Reise
09.12.2017

"Österreichs Bauchnabel": Winterreise nach Aussee

Wer hier geboren ist, kommt immer wieder zurück. Und wer diese besondere Landschaft einmal für sich entdeckt hat, den lässt sie nicht mehr los. Eine winterliche Reise ins Ausseerland, zum "Bauchnabel von Österreich".

Klaus Maria Brandauer, geboren in Bad Aussee, machte Weltkarriere und lebt heute wieder in seiner Heimat. Deshalb weiß er, wovon er spricht: "So weit können Ausseer ihre Wege gar nicht wegführen. Sie kehren immer wieder zurück. Vielleicht nicht ganz freiwillig aber lieber früher als später."

Anziehungskraft

Das Ausseerland im steirischen Salzkammergut ist ein Talkessel umgeben von Loser, Dachstein und den Ausläufern des Toten Gebirges. Altausseer See, Grundlsee, Toplitzsee und sein Anhängsel, der nur 300 Meter lange Kammersee – inmitten dieser Landschaft liegen die Koordinaten eines Sehnsuchtsortes. Dabei gibt es anderswo höhere Berge, steilere Wände, größere Seen, spektakulärere Attraktionen. Aber es gibt kaum eine Gegend, deren Bewohner sich so verwurzelt und zugehörig fühlen wie die des Ausseerlandes. Diese Anziehungskraft lässt nie nach.

Ein ganz besonderer Reiz: der Altausseer See, wenn die Eisdecke sich geschlossen hat

Das gilt für die Einheimischen, klar. Für Brandauer ebenso wie für die Schriftstellerin Barbara Frischmuth, auch eine "Heimkehrerin". Aber es gilt auch für die "Zweitheimischen", die sich hier eine Bleibe gekauft oder gemietet und sich festgewurzelt haben. Einer von ihnen war Friedrich Torberg, der wie viele andere Größen der Kunst und der Literatur zahlreiche Sommer im Ausseerland verbrachte und sein Gedicht "Sehnsucht" schrieb – nachdem er vor den Nazis ins Exil geflüchtet war.

Raureif und Nebel

"Sehnsucht" lautet auch der Titel des neuen Buchs des famosen Fotografen Stephan Mussil, der sich dem Ausseerland zu der Zeit annäherte, in der es nahezu touristenfrei ist. So kennen es nur die Einheimischen: im Winter, wenn das Gras auf der Seewiese von eisigem Raureif überzogen ist, die Bootshäuser eine dicke Schneehaube tragen und die fahle Sonne kaum durch den Nebel dringt.

Gerhard Plasonig, geboren in Grundlsee, hat es noch nicht geschafft, in die kleine Welt des Ausseerlandes zurückzukehren. Aber er versucht es hartnäckig. Und das, obwohl er die Sehnsuchtsgegend schon auch für "widerspenstig", für eine "zickige Primadonna" hält und als deren schwierigsten Teil die Einheimischen bezeichnet.

Weiter Blick ins Land: die Glocknergruppe vom Sandling im Toten Gebirge aus gesehen

Einfacher seien da die "Zweitheimischen": Sie sind die perfekten Hüter der Ausseer Tracht. Bindel, Weste, Lederhose oder Dirndl müssen perfekt sein, hat Plasonig beobachtet. Wegen der enormen Nachfrage gibt es schon so viele Trachtenschneidereien, dass die "Geheimtipps" längst keine mehr sind. Ein weiteres Kapitel sind die Wiener auf Sommerfrische. Sie gehen mit Aussee und den Ausseern um wie mit alten Freunden. Man kennt einander und lässt einander in Ruhe. Ein friedliches Zusammenleben. Immerhin wird Aussee auch Wiens "24. Bezirk" genannt. Sogar das Parkpickerl gibt es hier. Nicht daheim und doch zuhause also.

Bauchnabel Österreichs

Bei manchen wächst die Liebe zum Ausseerland langsam, aber beständig. Einer von denen ist der Dichter Franzobel. "Aussee ist das heimliche Zentrum Österreichs, der Bauchnabel." Was den Reiz ausmacht: "Der fast unverbaute See, wofür man dankbar auf die Knie fallen muss und der Herrgöttin danken muss." Die Häuser, die aussehen, "als hätten sie Lederhosen an" und der Hausberg Loser, der Franzobel im Sommer an den "übrig gebliebenen Backenzahn eines Sauriers" erinnert. "Im Winter gleicht er riesigen, angezuckerten Grammeln."

Wie in einer anderen Welt: die Grasbüschel mit Raureif nach einer bitterkalten Nacht

Dass die Ausseer größten Wert auf ihre regionale Identität und Eigenständigkeit legen, zeigt sich sogar beim Autofahren. Als der damalige Landeshauptmann Voves vor mittlerweile fünf Jahren im Zuge einer Verwaltungsreform den Ausseern ihr Kennzeichen BA für Bad Aussee wegnahm und ihnen statt dessen LI-Nummerntaferln (Liezen) verordnete, war die Empörung groß. Doch alle Proteste fruchteten nichts. Dafür ist seit Juli 2012, dem Termin der Abschaffung des BA-Taferls, die Dichte an Wunschkennzeichen höher als überall anders in Österreich.

Klein-Bullerbü

Angelika Hager an ihrem Lieblingsplatz: In der Seewiese mit den Burschen der Grundlseer Geigenmusi

freizeit-Autorin Angelika Hager über ihre Liebe zu Aussee

Ich wollte die Ferien-Soap. So wie ich sie in den Samstagnachmittags-Filmen mit Hans Moser und Gunther Philipp in meiner Kindheit inhaliert hatte. Ein bisschen Kitsch, ein Schuss Tradition und dieses Gefühl von Geborgenheit, in einer Welt gelandet zu sein, in der die Hauptstadt-Gesetze wie Stress, Beschleunigung oder militante Freizeit-Organisation außer Kraft gesetzt sind. Als ich vor 25 Jahren erstmals in Altaussee aufschlug, nahm ich beim Madlmaier Quartier und der damalige Besitzer setzte uns händisch mit seiner Plätte zu Händels Wassermusik zum Strandcafé über. Saiblinge und Veltliner, das Wasser klotzte in allen Grünschattierungen und die Trisselwand zwinkerte uns von der Ferne zu. Seither bin ich diesem größenwahnsinnigen Kaff verfallen – das mit den Zweithäusern habe ich inzwischen aufgegeben, das hat mich finanziell ziemlich ruiniert, nun schnorre ich mich erfolgreich bei Freunden ein. Es gibt noch immer keinen besseren Sommermoment, als in der Seewiese beim Pauli und der Eva in einen Strudel zu köpfeln und am anderen Ende des Sees den schneebedeckten Dachstein glitzern zu sehen. Manchmal ist im August auch November. Dann flucht man, schwört sich, nie wieder hierher zu kommen und weiß aber natürlich in der Sekunde, dass das die nackte Unwahrheit ist. Altaussee war mein Klein-Bullerbü-Geschenk an meine Tochter, die hier auf Strohballen herumrollte, von den Kramperln traumatisiert wurde und bis heute sagt: "Besser als in Altaussee ging Kindheit nicht." Wir werden weiter kommen und weiter fluchen. Weil eine schönere Sackgasse gibt es auf diesem Planeten nicht.