Reise
10.07.2017

Pannendienst am Meer: Helden der Kvarner Bucht

Die Mitarbeiter vom österreichischen Pannendienst SeaHelp bewahren Segler auf offenem Meer vor bösen Überraschungen. Der KURIER begleitete ein Einsatzteam.

SOS in der Adria! Ein italienischer Segler hat mit seinem Mobiltelefon den Notruf aktiviert. Nur elf Minuten später legen Stanko Kovačević und Kristian Nikolić mit ihrem Schnellboot im Hafen von Mali Lošinj ab. Längst sind die beiden Kroaten Helden in der Kvarner Bucht. An einem Sommertag werden sie von ihrer Einsatzzentrale auf der Nachbarinsel Krk bis zu fünf Mal hinaus aufs Meer beordert.

Wieder einmal muss es sehr schnell gehen: Das Charter-Boot des Italieners treibt laut Notruf ohne Steuer auf offener See. Käpt’n Kovačević gibt gleich nach der Hafenausfahrt ordentlich Gas. Und die beiden Außenbordmotoren scheinen den Ernst der Lage zu verstehen: Seine 600 PS drücken in den Rücken. Das in Polen erzeugte High-Tech-Schlauchboot (unter anderem mit einer Thermokamera ausgestattet) fliegt mit umgerechnet 80 km/h übers aufpeitschende Wasser.

Kovačević und Nikolić sind Mitarbeiter des Pannendienstes "SeaHelp", der vor mittlerweile 13 Jahren von einem Oberösterreicher in Kroatien gegründet wurde. Inzwischen zählen "die Gelben Engel für das Wasser", wie der Pannendienst unter Seglern genannt wird, gut 10.000 Mitglieder, 100 Mitarbeiter und 25 Einsatz-Stützpunkte. Diese befinden sich in Kroatien, Slowenien, Italien, Spanien, Deutschland, Holland und Dänemark.

Die Seehelfer stechen auch dann in See, wenn alle anderen Skipper versuchen, möglichst schnell einen sicheren Hafen zu erreichen. Weil sie oft in weniger als einer Stunde am Ort des Geschehens sein können, retten sie nicht nur materielles Eigentum in Millionenhöhe, sondern – notgedrungen – immer wieder auch Menschenleben. Dank einer speziellen App wurden mit dem Notruf auch gleich die genauen Koordinaten des Italieners mitgeschickt. Die Helfer nahen mit voller Kraft voraus, auf dem kürzest möglichen Seeweg. Und kommen gerade noch rechtzeitig: ein älterer Mann sitzt mit einem Hexenschuss regungslos neben dem Steuerrad, während seine Frau sichtlich verzweifelt mit ihren Händen fuchtelt.

Alles wird wieder gut. "Das ist das Schöne an unserem Beruf", sagt Stanko Kovačević auf der Rückfahrt mit den Italienern im Schlepptau. "Wenn wir auftauchen, tritt bei denen, die uns gerufen haben, sofort Erleichterung ein." Seit elf Jahren schon arbeitet der Insulaner für SeaHelp. Mehrfach schon wurde er von der kroatischen Seefahrer-Gewerkschaft für seine mutigen Einsätze ausgezeichnet.

Zuletzt, weil er sechs Österreicher bei Windstärke 7 aus dem wütenden Meer gezogen hat. Kova- čević erinnert sich noch genau: "Der Notruf ging gegen 20 Uhr ein, und ich musste alleine rausfahren. Ich musste durch dichten Nebel, die Wellen schlugen über mein Boot." Als er endlich das gefährlich schaukelnde Segelboot in der Dunkelheit ausgemacht hatte, traute er seinen Augen nicht: "Sechs erwachsene Männer saßen regungslos auf ihrem Boot. Lange traute sich keiner, mein Schlepptau aus dem Wasser zu fischen." Auch die Rückfahrt war alles andere als eine Spazierfahrt: "Um 3 Uhr in der Früh waren wir endlich im Hafen."

Die sechs Segler haben sich weder im ersten Schock noch später bei ihm bedankt. Der Retter lächelt zartbitter: "Dafür hat mir meine Frau nicht ganz zu Unrecht Vorwürfe gemacht, weil ich mein Leben für Unbekannte aufs Spiel gesetzt habe."

