Porquerolles: Kennen Sie diese Insel?

Reise Porquerolles von Michael Horowitz<br />
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Freizei…
Foto: Michael Horowitz  

Eine kleine Insel ganz nah – aber auch weit weg – der Côte d’Azur. Ein Geheimtipp, nicht nur für Krimi-Freunde. Auch für Zugvögel auf ihrem Weg nach Afrika. Am schönsten ist es hier, sobald die Schatten und Nächte länger werden.

Willkommen auf der Krimi-Insel. Man folgt hier weder dem schwedischen Kommissar Van Veeteren auf der Spur nach dem Mörder in Håkan Nessers „Der Tote am Strand“  noch streift man mit Fred Vargas’ Kommissar Adamsberg durchs nächtliche Paris in „Die schwarzen Wasser der Seine“. In Porquerolles, einer kleinen französischen Insel im Mittelmeer, gibt es nur eine Spur, die es zu verfolgen gilt: Georges Simenons „Mein Freund Maigret“.

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Nach kurzer Überfahrt von der Küste der Côte d’Azur nahe Hyère umfängt den Besucher auf Porquerolles gemächliches Inselleben pur in einem autofreien  Naturschutzgebiet. Hier geben sich auch Verliebte im Sonnenuntergang ein  Rendezvous ... 

Monsieur Maigret, der wohl meistverfilmte Kommissar des  20. Jahrhunderts, ermittelt vorwiegend auf der Place d’Armes, dem früheren Exerzierplatz. Zwischen spielenden Kindern und konzentrierten Boule-Spielern unter mächtigen Platanen. Im Restaurant Arche de Noé. Während langer Mittagessen, bei reichlich Weißwein. Zwischen Menschen aus dem Milieu und Originalen aus der Provence klärt der Kriminalist auf Porquerolles einen komplizierten Mordfall auf. Mit Präzision und Psychologie. Und literarischen Bildern, die einen nicht mehr loslassen. Wer heute erfahren will, wie im 20. Jahrhundert gelebt und gefühlt worden ist, muss Maigret lesen.

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Eine kleine aber feine Kunstszene fängt die Schönheit von Porquerolles ebenso in ihren Werken ein wie diverse  Alltagsszenen

Ein Geheimtipp

Die nur siebeneinhalb Kilometer lange und drei Kilometer breite Insel  Porquerolles gilt – nicht nur unter Krimifreunden – als absoluter Geheimtipp. Im Winter total touristenfrei, wird die Insel im Sommer immer mehr zum Ziel von Urlaubern, die ein Erlebnis fern von Hotelburgen und Mega-Shopping-Malls suchen. Nach zwanzig Minuten Überfahrt von  der Küste der Côte d’Azur nahe Hyère erlebt man sofort gemächliches Inselleben pur. In einem autofreien Naturschutzgebiet. Mit weniger als 400 Einwohnern.

Nur knapp 100 Autos der Einheimischen transportieren am frühen Morgen Getränke- und Lebensmittel-Kisten in die Hotels und Restaurants – und umgekehrt Früchte, Fische wie Barben, Brassen, Drachenköpfe und Wein-Eichenfässer zum Hafen. Zwischen Eukalyptus- und Pinien-Bäumen, mächtigen Oleander- und Bougainvillea-Sträuchern ist es, wenn die Invasion der Tagesgäste abends  vorbei ist, beschaulich ruhig. Außer im Juli und August. Da macht der Touristentross, in einer Dunstwolke von Staub und Sonnenöl, auch vor Porquerolles nicht Halt. Am schönsten ist es, sobald die Schatten und Nächte länger werden. Wenn die Zugvögel, die hier eine letzte Station eingelegt haben, in Afrika angekommen sind.

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Schönes Frankreich, schönes Eiland, auch bei Nacht: Place d’Armes - gemächliches Inselleben pur

Liebe ist wie Mayonnaise

Es sei hier, meinte Maigret früher, „so schön wie auf Capri oder den griechischen Inseln“. Und das Alter Ego des Kommissars, der belgische Schriftsteller Georges Simenon, ist sofort vom pittoresken Porquerolles begeistert. Als er im Mai 1926 erstmals mit seinem Segelschiff hier landet. Der Lebemann hatte damals 200 bis 300 Erzählungen pro Jahr geschrieben. Um seinen ausschweifenden Lebenswandel finanzieren zu können. Wohlhabend wird der Schriftsteller, der triviale Geschichten wie am Fließband produziert, schon bevor er den sensiblen Kommissar Maigret in 75 Krimis zum Leben erweckt: mit Drei-Groschen-Romanen, die er unter mehreren Synonymen verfasst und mehr als 1.000 Erotik-Erzählungen. In denen Zärtlichkeit kaum stattfindet. Die Erklärung dafür gibt der Erotomane Simenon mit Sätzen wie: „Liebe ist wie Mayonnaise, entweder sie bindet, oder sie gerinnt. Unglückseligerweise aber kann man eine Liebe, die nicht bindet, weder mit Olivenöl noch mit einem zusätzlichen Ei strecken oder gar retten.“

