Reise
26.02.2018

Galicien ist mehr als nur der Jakobsweg

Galicien ist der Durchlaufposten der Jakobspilger. Doch der Blick über den Tellerrand der Wallfahrtsstrecke lohnt sich.

Alles eine Frage der Einteilung. Ich hatte es mir von den ganz Großen des Marathonlaufs abgeschaut. Nicht unterwegs Tempo machen, zumindest nicht zu viel. Du brauchst Kraft für die letzten Meter. Auf die letzten Meter kommt es an. Die kleinen Punkte, die den Küstenweg herunterschlurfen, sind jedenfalls keine Konkurrenz. Auch dann nicht, wenn sie langsam größer werden. Größer, aber meistens nicht dicker. Immerhin handelt es sich um Jakobspilger, die bei der Bucht von Muxia bereits ziemlich am Ende sind. Sie liegt im Nordwesten Spaniens, in der windigen Provinz Galicien, und nahe des Cabo Fisterra, wo sich der Jakobsweg in die Draufgabe der Camino Finisterre verwandelt hat.

Die Kelten hielten das Kap für das Ende der Welt, vermutlich waren iberische Kelten Nichtschwimmer und schlechte Segler. Aber wer sich Galicien auch ohne Wanderstab und verschwitzter Socken vorstellen kann, vielleicht sogar als Barfuß-Destination, der entdeckt am Ende der Welt einen perfekten Startplatz Richtung Traumurlaub.

Starten wo der Jakobsweg endet

Wir hatten den Trip jedenfalls ohne Pilgermenü angedacht. Der Reiseplan war ziemlich simpel. Dort loszuspazieren, wo die Jakobswegmenschen allerspätestens umdrehen. Zuallererst gleich zum Strand hinunter, der hier mal Karibiktürkis schimmert, dann wieder so maskulin Navy, wie es sich für den Atlantik gehört. Ein bisschen gelbes Stechginster-Leuchten einstreuen, außerdem prüfen, ob das Wasser nicht vielleicht doch wärmer geworden ist. Nada. Was sich in einer Gegend wie Galiciens Westen ebenfalls nie ändert: Der stete Geruch nach Austern und frischen Miesmuscheln, die man hier wie schwarze Brombeeren von den Klippen pflücken kann.

Ab und zu leuchten kleine Fischerdörfer im samtgrünen Faltenwurf der bizarren Küste, deren hingeduckte weiße Häuser eher an Irland denken lassen. Was ja auch für den Kohl der hängenden Vorgärten gilt, der am Atlantik seine botanische Kinderstube hat. Weniger wetterfestes Gemüse als Kohl hält entlang der Costa de la Muerte, der dramatisch stürmischen Küste des Todes, auf Dauer nicht durch. Und: das viele Grün will erst mal verdient sein. Im Falle der galicischen Küste, die Generationen von Seefahrern und Amerika-Lotsen hervorgebracht hatte, mit gut hundertfünfzig Regentagen im Jahr.

Aber Galicien minus Jakobsweg kann mehr als bloß nach unterkühltem Karibikstrand aussehen, und eine Bucht weiter nach Skye oder den Hebriden. Das verrät auch die Degustations-Dame im Innenhof der Bodegas del Palacio de Fefiñanes, die ein wenig prüfend von Weinstock zu Weinstock trippelt, von der Eleganz der berühmten Rías-Baixas-Weine schwärmt, des besten Weißen weit und breit. Albariño heißt die Rebe, und der umliegende Hauptort des Salnés-Tals Cambados.

Feine Steine mit Vergangenheit

Nach urbanen Perlen, wie dem Weinort Cambados, muss man in Galicien nicht allzu lange suchen. Beispiel Ourense: Eine steinerne römische Bogenbrücke und antike Thermalquellen finden sich hier, und am arkadengesäumten Hauptplatz Praza Maior laden Tapas Bar zum Meditieren über altmodische Hüte ein. Die ehemalige Königsresidenz germanischer Sueben beschert sogar ein wenig Santiago-de-Compostela-Feeling: Schließlich bildet das Paradiestor von Ourenses Kathedrale San Martiño das berühmte dreiteilige Pòrtico de la Gloria der Kathedrale in Santiago nach.

Feine Steine mit großer Vergangenheit – als Leitmotiv für das unbekannte Galicien taugt dieses Motiv allemal. Ab und zu schieben sich sonderbar längliche Steinquader mit Luftschlitzen in den Mietwagen-Rückspiegel, die ein wenig nach Zwitter aus Kapelle und Hundezwinger aussehen. Es sind Hórreos, Kornspeicher der Kelten, und typisch für das eigenwillige Erbe der Region.

