Reise
05.01.2013

Salon der deutschen Hauptstadt

Das berühmteste Grandhotel Berlins als Kulisse für eine wechselvolle, dramatische Geschichte.

Am 23.Oktober 1907, Milch war gerade um zwei Pfennig teurer geworden, fuhr der Kaiser mit Gattin und Gefolge vor, im von Daimler ihm samt Fahrer geschenkten 16-PS-Automobil. Zwei Stunden lang besichtigte Wilhelm II. das neue Haus, mit wachsender Begeisterung. Und nicht nur, weil eine Büste von ihm schon da hing. Die offizielle Eröffnung am nächsten Tag überließ er einer gigantischen Gala für alle, die nach ihm Rang und Namen in der deutschen Hauptstadt hatten, und das waren viele.

Denn von Anfang an musste das Hotel Adlon für seinen Erbauer und Namenspatron Lorenz Adlon sowie dessen Förderer, den Kaiser, zu den besten zehn Häusern der Welt gehören. Weil die meist in dessen heimlich bewunderter Rivalenmetropole Paris standen, waren offiziell die in New York Vorbild. Ohnehin hieß die Adresse „Unter den Linden 1, am Pariser Platz“ und war mit Blick aufs Brandenburger Tor die allererste der Stadt.

„Kulturgeschichte“

Die hatte nun endlich nicht nur Triumphbogen, Siegessäule und einen Prachtboulevard nach Vorbild der Champs Elysées, sondern auch ein standesgemäßes Etablissement für die betuchte Welt. Die schon damals Eigenlob-starke Lokalpresse: „Eine Etappe in der Kulturgeschichte Berlins als kosmopolitische Zentrale des Verkehrs“ („Lokal-Anzeiger“).

Das Haus war aber auch toll: „325 Zimmer mit 150 Privatbädern“ hatte kein anderes deutsches, und auch nicht „Palmen-Garten, Goethe-Garten, Akademie-Garten, Five-o’clock-Tea-Halle, Große Festsäle, Grill-Room, Restaurant“ (Original-Werbung). Und das in der Opulenz der Belle Epoque, die in Berlin immer noch etwas protziger geriet als sonstwo. Das traf voll des Kaisers Geschmack, der am liebsten die französischen Impressionisten in der Nationalgalerie abhängen lassen wollte und deren Berliner Epigonen als „Rinnsteinkunst“ schmähte.

Das Adlon war aber auch Denkmal deutschen Unternehmertums, das die Provinzstadt Berlin in nur 40 Jahren zur führenden Industriestadt des Kontinents hochbrachte. Mit Weinhandel für deren Elite und Lokalen für deren Arbeiter hatte der Sohn eines aus Frankreich zugezogenen Schusters namens Adelon sein Geld verdient: Lorenz, nun Adlon, wagte alles für das Hotel. Und die teuere Rechnung ging auf. Das Reich, nein, die Welt, hatten offenbar darauf gewartet.

Ab jetzt stieg alles, was auf sich hielt und es sich leisten konnte, hier ab. Die Namen im Gästebuch sind die, die sie in den nächsten Jahrzehnten bewegten: Staatsmänner und Stars, Diplomaten und Diven, Nobelpreisträger, Nazigrößen. Und Nutten, edle.

Die Filmstars Henny Porten und Marlene Dietrich zelebrierten hier Skandale wie Josephine Baker, die Dichter Gerhart Hauptmann und Thomas Mann kamen wie die gekrönten Häupter, und das waren damals noch viele. Der apostolische Nuntius Pacelli speiste meist hier – bis er Papst Pius XII. wurde. Es gab Feste, über die die Presse tagelang schrieb, Liebschaften und Selbstmorde, von denen sie nichts erfuhr.

Personal und Kulisse

Denn das Adlon hatte das Wichtigste, was ein Grandhotel auszeichnet: allerbestes Personal und auch davon viel. Die Geschichten von dessen Können und Diskretion, Loyalität zu Gästen und Hausherrn, grenzenlosem Einsatz und Einfallsreichtum sind ein spannendes Porträt der Zeit. Und der weltweit dichtest besiedelten Stadt, in der ganz Oben und ganz Unten (Durchschnittslohn am Tag: zwei Mark) unendlich mehr trennte als heute. Die Bücher davon sind viel dramatischer als jede TV-Schmonzette.

Im totalen Zentrum der Hauptstadt gelegen, war das Adlon prominenter Zeuge und Spielort deutscher Geschichte: Geheimverhandlungen vor und nach dem ersten Krieg (Delegationslogis pro Woche: 40.000 Mark). Später wurden auch Sozialdemokraten gesehen – bis der Schein des zum Greifen nahen Reichstagsbrandes am 28. Februar 1933 auch ihr Ende bedeutete. Die Präsenz der Ober-Nazis (mit Ausnahme Adolf Hitlers) mit ihren ein paar Fußminuten entfernten Kommandozentren und Folterkellern leerte dann das Hotel, jedenfalls an Ausländern. Dass es direkt daneben, mitten in der zu 95 Prozent kaputten Stadt den Krieg baulich fast unversehrt überstand, war ein Wunder.

Doch ein russischer Soldat trat am 5. Mai 1945 beim Ausräumen des von der Roten Armee entdeckten Geheimlagers von 65.000 Flaschen Bordeaux die Zigarette nicht aus. Anfangs brannte das Adlon unbemerkt, dann ungelöscht drei Tage lang. Lorenz Adlon erfuhr das nicht mehr: Er starb auf dem Weg vom russischen Verhör zurück, kurz vor Berlin. Den kleinen Rest des Hauses nutzte die DDR später als Hotel, pflegte es aber nicht.

Voller Wiederaufstieg

Nach der Wende begann 1994 der Wiederaufbau mit der Eröffnung 1997, die von vielen als Symbol für das Neue Berlin gefeiert wurde.

Seither ist das Adlon wieder das Hotel für Staatsgäste. Aber nicht mehr für alle Stars, für jeden Luxus und alle Moden: Seit Michael Jacksons Sohn-Show gehen US-Stars wie Madonna eher ins „Regent“ oder „Ritz“.

Das Adlon gehört heute einer deutschen Investorengruppe, Pächter ist Deutschlands größte Hotelkette Kempinski, für die es das Flaggschiff abgibt. Dessen Zimmer aber sind so niedrig wie im Sozialbau. Die Enge unterscheidet auch die fast immer volle Lobby von der jeden anderen Grandhotels in Europa: Die einstige Grandezza fiel zwei gewinnbringenden Etagen mehr bei alter Traufhöhe zum Opfer. Des DDR-Bürgerrechtlers und heutigen Bundespräsidenten Joachim Gauck Wort: „Wir träumten vom Paradies – und bekamen Nordrhein-Westfalen“, passt auch hier.

Unbestritten aber sind die wieder prominenteste Lage, die hohe Klasse der 350 Beschäftigten, die in der Hotel-Schwemme Berlins höchsten Zimmerpreise (Schnitt: 270 Euro) und Auslastung von über 70 Prozent. Das Adlon glänzt auch wieder mit Extras wie der teuersten Weinhandlung der Stadt und ihrem besten chinesischen Restaurant, leider nur für Mitglieder des elitären „ChinaClubs“. Und der teuersten Tiefgarage.

Die vielen schwarzen Daimlers mit Chauffeur aber warten draußen vorm roten Teppich und dem einzigen Winterbaldachin – heute mit Spezialgenehmigung der Stadt, nicht des Kaisers.