Kenia: Hoffen auf eine Portion "Unimix"

"Wir haben einfach nicht mehr genug zu essen", erzählt Talaso verzweifelt, während sie ihr unterernährtes  Kind auf ihren Schoß nimmt. Hilfe naht: Auch der kleine Jillo wird bald von der Caritas nahrhaften Brei erhalten.
Foto: Florian Lems

Florian Lems ist für die Caritas im Dürregebiet unterwegs. Ein Not-Ernährungsprogramm soll dort die ärgste Not lindern.

Florian Lems ist für die Caritas im Dürregebiet im Einsatz und blogt aus Nordkenia. Auf KURIER.at berichtet er von seinem Einsatz in den Dürregebieten.

"Kommen Sie bitte mit, ich möchte Ihnen jemanden vorstellen." Der Mann deutet zu einigen Hütten, die am Rand von Bubisa stehen. Wir sind hierher gekommen, um mit den Menschen über die bevorstehende Lebensmittelhilfe zu sprechen. In und um Bubisa leben etwa 1.500 Familien, und wie überall in Nordkenia, haben die Menschen zu wenig zu essen. Das Informationstreffen ist gerade beendet, als der Mann zu mir kommt. "Ich möchte Ihnen zeigen, was der Hunger mit uns macht", sagt er.

Er führt mich zu einer Frau, die vor ihrer Hütte sitzt. Sie heißt Talaso Adano, ist 33 Jahre alt, und mir fällt gleich auf: Es geht ihr nicht gut. Sie wirkt resigniert. Während mein Begleiter einige Worte mit ihr wechselt, ist ihr Blick starr auf den Boden gerichtet. Schließlich führt die Frau uns zögerlich in ihre Hütte. Zu ihrem Sohn, Jillo.

"Keiner hilft uns"

Das Kind ist stark unterernährt. Jillo ist drei Jahre alt, erzählt seine Mutter. Doch er ist viel zu klein: Er ist nicht größer als ein Einjähriger, seine Ärmchen und Beinchen sind ganz dünn. Er ist völlig apathisch. Als wir eintreten, beginnt der Bub zu weinen. Leise beantwortet seine Mutter unsere Fragen. Sie wirkt fast beschämt. "Wir haben einfach nicht mehr genug zu essen", erzählt Talaso, während sie das Kind auf ihren Schoß nimmt. Auch sie ist jetzt den Tränen nahe. In den vergangenen Monaten habe sich der Zustand ihres Kindes ständig verschlechtert, berichtet sie. "Doch keiner hilft uns. Es gibt hier niemanden, an den wir uns wenden können." Das bisschen Mais, das ihre Familie vor einem Monat bekommen hat, ist längst aufgebraucht. Und die wenigen Ziegen, die noch am Leben sind, sind zu abgemagert, um noch Milch zu geben.

In der Hütte dieser Frau habe ich gesehen, wie es Tausenden Kindern hier gehen kann, wenn ihnen nicht sofort geholfen wird. Der kleine Jillo ist kein Einzelfall: In der gesamten Region Marsabit steigt die Zahl der unterernährten Kinder an. Im Juni waren laut einer Erhebung knapp 28 Prozent der Kinder mangel- oder unterernährt. In Bubisa selbst gebe es derzeit 117 registrierte Fälle von Unterernährung, berichtet Doti Diba, der "Public Health Officer" des Ortes. "Und es werden ganz sicher weitere hinzu kommen." Ich habe den Beamten aufgesucht, um über Jillo zu sprechen. Denn das Kind braucht dringend Spezialnahrung, um wieder zu Kräften zu kommen.

Täglich ein halber Becher Brei

"Wir haben einfach nicht mehr genug zu essen", erzählt Talaso verzweifelt, während sie ihr unterernährtes  Kind auf ihren Schoß nimmt. Hilfe naht: Auch der kleine Jillo wird bald von der Caritas nahrhaften Brei erhalten. Foto: Florian Lems "Wir haben einfach nicht mehr genug zu essen", erzählt Talaso verzweifelt, während sie ihr unterernährtes Kind auf ihren Schoß nimmt. Hilfe naht: Auch der kleine Jillo wird bald von der Caritas nahrhaften Brei erhalten.

Doch die öffentlichen Ausspeisungen, die inzwischen von einigen Gemeinden organisiert werden, reichen bei weitem nicht, um alle hungrigen Kinder zu ernähren. Das zeigt sich beim Lokalaugenschein in Turbi, einige Tage später. Der staubige Ort liegt drei holprige Autostunden von Marsabit und nur 50 Kilometer von der äthiopischen Grenze entfernt. Vor dem Community Center - nicht mehr als ein Schuppen aus Wellblech - stehen in zwei Reihen Kinder. Viele sind erst zwei, drei Jahre alt. Sie warten auf die tägliche Ausspeisung. Auch einige Frauen stellen sich vor der Hütte an. "Für diese Menschen ist das die einzige Möglichkeit, zu einer regelmäßigen Mahlzeit zu kommen", erzählt Maalim Abdo. Er gehört zu den "Elders", den Ältesten des Ortes, und organisiert die Ausspeisung im Gemeindezentrum. Seit gut einem Monat kommen täglich bis zu 400 Menschen in der Hoffnung auf eine Portion Unimix - ein besonders nahrhafter Brei. Vor allem Kinder, aber auch Schwangere, stillende Mütter und ältere Menschen.

Um 16 Uhr beginnt die Ausspeisung. Eine Frau füllt die Becher der Kinder, die sich gleich einen Platz im Schatten suchen und gierig den dünnflüssigen Brei trinken. Die Becher sind jedoch nur halbvoll. "Es ist einfach nicht genug für alle da", erklärt Maalim Abdo. Deshalb würden täglich viele Kinder leer ausgehen. "Wenn es keine Hilfe von Außen gibt, können wir nur zu Gott beten. Denn die Situation wird immer schlimmer."

Not-Ernährungsprogramm

Aus diesem Grund wird die Caritas Österreich mit österreichischen Spenden aus der Aktion Nachbar in Not hier so rasch als möglich Not-Ernährungsprogramm starten: Insgesamt sollen 8.000 besonders vom Hunger gefährdete Kinder, Schwangere und ältere Mensche regelmäßig mit Aufbaunahrung versorgt werden. Durch diese Sofortmaßnahme kann die Caritas das Überleben dieser geschwächten Menschen sichern.

Konkret läuft die Verteilung mit Unimix-Pulver über 15 Community Centers. Darunter auch jenes in Bubisa, wo Talaso Adano lebt. So bekommt auch der kleine Jillo die Chance, wieder zu Kräften zu kommen.

Caritas-Spendenkonto: PSK 7.700 004, BLZ 60.000, Kennwort: Hungerhilfe
Nachbar in Not: PSK 91.091.200, BLZ 60.000, Kennwort: "Hunger in Ostafrika"

(KURIER.at / Florian Lems, Marsabit) Erstellt am
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