute zu produzieren. In diesen Regionen sind die Hauptopfer von Hunger meist die Menschen, die selbst Lebensmittel produzieren, also Bauern.

... Spekulation Die Finanzspekulation mit Nahrungsmitteln sorgt für die extremen Preisschwankungen und macht es vielen Ländern daher unmöglich, Nahrungsmittelreserven für ihre Bevölkerung anzulegen. Damit setzen sie diese aber der ständigen Gefahr von Krisen der Versorgung aus. Die Landwirtschaft verliert damit ihre wichtigste Funktion: Die Ernährung der eigenen Bevölkerung sicherzustellen.

Anstellen um Nahrung: In Somalias Hauptstadt Mogadischu warten Kinder geduldig auf die Ausgabe von lebensrettenden Rationen. Foto: ap Anstellen um Nahrung: In Somalias Hauptstadt Mogadischu warten Kinder geduldig auf die Ausgabe von lebensrettenden Rationen.

... Opfer und Gewinner des weltweiten Handels mit Nahrungsmitteln Egal, ob in den Entwicklungsländern oder in den westlichen Industrienationen, die kleinen Bauern profitieren nie vom freien Welthandel, meistens schadet er ihnen nur. Gewinner sind große, global agierende Agrarkonzerne. Sie profitieren am meisten von den großzügigen Agrarförderungen, etwa in den USA. Die kleinen Bauern sind nur Gefangene dieses Systems, das sie immer mehr in Schulden und Abhängigkeiten stürzt.
Die Forderung nach Freihandel wird zwar auch von Regierungen vieler Entwicklungsländer gestellt, das ist aber nicht im Interesse der dortigen Bauern. Für die ist ein funktionierender lokaler Nahrungsmittelkreislauf wichtiger als Exporte.

... eine neue Agrarpolitik Wir in den USA, aber auch andere Industrieländer müssen viel gezielter Kleinbauern und lokale Lebensmittelproduktion fördern. Die finanziellen Mittel sind ja vorhanden, wenn man sich anschaut, wie großzügig die Massenproduktion von Mais und Soja gefördert wird. Eine lokale, kleinräumige Landwirtschaft schafft Arbeitsplätze, aber sie schützt uns vor allem vor globalen, von Spekulation vorangetriebenen Nahrungsmittelkrisen.

Viele meinen, wir, also die Kunden, hätten die Macht, die Landwirtschaft nur durch unser Kaufverhalten grundsätzlich zu verändern, sozusagen Politik mit Messer und Gabel zu machen. Doch das können viele Menschen nicht, schlicht weil ihnen die finanziellen Mittel fehlen. Also braucht es die Regierungen und eine neue Agrarpolitik - auch weltweit. Die WTO ist die falsche Institution, um das globale Agro-Business zu kontrollieren. Das wäre Aufgabe der UNO. Nur so kann man das Grundrecht jedes Landes garantieren: Alles tun zu können, um die eigene Bevölkerung zu versorgen. Wenn es um Ernährung geht, sollte jedes Land alleine entscheiden, was nötig ist.

(kurier) Erstellt am
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