Himmelwärts in der Schweiz

360 Kilometer Wanderwege und fünf Kletterpfade: Engelberg im Herzen der Schweiz hat die Auswahl.
Foto: Engelberg-Titlis Tourismus christian perret

Am Berg Titlis hören Kletterer Engel singen. Denn: Der Ort Engelberg ist auf Gipfelstürmer spezialisiert.

Willkommen im Himmel", sagt Janine Hess, ein rotblonder Engel, der im Tourismus-Büro der Gemeinde Engelberg im Schweizer Kanton Obwalden arbeitet. Sie lächelt schelmisch - doch man will es ihr beinahe glauben. Es ist tatsächlich ein paradiesisches Stück Landschaft, das - umgeben von eindrucksvollen Berggipfeln - auf naturverbundene und zahlungskräftige Touristen wartet: saftige Almen, schattige Wälder, erfrischende Bäche und ein Gletscher, der von der 3024 Meter hohen Titlis-Spitze über das Tal leuchtet.
Das, und die würzige Bergluft wissen auch Prominente wie der Schweizer Fußballteamchef Ottmar Hitzfeld oder die sechsfache Ski-Weltmeisterin Erika Hess zu schätzen, die beide hier einen Wohnsitz haben.

Auch die indische Bollywood-Filmindustrie hat den Berg Titlis als Kulisse für Seifenopern entdeckt. Scharen von Fans reisen aus Asien an, um ihren Helden bei den Dreharbeiten nahe zu sein. Einige Hotels haben sich auf diese Gästegruppe spezialisiert, bieten Ayurveda-Küche an und beschäftigen indisches Personal.

Erste drehbare Luftseilbahn der Welt

360 Kilometer Wanderwege und fünf Kletterpfade: Engelberg im Herzen der Schweiz hat die Auswahl. Foto: Engelberg-Titlis Tourismus christian perret 360 Kilometer Wanderwege und fünf Kletterpfade: Engelberg im Herzen der Schweiz hat die Auswahl.

Mit der ersten drehbaren Luftseilbahn der Welt wagen sich viele der Inder sogar bis auf 3000 Meter. Dort stürmen sie das Fotostudio der Bergstation, schlüpfen in urige "Heidi und Peter"-Trachten und lassen sich mit Alphorn und Ziehharmonika ablichten.
"Engelberg it's heaven ", wirbt die 4000-Seelen-Gemeinde. Das klingt zwar protzig, hat aber einen wahren Kern - zumindest, wenn man den Überlieferungen des Konrad von Sellenbüren glaubt.

Der Adelige behauptete, er habe über dem Berg Hahnen Engelsstimmen vernommen, die ihn aufforderten, in dem abgelegenen Hochtal eine "Gott geweihte Stätte" zu gründen.
Gesagt, getan - 1120 war das Kloster fertig und die Benediktiner zogen ein. Als Sellenbüren für die Abtei einen Namen suchte, hörte er über der 2607 Meter hohen Hahnen-Spitze wieder einen Engels-Chor, der das Gotteslob verkündete. Und in dem Moment fiel bei ihm der Groschen: "Der Berg der Engel - Engelberg!"

Weltcup

360 Kilometer Wanderwege und fünf Kletterpfade: Engelberg im Herzen der Schweiz hat die Auswahl. Foto: Engelberg-Titlis Tourismus christian perret 360 Kilometer Wanderwege und fünf Kletterpfade: Engelberg im Herzen der Schweiz hat die Auswahl.

Das war auch die Geburtsstunde für die Gemeinde, deren Wappen - wenig überraschend - ein weißer Engel ziert. Im Lauf der Zeit lockte das Kloster mehr und mehr Menschen an, die sich aus religiösen oder wirtschaftlichen Gründen in seiner Nähe ansiedeln wollten. "Ora et labora ", lautete das über Jahrhunderte hinweg zwar dominierende, allerdings wenig genussfreundliche Motto im Tal. Diese Zeiten scheinen vorüber.

Bei Wintersportlern hat Engelberg schon lange einen ausgezeichneten Ruf. Langläufer, Tiefschnee- und Tourenskifahrer finden hier nahezu ideale Bedingungen. International bekannt wurde der Ort aber wegen des jährlichen Weltcup-Skispringens auf der Titlis-Naturschanze. "Darauf sind wir sehr stolz", betont Janine Hess, die sich als Fan von Simon Ammann outet.