Rund um die Uhr bereit

Oberstes Gebot österreichischer Rettungshubschrauberpiloten ist es, sich und ihre Crew bei jedem Einsatz sicher zur Basis zurück zu fliegen. Der 45-jährige Kroate und sein um 19 Jahre jüngerer Kollege Kristian rücken sich ihre Sonnenbrillen zurecht, dann sagen sie fast gleich lautend: "Nein, dass wir einmal nicht ausgefahren wären, das gab es eigentlich noch nie."

Auch ihre Arbeitszeit verdient Beachtung (und eventuell auch einen Ordnungsruf der Gewerkschaft): 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 52 Wochen im Jahr. Klar gibt es Zeiten, in denen die Pannenfahrer so gut wie nie um Hilfe gerufen werden, in den Wintermonaten von November bis März etwa, auch in ruhigen Sommernächten. In Alarm-Bereitschaft sind sie dennoch rund um die Uhr.

Der Leichtsinn segelt mit

Der Käpt’n beklagt sich nicht. Zum einen hat er einen sicheren Arbeitsplatz, zum anderen eignet er sich auch nicht zum Büroangestellten. In seiner Rangliste der häufigsten Pannen, mit denen er konfrontiert ist, steht "Motor springt nicht mehr an" an erster Stelle, gefolgt von "Batterie leer" und "Elektronik defekt". Dann verweist er auf eine interne Statistik: Bei zehn von hundert Einsätzen haben Segler die Unwettervorhersagen nicht gehört oder falsch interpretiert. Der Leichtsinn ist nicht nur in den Alpen bei Halbschuhtouristen allgegenwärtig, er ist auch in der Adria oft mit an Bord.

"Im Urlaub möchte man sich entspannen, da denkt man vielleicht nicht so genau nach", bemüht sich Marin Žic um eine diplomatische Erklärung. Kroatien lebt mehr denn je vom Tourismus. Man will seine Gäste daher nicht brüskieren. Der 35-jährige SeaHelp-Mitarbeiter ist in Punat auf der Insel Krk stationiert. "Wir sehen die Leute als unsere Kunden an", fügt er dann noch höflich hinzu. Aber wenn er feststellen muss, dass der Kühlschrank eines Boots in Seenot bis zum Rand mit Bier gefüllt, aber im Tank nicht ein Tropfen Treibstoff vorrätig ist, muss sich auch er mehr als nur wundern: "Dann stellt sich mir schon die Frage, ob die Kundschaft genau weiß, welches Risiko sie damit eingeht".

In Wien konnte man eine Zeitlang das kroatische Küstenpatent im Wirtshaus kaufen. Dementsprechend gut ausgebildet legten die Neo-Kapitäne los. Schon beim Ein- und Ausparken wird noch immer viel Schaden angerichtet. Zwei Russen brachten das Kunststück zuwege, ihr gechartertes Motorboot auf (!) einer Kaimauer zu parken.

Alkohol und überhöhte Geschwindigkeit gefährden nicht nur Auto- und Skifahrer: Den Lernfähigen ist immerhin die erste brenzlige Situation eine Lehre. Auch bei Stanko, Kristian und Marin gehen immer wieder Dankesmails ein. Sie sind Ansporn für den nächsten Einsatz.

Für Skipper und Motorbootfahrer

Tipps für Neueinsteiger

Die Pannenfahrer von SeaHelp raten nicht nur jenen, die zum ersten Mal an Bord gehen: Keinen Alkohol während der Fahrt, aber ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen, sich vor der Sonne gut zu schützen. Dies gilt ganz besonders für Kinder sowie ältere, gebrechliche Bootfahrer. Mit einem Charterpass von SeaHelp um 75 € pro Boot (für 14 Tage) ist man für einen Törn ausreichend versichert.

