Reise
23.10.2018

Mit dem Nordwind von Porto nach Lissabon radeln

Estrada Atlântica: Diese Radroute bietet Ausblicke auf ein Weltmeer sowie feine Einblicke in ein Küstenland.

Abfahrt an einem Sonntagvormittag in Porto. Die Schleusen des Himmels sind heute geschlossen. Dieser Hinweis ist nicht unwesentlich. Denn im Centro Portugal ist speziell im Spätherbst und im Frühjahr vieles möglich, auch Tage, an denen es fast durchgehend regnet.

 

Vom Hotel rüttelt das Tourenrad durch die Altstadt, über viel Kopfsteinpflaster. Ein Vorgeschmack: die Portugiesen mögen Kopfsteinpflaster – im ganzen Land. Eine imposante Brücke, die Ponte Dom Luis I., führt über den Duoro, den drittlängsten Fluss der iberischen Halbinsel. Die Bogen-Konstruktion erinnert an Monsieur Gustave Eiffel, nicht ganz zufällig, denn Mitarbeiter seines Büros haben sie geplant.

Porto hätte mehr Besichtigung verdient. Doch mit dem Rad ist man schnell raus aus der Stadt. Die südliche Uferpromenade führt an den alten Kellern vorbei, in denen schon im 17. Jahrhundert Portwein gelagert wurde. Sie mündet in einem großzügig angelegten Radweg, auf dem unzählige Flaneure auf schön herausgeputzten Mountainbikes flott unterwegs sind.

„Nortada“ im Rücken

Und dann die frische Brise des Atlantiks! Glücklich schätzen darf sich, wer den Nordwind hinter sich weiß. Die Chancen auf die „Nortada“ stehen meist gut, ebenso wie auf unserem Donauradweg, wo öfters West- als Ostwind bläst. Schön anzusehen ist die kleine Kirche mit dem klingenden Namen „Capela do Senhor da Pedra Distinguido“. Sie thront bei Flut auf einer Insel. Der Sandstrand davor wurde mal zu einem der schönsten Europas gekürt.

 

Kaffeegeruch! Er wird die Küstenradler bis Lissabon begleiten. Auf der Jagd nach Fotomotiven dürfen sie sich hingegen Zeit lassen. Die kleine Kirche mit dem Namen „Capela do Senhor da Pedra Distinguido“ ist nicht zu übersehen. Sie thront bei Flut auf einer Insel. Nebenbei: der gleichnamige Sandstrand – er wurde schon einmal zu einem der schönsten Strände Europas gekürt.

Nach einer längeren Passage durch einen beinahe waldviertelartigen Wald und über den Strand von Furadouro führt der Radweg in eine Sumpflandschaft, die wiederum Züge des Seewinkels aufweist. Wären da nicht am Straßenrand Bäume voll mit Oliven, Orangen und Zitronen, auch die eine oder andere Palme.

 

Birdwatcher werden hier Augen machen: in der Lagune von Aveiro sammeln sich unzählige Fisch- und Vogelarten. Gut möglich, dass sie den einen oder anderen Storch oder Flamingo vor die Linse bekommen.

Aveiro, das Klein-Venedig Portugals, bietet sich für eine Überachtung an. Am nächsten Morgen weiterhin viel flaches Land. In Ílhavo ist die traditionsreiche Manufaktur Vista Alegre nicht zu übersehen. In den ehrwürdigen alten und neuen Hallen werden seit dem 18. Jahrhundert schöne Stücke aus Porzellan und Glas gefertigt, unter anderem fürs englische Königshaus.

Und es scheint so, als würden die Hof-Lieferanten halb Portugal mit den typischen sofort lieb gewonnenen Keramik-Straßenschildern ausstatten. Auffallend ferner: Wenn die Einheimischen freie Zeit haben, fahren sie: a) mit dem Wagen zum Meer und lesen bei Regen im Wagen Zeitung oder b) mit dem Wohnmobil zum Campen aufs Land.

Schilder für Radrouten sucht der komfortverwöhnte mitteleuropäische Radtourist indes meist vergeblich. Dafür weist das von der Agentur „A2Z“ zur Verfügung gestellte Navi auf dem Fahrradlenker durchgehend in die richtige Richtung.

Südwestlich von Mira wird erneut das Landesinnere erlebbar: eine zart hügelige Landschaft mit kleinen Ortschaften und ruhigen Waldpassagen.

Verhungern? Muss man im Centro Portugal nicht. Die Schweine, die hier im Freien rumlaufen, werden zu äußerst deftiger Kost verarbeitet.

Weiterbildung dann in der alten Universität von Coimbra, die am 1. März 1290 gegründet wurde: Das Rektorat und die juridische Fakultät befinden sich weiterhin im Königspalast der Stadt, die bis 1255 als Hauptstadt Portugals dienen durfte. Die Mauern der Zentralbibliothek sind unfassbare 2,11 Meter breit. Ideal für die alten Schriften. Um sie vor Bücherwürmern zu schützen, hat das Rektorat spezielle Agenten angeheuert: Fledermäuse, die nächtens im Einsatz sind.

Apropos Schutz des Kulturerbes: Fotografieren ist hier verboten! Mit einer plausiblen Begründung der Führerin: „Behalten Sie diese wunderbaren Atmosphäre in Erinnerung, nicht in Ihrem Mobiltelefon.“

Die Kindheit verbrannt

Tiere säumen den Weg entlang des Mondego-Flusses. Zig Störche nisten wie in einer riesigen Studenten-WG auf den Masten der Stromleitungen, zwei Adler fliegen auf und begleiten die Radfahrer ein Stück ihres Weges.

