Reise
05.12.2011

Segeln lebenslänglich

Bobby Schenk hat seine Biografie veröffentlicht und spricht über Piraten, Naturgewalten und betrunkene Kapitäne

Niemand wird zur Legende, nur, weil er es will. Andererseits kann keiner verhindern, eine Legende zu werden. Bobby Schenk, 72, hat sich damit abgefunden, indem er seine Biografie schrieb. Segeln lebenslänglich heißt sie. Fast eine halbe Million Bücher des bekanntesten deutschen Weltumseglers wurde schon vorher verkauft: Übers Blauwassersegeln, übers richtige Ankern, über Kap Hoorn , Astronavigation und über Die Freiheit hinterm Horizont .

KURIER: Herr Schenk, mit dem April kommt jährlich auch das Fernweh der Segler. Was müssen speziell die österreichischen Binnensegler beachten, wenn sie nach langer Wienterpause in See stechen?


Bobby Schenk: Die wissen das. Sie haben ihren Job als Skipper gelernt, hoff' ich. Natürlich gibt es Unterschiede im Können.

Was ist das größte Sicherheitsrisiko?

Alkohol. 20 Prozent sind alkoholisiert. Segler und Profi-Seeleute. Der Skipper der Exxon Valdez (Tanker, der 1989 vor Alaska eine Öl-Katastrophe auslöste; Anm.) hatte drei Promille. Als Verkehrsrichter in Bayern habe ich täglich zwei Führerscheine abgenommen. Wir haben sogar "Trinkversuche" - aus wissenschaftlichen Gründen (lacht) durchgeführt. Die Selbsteinschätzung danach war bedenklich. Ernüchternd wäre unpassend ...

Sie sind Skipper, waren aber hauptberuflich Richter in Bayern. Vor einigen Wochen herrschte Aufregung um die Gorch Fock, ein Schulschiff der deutschen Marine, auf dem eine Kadettin in den Tod gestürzt war. Wie beurteilen Sie die Amtsenthebung des Schiffskommandanten durch den damaligen deutschen Verteidigungsminister zu Guttenberg?

Guttenbergs Ferndiagnose war skandalös. Das ist, als ob man den Chef eines Betriebes nach einem Arbeitsunfall auf die Aussage von Lehrlingen hin absetzt. Die Führung eines Großseglers ist nur durch perfekte Disziplin möglich. Der Kapitän trägt die Verantwortung und muss sich verlassen, dass die Crew allen Anweisungen folgt. Für Nicht-Seeleute klingt das undemokratisch.

Kapitän Norbert Schatz ist inzwischen entlastet worden. Aber was kann man als Kapitän alles falsch machen?

Sehr viel. Wenn man aber Kompetenz und Hausverstand einbringt, weniger: Man muss sich überlegen, ob die Crew menschlich zusammenpasst und geeignet ist. Man muss sicher sein, dass das Material hundertprozentig in Ordnung ist.

Hundertprozentig?

Ja. Alles, was kaputt gehen kann, geht auch kaputt. Ich muss daher in der Lage sein, alles, was lebensnotwendig ist, in Ordnung zu bringen. Der dritte Punkt ist Respekt vor der Natur. Kein Schiff ist unbegrenzt seetüchtig. Es gibt Wettersituationen, die kein Schiff übersteht. Man darf da nicht reingeraten. Das heißt: Defensiv segeln.

Das ist möglich?

Ich habe einmal ein paar Segler getroffen, die haben gesagt: "Wir werden morgen Kap Hoorn umschiffen." Ich kannte die kritische Wettersituation. Sie sagten: "Werden!" Nicht "Wollen!" Man hat weder sie noch ihr Schiff jemals gefunden. Ich glaub' zwar nicht an Gott, aber an den Gott der Westwinde.

Kann man dem Wetter immer entkommen?

Nein. 1972 musste ich den Hurrican "Bebe" auf Fiji in einer Flussmündung abwettern. Drei Tage wie ein Bombenangriff! 40 Jahre später würd' ich das Boot verlassen und ins Hotel gehen. Aber wenn man jung ist, denkt man nicht so.