Tipps für Verantwortungsträger

Wer sich die App von SeaHelp auf sein Mobiltelefon runterlädt, wird rechtzeitig und punktgenau über alle Wetterwarnungen informiert. Ein Eignerpass kostet je nach Größe des Boots ab 90 €. SeaHelp-Mitglieder werden in den meisten Notfällen innerhalb einer Stunde von einem Pannen-Team geortet und auch erreicht. Alle Leistungen und Tarife auf einen Blick: www.sea-help.eu

Ein Rettungsanker für Entsolidarisierte

Früher war nicht alles besser, es war anders. Dies kann auch der lang gediente Soldat des österreichischen Bundesheers, Wolfgang Dauser, bestätigen. Wenn er im Sommer von seinem Heimatort Ebensee nach Jugoslawien fuhr, hatte er für sein Motorboot sogar eine zweite Lichtmaschine eingepackt. Und ja, klar, die konnte er zur Not auch selbst einbauen. Und wenn er am Abend in einer Bucht ankerte, und irgendetwas fehlte (von einem Ei bis hin zu einer Taschenlampen-Batterie), dann musste er nur zum Nachbarboot hinüber rufen. Die Bootsleute waren wie die Biker: "Man hat sich mit dem eigenen Tun identifiziert. Man hat sich gegenseitig geholfen."

Das ist heute anders. Das Land östlich der Adria heißt jetzt Kroatien. Es will mit Jugoslawien nichts mehr zu tun haben. Und die Skipper von heute? "Die wollen wiederum mit den anderen, aber auch mit dem eigenen Boot nichts mehr zu tun haben." Fatal. Denn auf den Booten von heute, die sogar mit eigener Wasseraufbereitungselektronik ausgestattet sind, ist es mit dem Tausch einer Lichtmaschine längst nicht mehr getan. "Das sind schwimmende Häuser", betont Dauser. "Ich habe daher irgendwann zu meiner Frau gesagt, dass wir was tun müssen."

Weniger Heer, mehr Meer

Es passte gut, dass das österreichische Bundesheer mit seiner überbordenden Bürokratie einem ihrer Ausbildner den Ausstieg schmackhaft machte.

Schnee von gestern. Wolfgang Dauser ist heute froh, dass er den Weg in die Selbstständigkeit gefunden hat. Der Weg war ein steiniger, aber am Ende sagt der Oberösterreicher: "Wir sind dann am 1. Mai 2005 mit unserem Pannendienst in Kroatien gestartet." Damals mit fünf Einsatzbooten, die in Umag (Istrien), Punat (Insel Krk), Zadar, Primošten und Orebić (Halbinsel Pelješac) stationiert wurden.

Für kroatische Verhältnisse sehr flott, haben die Behörden verstanden, dass der Anbieter aus Österreich keine Konkurrenz für die Hafenkapitäne und die lokale Polizei darstellt, sondern ein willkommener Lückenbüßer ist. "Ich habe das Gefühl, dass sie heute richtig froh sind, dass es uns gibt."

1500 Notfälle pro Jahr

Im zuständigen Ministerium in Zagreb spricht man aktuell von 1500 gemeldeten Notfällen pro Jahr. Auch wenn offiziell anderes verlautbart wird, ist es ein offenes Geheimnis, dass die Kroaten ihr Hoheitsgebiet mit einer über 1000 Kilometer langen Küste und all den Inseln alleine kaum sichern können.

Unter Skippern hat sich der Erfolgslauf des leidenschaftlichen Motorbootfahrers im Range eines Fernmeldeunteroffiziers längst herumgesprochen, in seiner Heimat außerhalb des Salzkammerguts kennen ihn hingegen nur die Wenigsten.

Daher ein paar Zahlen zum besseren Verständnis: Von den mehr als 10.000 Mitgliedern sind rund zwei Drittel Deutsche und Österreicher. Mit seinen 25 Einsatzbooten ist SeaHelp inzwischen in sechs Ländern aktiv.

Wolfgang Dauser sieht das Ende der großen Fahrt seines Touringdienstes noch nicht erreicht. Dennoch freut er sich gemeinsam mit seiner Frau, einer Lehrerin der Modeschule in Ebensee, bereits auf die Pension: "Dann werden wir nicht nur in den Ferien Zeit auf unserem Boot verbringen." Den Pannendienst wird einer wie er wahrscheinlich nicht benötigen.