Einmal durchatmen und los – über die Zweiseilbrücke.

© /Thomas Rabl

Tirol
05/16/2016

Nervenkitzel für Frauen am Wilden Kaiser

Anfängerkurse für fitte, mutige Damen in der Tiroler Region Kitzbüheler Alpen.

von Ingrid Steiner-Gashi

Es gibt Momente im Leben, in denen man froh ist, wenn Nebel aufzieht. Dann nämlich, wenn man nicht weiß, wie man den linken Fuß noch ein Stückchen weiter nach links rücken kann, während man – eh gesichert – in der Felswand hängt und den Blick nach unten riskiert.

Und plötzlich ist er da, der rettende Nebel, sanft verdeckt er die kerzengerade Sicht nach unten. Waren es sieben Meter Felswand, die man bereits mit einigermaßen Mühe erklommen hat? Oder zehn? Gefühlt waren es mindestens hundert ...

Egal. Jetzt ist alles im dichten Weiß verschwunden, und mit sanfter Freundlichkeit holt einen Bergführer Thomas Rabl aus der aufkommenden Verzweiflung zurück. "Du musst dich mit gestreckten Armen am Seil festhalten und mehr in die Knie gehen. Dann hast du mehr Spielraum", erinnert er an das, was wir vier Frauen vor einer halben Stunde auf ebene Erde bei der Einführung ins Bergklettern noch locker-lässig abgenickt haben. Und jetzt hängen wir also da, an der ersten etwas schwierigeren Stelle des Klettersteiges auf dem Weg zum Stripsenkopf (1807m). Aber Thomas hat recht: Alles ausblenden. Nur auf die nächste Bewegung konzentrieren und schon ist wieder ein Schritt geschafft.

Querung des glatten Felses

"Bravo, gut gemacht", feuert mich Erika begeistert an. Die Sportlehrerin, Anfängerin wie ich, klettert einen Meter über mir. Gestern habe ich sie noch nicht gekannt. Heute hängen wir gemeinsam im Seil, kämpfen uns nacheinander über die Querung des glatten Felses und fühlen uns, angesichts unserer gemeinsam überstandenen Herausforderungen, als würden wir jederzeit unser Leben füreinander geben.

Grenzerfahrung

Man könnte ja auch gemütlich hinaufwandern, unterhalb der imposanten Steilwände des Wilden Kaiser-Gebirges. Und sich fragen, was es mit den recht bedrohlichen Gipfelnamen "Fleischbank", "Predigtstuhl" oder "Totenkirchl" so auf sich hat. Aber darum geht es nicht. Vielmehr dreht sich alles darum, einen neuen Weg zu versuchen. Wieder einmal Grenzen auszutesten und herauszufinden, was für uns vier Frauen, die wir nicht mehr die Allerjüngsten und ganz sicher auch nicht die Todesmutigsten sind, für uns alles noch möglich ist.

Ganz schön viel – wie sich bald herausstellt. Einzige Voraussetzung für unser Abenteuer: Keine von uns hat Höhenangst, jede von uns ist passabel fit. Der Rest, meinen die Bergführer Thomas und Roman beruhigend, "geht dann fast schon von allein."

Und auf geht’s. Die Ausrüstung, von Klettergurt über Helm und Handschuhe, stellt der Bergführerverband der Region Kitzbüheler Alpen zur Verfügung. Gemeinsam mit dem Tourismusverband St. Johann in Tirol, zu dem auch die Orte Oberndorf, Kirchdorf und Erpfendorf zählen, hat man sich etwas Besonderes einfallen lassen: Kletterangebote speziell für Frauen – was nicht heißen soll die gemächliche, langweilige Light-Version. Sondern einfach stressfreies Klettern, Frauen unter sich. Ohne "das-muss-schneller-gehen-Gehabe", wie es schon in so mancher Kletteranfängergruppe zu hören gewesen sei und unnötigen Druck mache, wie Bergführer Thomas schildert.

Meter um Meter sind wir langsam, aber unaufhaltsam nach oben geklettert. Haben mit jeder in den Fels geschlagenen Klammer unsere Angst ein Stückchen zurückgedrängt, an Selbstvertrauen gewonnen. Schon wird frech gewitzelt, über die nächsten Herausforderungen. Wir alle wissen, mit zunehmendem Gefühl des Triumphes, trotz allmählich erschlaffender Armmuskeln: Wir schaffen das!

Am Abgrund

Wäre da nicht vor unserer Nase, nur wenige Meter vom Gipfelkreuz am Hundskopf entfernt – ein unfassbar tiefer Abgrund. Zwischen den Felswänden, ein straff gespanntes Seil. "Da drüber??????" Ich muss mich erst einmal setzen. Denke mit geradezu zärtlichen Gefühlen an meinen sicheren Schreibtisch, während Ilka schon längst ihren Karabiner eingehakt und sich bis auf die Mitte der "Brücke" vorgewagt hat. Na gut, wie heißt es? Was eine Frau schafft, kann auch eine andere. Und so folge ich Ilkas Pfad, einen Schritt nach dem anderen, wachsam, gut gesichert und immer euphorischer. Drüben, auf der anderen Seite, wird gejubelt, wir fühlen uns wie die Königinnen des Wilden Kaisers.
Beflügelt und top-motiviert, möchten wir am nächsten Tag noch höher hinaus, zum Klettersteig aufs Kitzbüheler Horn. Doch der Regen macht es unmöglich. Also ab zum "Trockentraining" in die Kletterhalle nach Kitzbühel. Wir vier Frauen sind kaum noch zu bremsen. Wir sollen versuchen, bis zur Decke klettern? Hallo? – Kein Problem, wir hatten schließlich schon echten Fels unter unseren Fingern.

Info

Anreise Die Kitzbüheler Alpen-Orte St. Johann in Tirol, Oberndorf, Kirchdorf und Erpfendorf sind mit Bahn und Auto gut erreichbar. Von Salzburg (60 km) bis Ausfahrt Salzburg West oder Ausfahrt Bad Reichenhall (A8), Bundesstraße 21 (D) via Lofer und Bundesstraße 178. Es gibt eine Schnellzughaltestelle in St. Johann in Tirol und eine Regionalzughaltestelle in Oberndorf.

Kletterpauschale 165 € mit Gästekarte der Orte St. Johann in Tirol, Oberndorf, Kirchdorf & Erpfendorf (ohne Gästekarte 195 €) exklusive Leihausrüstung.
Kurse nur für Frauen gibt es am 12.–16. 6., 16.–19. 6. und 23.–26. 6. Im Herbst: 18.–22. 9., 22.–25. 9. und 2.–6. 10 2016.
Es gibt auch „gemischte Kurse“, je drei im Juni, drei im September.

Ausrüstung Komplette Leihausrüstung steht zur Verfügung – Helm, Klettergurt, Klettersteigset, Kletterschuhe. Kosten für drei Tage pro Person 33 Euro.

Auskünfte Tourismusverband St. Johann in Tirol, 05352/ 633 350, www.kitzalps.cc

Hoteltipp Der Lärchenhof in Erpfendorf, ein Fünf-Sternehaus mit familiärer Atmosphäre, großem Wellness-Angebot und Golfanlage. Doppelzimmer ab 120 € p. P., Halbpension inklusive 6-Gang-Menü am Abend. 05352/ 8575, www.laerchenhof-tirol.at

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