Reise 25.07.2017

Wandertheater auf dem Berg

© Bild: /Claudia Jörg-Brosche

Die unberührten Weiten des hinteren Ötztals sind die Kulisse für ein Wandertheater auf höchstem Niveau.

Die hochalpine Kulisse ist gigantisch, "das hat etwas kathedralenhaftes" sinniert Regisseur Hubert Lepka. Wir befinden uns in karger Felsszenerie oberhalb der Martin Busch Hütte im hintersten Ötztal. Erhaben grüßen der Similaungipfel (3.603 m) und das gleißende Weiß des Niederjochferners herüber.

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© Bild: /Claudia Jörg-Brosche
Rund 40 Theatergäste haben auf Logenplätzen in der Natur Platz genommen, lauschen über Ohrstöpsel der herrlichen, mittelalterlichen Musik von Oswald von Wolkenstein, Josquin des Prez oder der niederländischen Polyphonie. Die Klänge vermitteln die gleiche unendliche Ruhe wie der Jahrmillionen alte Fels. Dann tritt die Fremde Frau auf – in roten, bodenlang wallenden, üppigen Seidengewändern. Sie tanzt und kämpft - hoch oben auf einem Felsen. Der Wind bauscht die Robe dramatisch. Zorn, Wut und Verzweiflung sind deutlich spürbar.

Theater zum Erwandern

Das Wandertheater "Friedl mit den leeren Taschen" in Vent im Ötztal macht seinem Namen alle Ehre: Hier wandern tatsächlich alle, Zuschauer wie Darsteller. Die Geschichte ist wahr: 1416 setzte der Habsburger Herzog Friedrich IV. auf den falschen der damals drei Päpste, zog den Zorn des Königs auf sich und wurde beim Konzil von Konstanz unter Reichsacht gestellt. Von seinen Feinden gehetzt, verliert er alles und flieht mit Hilfe der Magd Anna über die Berge auf sein Stammschloss nach Meran, der damaligen Landeshauptstadt.

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© Bild: /Claudia Jörg-Brosche
Wer die heuer exakt 601 Jahre alte Geschichte von der sagenhaften Flucht des Tiroler Landesfürsten als Theaterstück erleben will, muss gut zu Fuß sein: Rund fünfeinhalb Stunden und 660 Höhenmeter Marsch, von den Rofenhöfen (der höchstgelegenen Dauersiedlung der Ostalpen in 2.014 Meter Höhe) bis oberhalb der Martin-Busch-Hütte (2.501 m). Hin und retour fast 20 Kilometer. Dazwischen wird sieben Mal inmitten der Naturgewalt Halt gemacht und Theater gespielt.

50 marschieren mit

"Die Besonderheit ist, dass wir nicht vom Stück, sondern vom Ort ausgehen" erklärt Hubert Lepka. Das berührende Spektakel startet im Bergsteigerdörfchen Vent und führt ins Niedere Tal Richtung Similaun. Große Teile der Landschaft hier werden heute noch so bewirtschaftet wie vor 600 Jahren, es gibt kaum erkennbare Spuren des 21. Jahrhunderts. Dieselbe Schlucht, dieselben tosenden Wildbäche, Schafe, Bergziegen, Murmeltiere. Der Salzburger Regisseur sowie drei Schauspieler seines Künstlernetzwerks Lawine Torrèn setzen die historische Begebenheit als "Live-Roadmovie" ( Lepka) um (von Lepka bzw. Lawine Torrèn stammt auch das gigantische Gletscherspektakel "Hannibal" am Rettenbachferner in Sölden). Zugelassen pro Friedl-Aufführung sind maximal 50 Mitmarschierer, um einen intimen Rahmen zu wahren (7. bis 17. September 2017).

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© Bild: /Claudia Jörg-Brosche
Ob Friedl vor 601 Jahren genau hier über den Alpenhauptkamm floh, ist allerdings nicht belegt. Gesichert hingegen ist, dass 5.000 Jahre vor ihm Ötzi seine Route über die Seitentäler des hintersten Ötztals wählte. Am Hauslabjoch war für den "Eismann" dann Endstation.

Bergsteigerisch Ambitionierten sei nach dem Friedl-Wandertheater eine Übernachtung in der Martin-Busch-Hütte empfohlen und tags darauf eine Fortsetzung über die Similaunhütte zur Ötzi-Fundstelle am Hauslabjoch. Die Tour ist zwar nicht ganz einfach (Unerfahrenen sei ein Bergführer empfohlen), mit ihren herrlichen Ausblicken auf die Gletschergipfel und bis Italien und Besuch der Ötzi-Fundstelle aber ein großartiges Erlebnis. So können Bergfexe wandernd ganz tief in die Geschichte Tirols eintauchen.

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Info

Anreise ab Wien mit dem ÖBB Railjet ohne Umsteigen nach Ötztal Bahnhof (4 Std., 40 Min.), weiter mit dem öffentlichen Bus „Ötztaler“. Kein Auto notwendig, da attraktives Mobilitätskonzept. www.oetztaler.at, www.oebb.at

Wandertheater „Friedl mit den leeren Taschen“ 2017: Premiere: Donnerstag, 7. Sep. 2017, weitere Vorstellungen: täglich 8.–10. 9. und 14.–17.9.2017. Preis: 32 €, 19 € ermäßigt. wandertheater-friedl.oetztal.com

Hotels Familienhotel Vent und Hotel Alt Vent: Beide Hotels gehören zusammen, liegen direkt gegenüber und die Einrichtungen beider Häuser können von den Gästen genützt werden. 4*-Häuser im traditionellen Stil, gute Küche.Tel. 05254 81 30, www.hotel-vent.at

Berghütten Martin-Busch-Hütte (2501 m): Großes, klassisches Schutzhaus. Neu gestaltete Mehrbettzimmer, Matratzenlager, Etagendusche. Infos und Buchung unter Tel. 05254/81 30, www.hotel-vent.at
–Similaunhütte (3019 m): Überaus gemütliche Hochgebirgshütte, tolle Lage mit Blick auf den Similaungipfel und den Niederjochferner. Sehr gute Küche! www.similaunhuette.com

Hochtouren Bergführerstelle Vent, Tel. 05254/81 06, www.bergfuehrer-vent.at

Auskunft www.vent.at, www.naturpark-oetztal.at/wandern, www.oetztal.com

( kurier.at , Claudia Jörg-Brosche ) Erstellt am 25.07.2017