Tirol: Bergparadies und Transithölle

Wintersturm über dem Olperer, Zillertaler Alpen.
Foto: Bernd Ritschel

Bergfotograf Bernd Ritschel im KURIER.at-Gespräch über seinen neuen Bildband, den Tiroler Bau-Boom und welche Folgen das für die Landschaft hat.

Ob am Gipfel eines Siebentausenders, in der winterlichen Arktis oder beim Wandern in den tropischen Bergen des Regenwalds - seit über 20 Jahren ist die Kamera Bernd Ritschels ständiger Begleiter. Für seinen neuesten Bildband blieb er jedoch zuhause und fotografierte die Berge Tirols. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Ein stimmungsvolles, beeindruckendes und ehrliches Portrait der Tiroler Landschaft und seinen Bewohnern. Was er sonst über seine Wahlheimat, den Tourismus und die Natur denkt, lesen Sie hier.

KURIER.at: Tirol war bereits im Mittelalter ein Transitland. Händler und Reisende wanderten über den Brenner, Fernpass und Reschenpass. Meist einsam. Heute quälen sich die Autofahrer in Staus. Dirk Stermann, wie Sie ein gebürtiger Deutscher, behauptet, wenn man sich vorstellen möchte, wie die Anwohner der Brennerstrasse leben, dann sollte man durch einen Schlauch zwei Stunden die Abgase eines Kleinwagens inhalieren. Ist da etwas Wahres dran?

Bernd Ritschel: Ja, in gewisser Weise. Das Verkehrsaufkommen ist aber nicht nur am Brenner enorm, sondern auch im Inntal. Dazu kommt die Industrie. Ich war erstaunt wie schwierig es war, naturbelassene Stellen am Inn zu finden, ohne störende Industrieanlagen, Hochspannungsleitungen oder Steinbrüche im Hintergrund.

Wird Ihrer Meinung nach in den Bergen also zu viel gebaut, zubetoniert und eingeebnet?

Die Berge sind in meinen Augen ein perfekter Erholungsraum. Die Natur, die Luft, die körperliche Betätigung und generell die Kraft, die von den Bergen ausgeht, wirkt auf viele Menschen sehr beruhigend. Verbaut und erschlossen ist mittlerweile jedoch mehr als genug. Ich bin gegen jede Erweiterung bzw. Neuerschließung von Skigebieten. Natürlich kann es da und dort Sinn machen alte Anlagen zu erneuern, aber die vorhandenen Kapazitäten sind absolut ausreichend. Die Natur ist unser aller und vor allem Tirols wertvollstes Kapital. Das sollten wir bewahren und schützen - vor allem für die folgenden Generationen.

Die Berge drohen im Kampf gegen "Sonne-Sommer-Strand" Marktanteile zu verlieren. Hat das in Ihren Augen also auch etwas Gutes - denn schließlich findet man auf überrannten Bergen genauso wenig Ruhe, wie auf überfüllten Stränden?

Warum sind wir immer - also auch mit einer Stagnation auf hohem Niveau - unzufrieden? Wo sollen wir noch hin wachsen? Als Bergfotograf komme ich in den Alpen sehr viel herum und stelle fest, dass gerade die "stillen" und naturbelassenen Destinationen im Sommer überaus erfolgreich agieren. Dort geht es nicht um Masse, sondern um Qualität. Zum Beispiel das Vermarkten einheimischer Produkte, um Wellness usw. Ein schöner Kinderspielplatz bringt dem Sommertourismus oft viel mehr als drei neue Liftanlagen. Dazu ehrliche Natur-, Kinder- und Biohotels. Gleichzeitig ist das Wandern in den letzten Jahren mehr denn je zu einem Trendsport geworden. Mit ein wenig Kreativität findet jeder seine einsame "Traumwanderung".

Wintersturm über dem Olperer, Zillertaler Alpen. Foto: Bernd Ritschel Wintersturm über dem Olperer, Zillertaler Alpen.

Die ursprüngliche bäuerliche Lebensart in Tirol avancierte zum Inbegriff der Tiroler Identität. Hat sich Tirol vor lauter Folklore und Heimatkitsch mit Schuhplattln, Dirndl und Lederhosen auch selbst ein bisschen aus den Augen verloren?

Wer Folklore und Heimat und damit wertvolles Kulturgut wirklich lebt, verliert sich niemals. All jene die Tradition und Kulturgut nur als Umsatzbringer sehen, werden irgendwann ihre Identität und damit auch einen Teil ihrer Heimat verlieren. Da stellt sich wieder die harte Frage: Wo endet ehrlicher Tourismus und wo beginnt Prostitution?

Das Image, der Kern der Marke "Tirol" baut sich laut Eigendefinition des Tirol Tourismus auf den Werten: eigenwillig - freiheitsliebend - echt - stark - stolz auf. Könnte man so auch den typischen Tiroler charakterisieren?

Zum Teil. Im positiven Sinne gemeint, sind die Tiroler aber genauso "eigen" wie wir Bayern.

Im Kapitel "Eines langen Tages Abend" beschäftigen Sie sich mit dem Leben von Menschen, die ihr ganzes Leben sehr stark mit den Bergen verbunden waren bzw. ihr ganzes Leben in den Bergen verbrachten. Was glauben Sie, kann der "gemeine" Städter von ihnen lernen?

Wir könnten so viel von diesen Menschen lernen: die Geduld, die Ruhe, der (Über-)Lebenswille, aber auch den Respekt vor der Natur. Langfristig nährt nur sie uns und nicht die neue Seilbahn für 37 Millionen Euro.

