Stadt, Land, Fluss: Mit dem Boot durch Burgund

Hausboot-Fahrt durch das Burgund
Foto: © Manfred HORVATH   

Drei Generationen heuern auf einem Hausboot in Frankreich an. Für sie alle ist es eine Premiere. Sie begeben sich auf eine Reise, die sie als Großfamilie zusammenschweißen wird. Fotograf MANFRED HORVATH auf einer Wassertour durch das traumhafte Burgund.

An der Schleuse Rully herrscht so etwas wie leise Aufregung. Drei Boote unterschiedlicher Nationalitäten und Flaggen liegen schon am Landungssteg und für das andriftende Boot ist kein Poller mehr zum Anlegen frei. Der Kapitän des langen Schiffes, das aussieht, als wäre darin Koks gebunkert, eine herbe Erscheinung in schwarzem Ruderleiberl, Schiebermütze und Schlapfen, drückt seiner Gehilfin einen Riesenhammer und Eisenhaken in die Hände und weist sie an, an das Ufer überzusteigen. Offenbar soll eine Landfeste zum Anlegen errichtet werden. Die Nachricht von seinem Vorhaben breitet sich unter den anwesenden Crews durch Zurufe rasch aus und im Nu sind ein Dutzend Helfer bereit, um der Lady des kleinen Dampfers zu helfen.

Hausboot-Fahrt durch das Burgund Foto: © Manfred HORVATH

Die Haken werden mit Mordsschlägen in den Boden gerammt und das Schiff wird verzurrt. Der Kapitän verteilt Weingläser an die Helfer und kredenzt einen gut gekühlten Pinot, dem er mit einer weißen Stoffserviette einen Kragen umgeschlagen hat, im Stil eines Sommeliers "Thanks for helping, that was great!", spricht er noch einmal deutlich hörbar seinen Dank an alle aus.

Hausboot-Fahrt durch das Burgund Foto: © Manfred HORVATH Die Landschaft um uns herum ist in warmes Abendlicht gehüllt. Weingärten, so weit das Auge reicht, von Zypressen Platanen und Pappeln aufgelockert, die über die Linie des Horizontes hinausragen. In der Ferne ist ein Dorf erkennbar, es dürfte Rully sein, der Kirchturm liegt im logischen Zentrum dieses realen Bühnenbildes. Ein Blick in die Schleuse zeigt: Ein Boot steht quer und blockiert die Ausfahrt. Offenbar schlechte Leinenarbeit. Vielleicht ein Materialfehler. Oder Anfänger. Wenigstens bleibt Zeit, um mit anderen Reisenden Erfahrungen auszutauschen über kommende Häfen und kulinarische Lockungen der Gegend. Das Dorf dort hinten, Rully eben, sei am schönsten. "Ist etwa 15 Kilometer von hier. Nehmt den Zug zum Weingut am Ortsende, oder fahrt mit den Rädern", raten die netten Franzosen aus Dijon, die vor uns anliegen. "Ja, die Weine sind vom Feinsten, es gibt eine Schnuppertour für Besucher. Dort werden Rotweine aus den Rebsorten Pinot und Gamay und Weißweine aus den Rebsorten Chardonnay, Chablis und Aligoté hergestellt. Die Kirche Saint-Laurent aus dem 14. Jahrhundert mit den strahlenden Glasfenstern und das Schloss nicht vergessen! Und die Quelle des Flusses Thalie ist auch schön gefasst."

Großvaters Idee

Hausboot-Fahrt durch das Burgund Foto: © Manfred HORVATH Der Schleusenwart kommt aus seinem Häuschen, das von Blumen bekränzt ist, und verkündet: "Voilà" – die Schleuse ist wieder frei. Wir ziehen an dem Selbstbedienungs-Mechanismus und das Wasser stürzt hinab wie ein kleiner Wasserfall. Es war Großvaters Idee, eine Flussreise mit der ganzen Familie zu unternehmen. Die Nachbarn hatten ihm den Floh ins Ohr gesetzt. Im Vorjahr durch das Burgund getschumpert, waren sie noch voll der Erinnerungen und enthusiasmiert. Diese Traumlandschaften, flach und vulkanisch kegelig zugleich, Weine der Oberklasse und die köstliche regionale Spezialität Bressehuhn in den Tricolore-Farben (roter Schnabel, weißes Gefieder, blaue Krallen; der einzige Vogel, der EU-nonkonform mit Kopf und Haxen verkauft werden darf) – mit diesen Alleinstellungsmerkmalen machte Großvater die Verwandtschaft neugierig auf die Bourgogne. Und es musste die "La Mystique" sein, das Flaggschiff der Reederei. Mit Steuermöglichkeit sowohl von innen als auch vom Sonnendeck aus, mit Grillterrasse, Sonnensegel, Rooter, Joystick-Steuerung und drei Badezimmern für sechs Passagiere. Ein kleines romantisches Holzboot mit Edelpatina und tröpfelnder Außendusche, wie wir sie oft mit Verliebten auf den Gewässern sehen werden, hätte da nicht gereicht.

Hausboot-Fahrt durch das Burgund Foto: © Manfred HORVATH In Branges, nicht weit von Lyon, starten wir dann ein halbes Jahr später. Boris heißt die gute Seele des Hafens, er bringt uns in einer Spritztour die Grundlagen der Flussschifffahrt näher. Sein Prinzip jedoch ist: Learning by doing. Wir haben uns den besten Ort zum Einfahren ausgesucht. Der Fluss Seille, der sich kristallklar, mit natürlicher Uferböschung und reichlich Dickicht vor uns ausbreitet, ist der ideale Ort zum Üben.