Wer mag, kann oberhalb von A Guarda, dem Grenzort zu Portugal, die Reste der keltischen Siedlung Santa Tegra besuchen. Oder die grün schimmernde Stille am Rio Sil genießen, der sich unterhalb des spektakulären Klosters Santo Estevo – heute ein Luxushotel – durch enge Schluchten zwängt. 5-Sterne-Eremit mit Blick auf Nadelwälder ist eine Option unter vielen. Orte wie Tui oder das schmucke Pontevedra setzen lieber auf die Schönheit von Kleinstädten mit großem Format – in denen mittelalterliche Paradores und viel barocke Pracht immer neue lauschige Plätze dekorieren.

Meeresbrise und Prachtbauten

Bloß das brummende Vigo fällt ein wenig aus der Bilderbuchorte-Reihe, die Galiciens (Süd-)Westen zum kulturellen Reiseziel macht. Der schimmernde Bronzekrake an der Hafenmole, der hier an Jules Vernes literarisches Vigo-Denkmal in Form eines Romankapitels in "20.000 Meilen unter dem Meer" erinnert, wäre ein erstes Indiz. Die vom Meersalz angeknabberten Prachtbauten der einstigen Reeder-Aristokratie ein weiteres. Vigo ist der ökonomische Kraftlackel der Region, und verbietet sich als solcher mittelalterliche Konservierung: Ein Naturhafen, der zu den größten Spaniens zählt, stärkste Fischereifangflotte des Landes, Sitz der Europäischen Fischereiaufsichtsagentur, ein Werk von Peugeot-Citroën, lustige Studentenstadt überdies. Als sich Spanien im Rahmen der Transición nach dem Ende der Franco-Diktatur kulturell neu orientierte, machte Vigo neben Madrid als ein Zentrum der Movida, des kulturellen Aufbruchs, von sich reden. All das klingt ziemlich spannend – und wirkt vor Ort so potent wie die frischen "ostras" in der Austerngasse Rúa da Pescaderia.

Wer Vigo trotzdem lieber den Rücken kehren möchte, sollte das an Bord des Mar de Ons Katamarans tun. Schließlich liest der wenig später Galiciens schönste maritime Perlen auf. Illas Ciés heißen die Naturjuwele, die man dann erreicht. Es sind kleine Inselparadiese inmitten des Nationalparks Islas Atlánticas de Galicia, mit scharfen Strandsicheln aber ohne Discos, mit einsamen Leuchttürmen und schattigen Pinien. Der Atlantik sieht hier ein wenig wie eine Waschmaschine aus. Wegen der schäumenden Gischt. Und wegen der vielen Kormorane, die die schwarzen Flügel zum Trocknen in die Sonne spreizen.

Info

Anreise Mit vueling.com nach Santiago de Compostela (umsteigen in Barcelona).

Klima Galicien ist eine der regenreichsten und kühlsten Regionen Spaniens. Auch in den Sommermonaten durchschnittlich 8 bis 10 Regentage. Mittlere Temperaturen Juni bis September bei 20 bis 23 Grad. Maximale Wassertemperatur von 20 °C. Beste Reisezeit: Mai bis Oktober

Essen und Trinken Die galicische Kost ist eine Fiesta für Liebhaber von Fisch und Meeresfrüchten: Austern, Entenmuscheln, Jakobsmuscheln mit Knoblauch Zimt und Semmelbrösel, sowie über 90 Fischarten. Galicisches Nationalgericht ist aber das Krakengericht Oktopus Pulp a la gallega. – A Taberna: Das traditionelle Restaurant serviert in Ourense in rustikal-stilvollem Ambiente typisch galicische Gericht. www.ataberna.com – Bodegas del Palacio de Fefifanes: Das historische Weingut ist in einem Renaissance-Palast aus dem 17. Jahrhundert untergebracht. www.fefinanes.com

Übernachten Parador De Santo Estevo: Zum 5*-Hotel ausgebautes Kloster im Herzen der naturbelassenen Flussregion Ribeira Sacra. www.parador.es

Katamaran Rio Sil Abwechslungsreiche Bootsfahrt durch den „Grand Cayon“ Galiciens. www.catamaranesribeirasacra.com

Angebote haben etwa Fischer Reisen, Springer Reisen und Studiosus im Programm.

Auskunft www.spain.info