Wie geht man als Skipper zum Beispiel mit notorischen Klugscheißern um?

Stell' sie ans Steuer, dann weißt du, woran du bist. Und ruhiggestellt sind sie auch. Wer versucht, per Mehrheitsentscheidung ein Schiff zu führen, bringt alle in Gefahr. Wer die Natur zwingen will, ebenso. Das wichtigste ist, dass jeder geschützt ist. Stichwort: Sicherheitsgurt. Keiner darf ins Wasser fallen. Auf offener See sind Schwimmwesten hingegen sinnlos. Wenn in der Nacht einer ins Wasser fällt, findet man ihn sowieso nie mehr. Die Rettungsweste verlängert nur das Leiden ...

Das heißt, Ihre Crews müssen keine Westen anlegen?

In der Nacht, wenn kein Land erreichbar ist, nicht.

Sie haben den Atlantik ohne elektronische Navigationsmittel überquert und sind auch sonst ein Anhänger der guten alten Seemannschaft. Was halten sie von Einhandseglern ( Skipper, die allein in einem Boot z. B. um die Welt segeln; Anm.) und deren Rekordfahrten?

Das ist alles illegal.

Illegal? Wieso?

Es ist eine gesetzliche Pflicht, auf jedem Schiff ständig Ausguck zu halten. Nach spätestens zwei Tagen verlangt der Körper sein Recht auf Schlaf. Der Autopilot kann nicht Ausguck halten. Abgesehen davon, dass ich den Einhand-Skippern diese "maximal 20 Minuten Schlaf", von denen sie immer berichten, nicht abnehme; es kann auch in 20 Minuten viel passieren.

Wie schützt man sich vor Piraten?

Es gibt "No-go-Areas" wie Venezuela, wo schon einige Skipper ermordet wurden. Dort kann einem jeder Taxler eine Waffe besorgen. Wer heute bei Somalia und Jemen segelt, handelt grob fahrlässig. Dass den meisten Yachten nichts passiert, beweist soviel wie das unfallfreie Ignorieren einer roten Ampel. Das Gleiche gilt für Kriegsgebiete. Wenn man trotzdem hineingerät, ist den Anweisungen des Militärs Folge zu leisten.

Und Waffen an Bord?

Ein "Trick" eines Amerikaners in Venezuela: Wenn du einen Ankerplatz anläufst, feuer' ein paar Schüsse ab, damit jeder weiß: "Ich bin keine leichte Beute!" Trotzdem bin ich kein Befürworter. Heute muss man sie deklarieren und bei der Polizei in Verwahrung geben. Meine Waffe liegt seit fünf Jahren auf einer Polizeiwache im malaysischen Hinterland. Auf den Besitz nicht deklarierter Waffen steht in Malaysia die Todesstrafe.

Sie haben einen starken Bezug zu Österreich ...

Ja, meine Vorträge sind hier noch besser besucht. Vielleicht, weil die Menschen mehr Fernweh haben. Ich war von 1998 bis 2002 Präsident des Yacht Club Austria mit 4000 Mitgliedern. Als ich mich als g'lernter Richter für die steuerliche Gebarung interessierte, wurde die Forderung nach meinem Rücktritt laut ...

Zur Person: Richter und Skipper

Florian "Bobby" Schenk , geboren am 10. März 1939 in München, ist Weltumsegler und Fachbuchautor. Im Hauptberuf war er Richter in Bayern (siehe Foto). 1967 erwarb Schenk einen Langkieler vom Typ Fähnrich 34 und segelte mit seiner Frau Karla auf der Passatroute um die Welt. Sein erstes Buch "Fahrtensegeln" erschien 1975.
Mit der Stahlyacht Thalassa II segelte er in die Südsee, 1983 von Tahiti rund um Kap Hoorn mit nur einem Stopp nach Marbella. 1992 überquerte er mit Crew ohne elektronische Navigationsmittel den Atlantik nach Barbados. Seit Jahren hält er Seminare zum Thema Blauwassersegeln.