Und welche sind die weniger guten Eigenschaften der Tiroler?

Generell würde ich sagen, ist es die Gier nach immer mehr. Nach mehr Geld und mehr Einfluss, ohne Rücksicht auf die Natur, die Ressourcen und Mitmenschen. Das betrifft aber nicht nur die Tiroler, sondern das sieht man überall auf der Welt.

Empfinden Sie es auch so, dass auf der einen Seite, immer mehr Menschen in Städten wohnen und sich ihr Alltag von der Natur entfernt, gleichzeitig aber die innere Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, Authentischen und Romantischen immer größer wird?

Ja, ganz massiv sogar. Gegensätze ziehen sich eben an. Für die Entwicklung von Kindern ist die Natur immens wichtig, aber auch für die Regeneration und Erholung Erwachsener. Vor allem wenn sie in lauten und hektischen Ballungsräumen leben.

Manche ihrer Bilder sind Detailaufnahmen, die sich der filigranen Schönheit von einzelnen Alpenblumen, Blüten und Blättern widmen. Manche zeigen wiederum typisches Schön-Wetter-Panorama. Wiederum andere konzentrieren sich auf die Gewalt, die von der Natur ausgeht. Glauben Sie, dass diese Fotos den Menschen zu verstehen helfen, dass die Berge nicht nur schön, sondern auch sehr gefährlich sein können?

Ein wenig schon. Ganz bewusst habe ich für diesen Band nicht nur sonnige Klischee-Bilder gewählt, sondern auch düstere und mystische Stimmungen. Die Berge sind nicht nur schön. Die Kraft, die Gewalt und die Gefahr die von ihnen ausgeht sind für mich jedoch ein Teil der Faszination. Wer schon mal auf einem Gipfelgrat ein Gewitter erlebt bzw. überlebt hat, sieht die Kraft der Natur mit ganz anderen Augen - voller Ehrfurcht, Respekt und oft auch Dankbarkeit dafür, heil davon gekommen zu sein.

Eine Hommage an die Schönheit der Natur

Wintersturm über dem Olperer, Zillertaler Alpen. Foto: Bernd Ritschel Wintersturm über dem Olperer, Zillertaler Alpen.

Woher kommt diese innige Liebe zu Tirol? Spielen da noch andere Faktoren, außer der Bergwelt, eine Rolle?

Eigentlich nicht. Ich kenne hier zwar mittlerweile schon sehr viele Menschen und habe Freunde hier. Allerdings habe ich in Tirol vor 40 Jahren mit dem Bergsteigen begonnen und die ersten Wanderungen als kleines Kind im Ötztal durchgestanden. Vor 35 Jahren kamen dann die ersten Hochtouren vor und fünf Jahre später die ersten großen Wände.

Sie haben auch schon Bildbände über die Berge in Chile und Kenia gemacht. Was ist der Unterschied bzw. das Besondere an Tirol?

Nach rund 90 Fernreisen in 65 Länder verbinde ich die Berge Bayerns und Tirols mehr denn je mit Heimat. Hier habe ich meine ersten Schritte getan und hier werde ich meine letzten Touren gehen.

Ihr Buch ist eine Hommage an die Schönheit der Natur und an ihre Vollkommenheit. Sie schreiben: Was zerstört wurde, ist unwiederbringlich. Ist dieses Buch ihr persönlicher Beitrag zum Umweltschutz? Oder anders ausgedrückt: Ein Appell, zu wahren, was noch nicht zerstört wurde?

Absolut! Ich bin der festen Überzeugung, dass wir mit immer brutaleren und noch kritischeren Fotos viele Menschen eher schockieren und abschrecken. Und damit ökologisch genau das Gegenteil erreichen. Es gilt das "Schöne" wieder zu sehen, wieder zu schätzen und somit auch zu schützen.

Die Berge bedeuten Ihnen sehr viel, nicht wahr?

Sie sind mein Leben.

Und was ist ihr persönlicher Tiroler-Lieblingsberg?

Wunderschön sind zum Beispiel die Grate auf die Weißkugel oder eine schöne Skitour auf die Hohe Munde. Aber auch eine klassische Kletterei in der Südwand der Schüsselkarspitze hat ihren Reiz. Das genieße ich jedes Mal aufs Neue.

Welche Dinge sollte man als Tourist in Tirol unbedingt sehen und auf welche Sehenswürdigkeiten kann ihrer Meinung nach getrost verzichtet werden?

Natürlich werden auch in Zukunft Städte wie Innsbruck und Kufstein touristische Zentren bleiben. Auf meinen Fotoworkshops stelle ich jedoch ganz massiv fest, welche Faszination von der Natur, von tiefen Schluchten, von einem Sonnenaufgang an einem einsamen Bergsee oder zum Beispiel von Gletschern ausgeht. Sehr viele Menschen haben noch nie Gletschereis berührt, geschweige denn einen Blick ins Innere eines Gletschers gewagt. Solche Momente sind für viele unvergesslich. Diese Erlebnisse werden einem jedoch nicht geschenkt, dafür muss man laufen, muss man sich anstrengen. Aber genau das macht diese Eindrücke oft noch wertvoller.

Vielen Dank für das Gespräch.

Wintersturm über dem Olperer, Zillertaler Alpen. Foto: Bernd Ritschel Wintersturm über dem Olperer, Zillertaler Alpen.

Buchtipp:

Tirol: Land in den Bergen. Ein Portrait mit Bildern von Bernd Ritschel und Texten von Susanne Schaber.
Tyrolia Verlag, 255 Seiten
49,90 Euro

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