Es ist die Straße zum Himmel. So nennt Pedro, der Land-Rover-Fahrer, das steile Offroad-Abenteuer durch den Nordosten der Atlantikinsel. Durch Wasserlachen vorbei an umgestürzten Bäumen und einem Waldstück, das so dicht bewachsen ist, dass es scheint, als wäre es stockdunkel. Dazwischen hält Pedro an, kurbelt das Fenster hinunter und fischt nach einem Eukalyptusblatt, um uns den Geruch des ätherischen Öls dieser Pflanze zu zeigen. "Madeira ist der Ort, den du gesehen haben musst, um ihn zu fassen", sagt der gebürtige Madeirer. Er liebt diese Insel, das spüren wir sofort. Und es scheint, als kenne er hier jeden Baum, jede Straße und die meisten Einwohner.

Madeira…
Madeira © Bild: Julia Gschmeidler

Natürliche Zweiteilung

Durch die Gebirgskette, die sich von Ost nach West erstreckt, teilt sich die Insel in zwei Hälften: den raueren, verregneten Norden und den subtropisch warmen und trockenen Süden, in dem auch die Hauptstadt Funchal liegt. Die unterschiedlichen Mikroklimazonen sorgen dafür, dass man vier Jahreszeiten innerhalb weniger Stunden erleben kann. Um dieses ungleiche Verhältnis auszugleichen, haben die ersten Siedler im 15. Jahrhundert sogenannte Levadas angelegt. Die Bewässerungskanäle führen Wasser aus dem regenreicheren Norden zu den Plantagen und Gärten im Süden. Neben der nährstoffreichen vulkanischen Erde mit ein Grund, warum die gesamte Insel so fruchtbar ist. Und an so einer Levada lässt uns Pedro aussteigen, um entlang der Wasserrinnen zu wandern.

© Bild: Madeira Tourismus

Die Naturpfade führen durch die üppige Fauna der Insel, vorbei an Wasserfällen und Aussichtsplattformen, die den Blick auf das schroffe Hintergebirge und wildromantische Küsten freilegen. Die Pflanzenvielfalt auf Madeira ist so vielfältig wie bunt. Auch Blumeninsel genannt, beherbergt Madeira als ehemalige Seefahrerstation Gewächse aus Australien, Neuseeland, Südamerika oder Südafrika, wie die anmutigen Strelitzien, die auch als Paradiesvogelblumen bezeichnet werden und überall auf der Insel zu finden sind. "Wenn du auf Reisen bist, siehst du überall alte Freunde", sagt Stadtführerin Sophia und meint damit die vielen unterschiedlichen Pflanzenarten, die sie aus ihrer Heimat kennt.

© Bild: Julia Gschmeidler

Sie führt uns zum Mercado dos Lavradores in die Altstadt von Funchal. Frauen in traditioneller Kleidung verkaufen hier Blumen, Obstverkäufer träufeln das Mark der unterschiedlichen Passionsfrucht-Arten zur Verkostung auf die Handrücken der Marktbesucher und die Fischverkäufer bieten Espada feil. Der Schwarze Degenfisch ist eine Spezialität der Insel und lebt in bis zu 1700 Meter Tiefe im Nordatlantik. "Keiner hat ihn je lebendig gesehen, weil er durch den Druck beim Auftauchen stirbt", erzählt Sophia, deren Großvater damals mit Tauchglocke nach der Fischart gesucht hat. Die Madeirer essen ihn am liebsten mit gebackenen Bananenstücken oder dem Fruchtfleisch der Passionsfrucht.

Greg snell…
Greg snell © Bild: Greg Snell

Exotische Köstlichkeiten

Von der Markthalle weiterspaziert, geben die Schaufenster in den engen Gassen der Altstadt weitere Delikatessen preis. Wie den berühmten Bolo de mel, ein Honigkuchen, der durch die Zugabe von Zuckerrohr-Sirup besonders geschmackvoll ist und Einheimische wie Touristen gerne zum bekannten Madeira Wein verzehren. Die Erzeugung dieses speziellen Weinlikörs lässt sich bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen und hat berühmte Anhänger wie Sir Winston Churchill, der als Inselbesucher die Bucht eines Fischerdorfs auf seiner Staffelei festhielt, oder Thomas Jefferson, der mit Madeira Wein auf die amerikanische Unabhängigkeitserklärung anstieß.

Madeira…
Madeira © Bild: Julia Gschmeidler

Als Nationalgetränk gilt allerdings Poncha. Das alkoholische Mischgetränk aus je einem Drittel Zitronensaft, Zuckerrohrschnaps und Honig schmeckt am besten in einer typischen Bar mit Einheimischen, die an gekochten Lupinensamen kauen und dem Lokalbesitzer zusehen, wie er mit dem Holzstab "Caralhinho" die Zutaten vermischt. "Die Seefahrer hatten immer Poncha dabei, um Vitamin C zu sich zu nehmen. Auch heute ist das Getränk noch eine Art Medizin – für gebrochene Herzen", erzählt Tourguide Sophia schmunzelnd.

Funchal view.
Aerial view to Funchal from cable car. Funchal, Inselgruppe Madeira, Seilbahn, Portugal, Wolke, Wolkengebilde, Altstadt, Anhöhe,… © Bild: Getty Images/iStockphoto/peeterv/IStockphoto.com

Nach der vitaminreichen Stärkung bringt uns die Seilbahn – eine von sieben auf Madeira – aus der Altstadt Funchals innerhalb von 15 Minuten über die bunten Dächer zum tropischen Garten Monte Palace. Gleich beim Aussteigen beeindruckt der Panoramablick über die Bucht von Funchal, gefolgt von der üppigen Flora und Fauna des botanischen Gartens. Ein Unternehmer kaufte in den 80er-Jahren das Areal rund um das ehemalige Monte Palace Hotel und verwandelte es zu einem grünen Refugium mit Pflanzen aller Erdteile. Auf 70.000 befindet sich neben der Gartenanlage auch ein Museum mit einer Mineralsammlung und afrikanischen Steinskulpturen.

© Bild: Francisco Correia

Aber auch die typisch portugiesischen Azulejo-Kachelbilder säumen die Wege durch die Gärten und erzeugen gemeinsam mit dem Rauschen der Wasserfälle und dem Vogelgezwitscher eine tropische, wenngleich traditionelle Atmosphäre über den Dächern der Stadt. "Nach einer Stunde Ruhen riecht das Leitungswasser nach Dschungel", bestätigt Sophia das Gefühl von Natur, das auf der Insel permanent aufkommt.

Naturschwimmbäder

© Bild: Lucia Barros
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