Auf den sumpfigen Feldern wächst tatsächlich Reis, auch Weizen. Auch das Gelb der Lupinen erfreut das Auge! Die Gegend ist eine Kornkammer des Landes, und die gut befahrbaren Feldwege sind ebenso schnurgerade wie jene im Marchfeld, östlich von Deutsch-Wagram.

 

Genau in dem Moment, da das Mondego-Feld langweilig wird, zweigt die Radroute Richtung Südwesten ab. Auf der Fahrt zurück zum Meer wird das Ausmaß der Waldbrände im Sommer 2017 erahnbar: 25 Kilometer lang rechts und links der Straße verbrannte Erde, Asche, verkohlte Pinienstämme. Guide Ricardo ringt mit den Tränen. Das Feuer hat auch einen Teil seiner Kindheit verbrannt.

Immerhin, die Eukalyptus-Bäume schießen wieder auf. Wer bei Eukalyptus von Duft spricht, wird übrigens auf dieser Radtour seine Freude haben. Die Estrada Atlântica führt vom Praia da Vieiria kilometerlang kerzengerade Richtung Nazaré. En passant: In São Pedro de Moel sollte man frischen Fisch essen.

Dann die Touristenstadt Nazaré, sie lehrt: Das Leben ist nicht Facebook. Im Forte de São Miguel Arcanjo, vor dem Praia do Norte warten all die „Wave watcher“ heute vergeblich auf die angeblich größten Wellen der Welt. Immerhin können sie die turmhohen Wasserbewegungen im Surf-Museum bestaunen.

 

Ein weiterer Touristenmagnet ist die mittelalterliche Burg von Óbidos. Hier wird ein Bus nach dem anderen ausgeladen. Glücklich, wer jederzeit auf sein Rad steigen und davon brausen kann.

Weiter südlich, am Praia do Baleal erkennt man die Surfer sofort: Sie tragen auch bei Regen Flip-Flops, und alle sprechen kalifornisch. Die moderne Inszenierung produziert auch hier Schattenseiten. So hat der alte Fischerort Peniche mit seiner historischen Stadtmauer um den Hafen viel vom ursprünglichen Charme verloren. Südlich von Peniche erinnern Befestigungsanlagen aus dem 16. und 17. Jahrhundert daran, dass die Menschen früher nicht gegen die Wellen, sondern gegen die Piraten gekämpft haben.

Südlich von Peniche reiht sich ein Surferparadies an das nächste. Nur die Befestigungsanlagen aus dem 16. und 17. Jahrhundert erinnern daran, dass hier einmal Menschen nicht gegen die Wellen, sondern gegen Piraten und andere Angreifer gekämpft haben.

Schön und ruhig sind die Orte, die ein wenig abseits des Meeres liegen, auf sanften Hügeln, mit frischer Brise.

Hinter Silveira, wo man de facto auf der viel befahrenen N 247 in die Pedale tritt, wird das Radeln kurzfristig sogar unlustig. Windböen vom Meer werfen Rad und Fahrer ständig aus der Spur, gleichzeitig ist links vom Knie der Luftzug vorbeirasender Autos unangenehm erlebbar. (Weniger Mutige ziehen auf dieser Etappe einen Transfer mit dem Bus in Erwägung.)

Die kleine Hafenstadt Ericeira, erstmals im Jahr 1229 urkundlich erwähnt, entschädigt für das Ungemach. Die alten Fischerhäuser wurden farbenfroh, die alten Kapellen schneeweiß herausgeputzt. Der Mix aus Bars und Cafés, religiösem Erbe, herrschaftlichen Residenzen, Touristen und Einheimischen hat seinen Charme.

Vor dem Weltkulturerbe, der historischen Stadt Sintra, wartet der einzige nennenswerte Anstieg auf die Radler. Dafür ist die lange Abfahrt hinunter zum Cabo de Roca ein Riesenspaß. Wie sagte doch einst Luis Vaz de Camões über den Leuchtturm am westlichen Zipfel Europas? „Wo das Land endet und das Meer beginnt.“

Die Radreise endet nach 460 km. In Cascais, im urbanen Vorfeld von Lissabon. Wohl aus Sicherheitsgründen. Von sanfter Mobilität ist man in der Hauptstadt weit entfernt. Dennoch Respekt für Portugals Autofahrer. Die meisten halten Abstand zum Rad. Danke, sehr! Obrigado!

Anreise

Mit TAP Air Portugal nonstop von Wien nach Lissabon (zwei Mal täglich) und weiter nach Porto (stündlich).

www.flytap.com

Unterkunft

Vila Galé Porto Ribeira in Porto: Ruhiges Hotel am Ufer des Douro.

www.vilagale.com

Hotel Moliceiro in Aveiro: Bequemes Hotel direkt an einem Kanal.

www.hotelmoliceiro.pt

Hotel Vila Galé Ericeira in Ericeira: Exklusives  Anwesen mit schönem Meerblick.

www.vilagale.com

Essen & Trinken

Fish Fixe in Porto: Frischer Fisch und Vino Verde am Ufer des Douro zu absolut fairen Preisen, www.fishfixe.pt

O Bairro in Aveiro: Fischrestaurant gleich neben der Fischhalle. Alles gut, frisch. www.centerofportugal.
com/de/o-bairro/

Marisqueira in São Pedro de Moel: 100 % frischer Fisch mit freiem Blick auf den schäumenden Atlantik.

Restaurante Maria Do Mar in Nazaré: R. Gulhim 13: Regionale Küche, stets frischer Fisch, Meeresfrüchte, super Service.

Tipp

Biken und hiken im Centro Portugal am Besten im Herbst sowie im April und Mai. Alleine oder in der Gruppe, mit Guide oder GPS: Die Agentur „Adventure A2Z“ hat das Know-how und das Equipment.

Auskunft

www.centerofportugal.com