Übung macht den Meister. Oder auch nicht...

Hausboot-Fahrt durch das Burgund Foto: © Manfred HORVATH Unbeobachtet können wir die Trägheit des Schiffes testen, die ersten Kurvenradien einschätzen, anfangs falsch einschlagen und die überraschende Höhe der Kabine durch Entlauben von Ästen der Aubäume veranschaulichen. Schon bald ist der Platz um das Steuer so dicht mit organischem Material bedeckt, als wäre eine Biotonne im Vorgarten umgestürzt. Die ersten Stromkilometer dienen der Abstimmung von Material und Personal. Zum Glück ist die Seille hier so eng, dass nahende entgegenkommende Fahrzeuge jedes Mal einen Signalton abgeben.

Bei all dem Üben und Ausprobieren entgeht uns dennoch die Schönheit der Flusslandschaft nicht, sie ist hier unberührt wie in einem Naturreservat. Ein Seidenreiher sitzt regungslos da und wartet mit seinem spitzen Schnabel auf einen Fischimbiss. Eisvögel befliegen geschäftig ihre Höhlen in der Böschung mit Futter für ihre Brut. Ihr Gefieder schimmert in irisierenden Blautönen.

Bei der ersten Schleuse in Le Villars, die uns auf das Niveau der Saône bringen soll, haben wir Glück, als zweites Schiff in die Anlage einfahren zu können – so schauen wir uns die Handgriffe für die Selbstbedienung von dem routinierten Team vor uns ab.

Der Fluss wird an dieser Stelle breit wie die Donau in der Freudenau. Weites Schauen ist hier möglich. Unsere Schiffsschraube teilt stampfend die Saône und erzeugt krause Wellen, die sich an Land in Form der grünen Vulkankegel fortzupflanzen scheinen. Eine Herde beiger burgundischer Charolais-Rinder hat sich mit weißen Pferden gemischt. Die Tiere weiden in friedlicher Eintracht und laben sich im Wasser des Stromes.

Hausboot-Fahrt durch das Burgund Foto: © Manfred HORVATH Ein romanischer Turm ist am Horizont erkennbar, es muss wohl zur Abteikirche Saint Philibert in der Stadt Tournus gehören, eine der schönsten frühromanischen Basiliken in Frankreich. Ein Stadtspaziergang nach erfolgreichem Anlegemanöver am Hafen führt uns zur Erkenntnis, dass es auch in der Kirche Schiffe gibt, und zwar drei. Das "Bressehuhn, geschmort mit Topinambur im Römertopf" im Altstadt-Restaurant ist schon von anderen Seebären aufgegessen, aber ein "Entrecôte vom Kalb mit Pilzsauce" und ein trockener, charaktervoller Chablis lassen das lukullische Erlebnis doch noch gut enden. In Chalon Sur Saône gibt es einen vertitablen Luxushafen. Ohne telefonische Reservierung (die Nummer des Hafenkapitäns steht in der Betriebsanleitung) ist es schwierig, einen Ankerplatz zu bekommen. Er kommt auch gerne als Gast-Steuermann an Bord, um in seiner charmant zurückhaltenden Art die "Mystique" in die enge Einparkstelle zu reversieren.

Wohin Fotografen pilgern

Ein schöner Spaziergang durch die engen Gassen von Chalon führt uns zur beinahe abgöttisch verehrten Pilgerstätte aller Fotografen, ins Musée Nicéphore-Niépce. Dieser Herr mit dem unaussprechlichen polnischen Namen ist der Schöpfer der ersten Fotografie. 1826 bannte er acht Stunden lang eine Hinterhof-Szene auf eine Asphalt-Platte und gilt mit dieser Heliographie als Erfinder der Fotografie.

Hausboot-Fahrt durch das Burgund Foto: © Manfred HORVATH Verlässt man Chalon in Richtung Norden, neigen sich die Kräne des Industriehafens scheinbar zum Gruß. Ab Champforgeuil beginnt der Canal du Central. Erste Pläne für einen Binnenschifffahrtskanal, der das Mittelmeer erreichen sollte, stammen bereits von Leonardo da Vinci. Die Inbetriebnahme für Kohletransporte war 1793. Heute wird der Kanal nur mehr von Freizeit- und Sportbooten benützt. In den Duktus der Schleusen mischt sich agrarische Kulturlandschaft. Bauern kreuzen frühmorgens über filigrane Stahlbrücken den Wasserweg und winken freundlich herunter. In Chagny ist es einmal umgekehrt und unsere flüssige Straße quert den Bahnhof in einer kühnen Wasserbrücke. Schienen laufen aberwitzig unter uns durch. Just am Wendepunkt der Tour, wo wir umkehren, in Chagny, ist unser Propangas-Vorrat zu Ende. Ein freundlicher Nachbar zeigt uns, wo man Strom zapfen kann – die Steckdose ist in raffinierter Weise in einer Nische der Straßenlaterne versteckt.

Da hilft der schönste Markt nicht, wenn man die Töpfe nicht erwärmen kann. Grund genug, das "L’Écluse" ("Die Schleuse") zu besuchen. Es kann mit Fug und Recht behauptet werden: Hier zu speisen ist der Gipfel der Tour.

Hausboot-Fahrt durch das Burgund Foto: © Manfred HORVATH

(kurier "freizeit" am samstag) Erstellt am
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