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Noch heute treffen sich Jung und Alt auf der Place d’Armes. Hier, wo Georges Simenon – Gourmet und Gourmand – bei reichlich Weißwein und Bergen von Miesmuscheln Kommissar Maigret zum Leben erweckte

Der einzige Popo, der lacht
Der psychisch labile, ständig unter Erfolgszwang  leidende Simenon – auch von einem unstillbaren Verlangen nach Frauen getrieben – brüstete  sich im Gespräch mit Regisseur Federico Fellini einmal, mehr als zehntausend Frauen „glücklich gemacht zu haben“. Seine schillerndste Eroberung sei die Revue-Nackttänzerin Josephine Baker gewesen, die „den einzigen Popo, der lacht“ besitze.

Die Gelassenheit der Porquerolles-Bewohner zog Simenon, dessen Krimis auch Chaplin und Churchill, Breschnew und Mao Tse-tung, Böll und Loriot begeisterten, in seinen Bann. Hier atmete er durch und erholte sich beim Pastis vom Pariser Nachleben. Bald kaufte er das Haus Le Tamaris. Der ausgebrannte und erschöpfte Erfolgsautor konnte mit seinem kleinen Boot direkt davor anlegen, das Fischen wurde zur Passion –  „besonders mit meinem Freund Tado, der nicht nur die meisten Fische gefangen, sondern auch die beste Bouillabaisse zubereitet hatte“.

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Die geschenkte Insel

Georges Simenons Schwiegertochter, die bald 82-jährige Schauspielerin Mylène Demongeot, die einst als Inbegriff frivoler Anmut Filmpartner von David Niven bis Bud Spencer verführte, lebt noch heute in dem Haus, das Georges vor 90 Jahren gekauft hat. Wo der leidenschaftliche Womanizer, Pfeifenraucher und Hobbykoch heute schon fast vergessene Klassiker der französischen Bistro-Küche zubereitete. Nahrhafte Innereien und Würste, Aufläufe und Torten – fern jeder Fett-Phobie.
Rund 15 Jahre bevor Georges  Simenon Porquerolles für sich  entdeckte, sorgte am 22. Februar 1912  ein anderer Belgier für Schlagzeilen. Für umgerechnet 15.000 Euro kaufte der Ingenieur François Joseph Fournier damals die Insel und schenkte sie seiner 30 Jahre jüngeren Frau, mit der er auf Hochzeitsreise die Welt eroberte. Der aus ärmsten Verhältnissen stammende Fournier stieß zuvor während abenteuerlicher Wanderjahre in Mexiko auf scheinbar unerschöpfliche Gold- und Silberminen, deren Ausbeutung sein Leben   rasant veränderte.

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Ein Geschenk, von dem Frauen nur träumen können. Der belgische Millionär Fournier schenkte seiner 30 Jahre jüngeren Braut eine Insel im Mittelmeer: das malerische Porquerolles

Das wilde Paradies
Gemeinsam mit hunderten italienischen Landarbeitern kultivierte er das wilde Paradies Porquerolles. Bald wuchsen  Oliven, Grapefruits und Orangen, Kumquats und Mandarinen. Und Wein. Die leichten, fruchtigen Rosé-Weine der Domaine Perzinsky werden auf Porquerolles  als treue Begleiter beim Sonnenuntergang geschätzt. Wenn der  Tag ausklingt und man gelassen Richtung Süden blickt. Wo irgendwo Afrika beginnt.

Im Jahr 1971 kaufte der französische Staat von der Familie Fournier die Insel zurück, um sie vor Urbanisierung zu bewahren und die Ursprünglichkeit der Natur zu schützen.

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Maigret, der erfolgreichste Kommissar des 20. Jahrhunderts, ermittelte nicht nur im Pariser Nachtleben – sondern zur Erholung auch auf der pittoresken Mittelmeerinsel Porquerolles. Hier entstand 1949 unter dem Titel „Mein Freund Maigret“ einer der packendsten Krimis von Georges Simenon

Wo das Wasser seidig glitzert
Heute bietet Porquerolles auch Prominenten – von Bono bis Belmondo, von Fußball-Legende Zinedine Zidane bis Ex-Premier Sarkozy und Carla Bruni – Erholung vom Trubel der Côte d’Azur. Nur 67 Kilometer von Saint-Tropez entfernt, genießen es die Célébrités, für kurze Zeit der großen Welt entrückt zu sein. Im Norden an den weißen Sandstränden von Argent, Courtade und Notre-Dame, im Süden in von steilen Felswänden umrahmten, geheimnisvollen Buchten.

Oder abends in einer der kleinen Bars am Hafen, wo das Wasser noch genauso seidig glitzert, wie es Kommissar Maigret erlebt hat.

(KURIER freizeit am Samstag) Erstellt am
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