360 Kilometer Wanderwege und fünf Kletterpfade: Engelberg im Herzen der Schweiz hat die Auswahl. Foto: Engelberg-Titlis Tourismus christian perret 360 Kilometer Wanderwege und fünf Kletterpfade: Engelberg im Herzen der Schweiz hat die Auswahl.

Stolz ist sie auch auf ein Sportangebot im Sommer, das außerhalb der Region (noch) als Geheimtipp gilt: In den vergangenen Jahren wurden fünf variantenreiche Klettersteige unterschiedlichster Schwierigkeitsgrade errichtet, die alle den aktuellsten Sicherheitsstandards entsprechen. Damit sollen Menschen angelockt werden, die steil nach oben streben.

Als Kind von Spät-Hippie-Eltern, die auf Teneriffa eine Strandbar betreiben, ist Janine am Mittelmeer aufgewachsen. Bis zu ihrem zehnten Lebensjahr war Wasser das bestimmende Element. Schwimmen, tauchen, surfen - damit ist sie groß geworden. Vor Bergen und dem Klettersport hat die 28-Jährige aber noch heute gesunden Respekt. Da sie den schwierigsten der fünf Steige, die Route auf die Fürenalp, bisher nicht ausprobiert hat, lässt sie sich überreden, mitzukommen. Zwei Bergführer sind dabei.

360 Kilometer Wanderwege und fünf Kletterpfade: Engelberg im Herzen der Schweiz hat die Auswahl. Foto: Engelberg-Titlis Tourismus christian perret 360 Kilometer Wanderwege und fünf Kletterpfade: Engelberg im Herzen der Schweiz hat die Auswahl.

Am nächsten Morgen, beim Anblick der 600 Meter hohen Steilwand von unten, bereut sie ihr Vorhaben wieder, doch dafür ist es zu spät. Nach kurzer Einschulung und mit Helm und Kletterset ausgestattet, geht es los. Schritt für Schritt hantelt sie sich auf Stiften, Klammern und Sprossen empor - den Kopf sicherheitshalber nach oben gerichtet. Den Abgrund würdigt sie keines Blickes - lieber nichts riskieren. Ein fix montiertes Drahtseil bildet die Nabelschnur, an der sich die Gruppe vertikal entlangtastet. Alle paar Meter müssen die Karabinerhaken, mit denen die Kletterer gesichert sind, umgehängt werden - nicht selten kommt es dabei zu unfreiwilligen Staus.

Die Aussicht ins Tal ist schwindelerregend. Der eiserne Pfad, der den mächtigen Kalkfelsen hinaufführt, scheint nicht enden wollend. Im letzten Drittel ist in Armen und Beinen ein kräftiges Ziehen spürbar - für Kinder oder Untrainierte ist die Route tabu. Doch die Klettersteig-Novizin schlägt sich tapfer. Und dann: Endlich geschafft! Nur noch wenige hundert Meter einen Weg entlang und sie sitzt auf der Terrasse des Bergrestaurants. Zufrieden schaufelt Janine eine Portion "Älplermakronen" in sich hinein. Für österreichische Mägen schwer nachvollziehbar: Die mit Zwiebeln garnierte Holzfäller-Mahlzeit wird zu Apfelmus gegessen. "An Guat'n", sagt Janine und prostet in die Runde.

Info

Anreise Der ÖBB-Railjet verbindet täglich Wien mit Zürich. Der Zug erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 230 km/h und bietet Reisenden drei Komfortklassen. Die Fahrt dauert rund acht Stunden. Die Sitzplätze bieten aber viel Beinfreiheit. In Zürich muss man umsteigen und mit der Schweizer Bahn weiter bis Luzern fahren. Dann geht es mit der Zahnradbahn nach Engelberg.

Währung 1 Euro entspricht etwa 1,22 Schweizer Franken.

Bergbahnen - Brunnibahn: Hin- und Rückfahrt zur Brunnihütte 40 Franken. www.brunni.ch
Titlisbahn: Hin - und Retourkarte auf den Titlis 82 Franken. www.titlis.ch
Fuerenalp: www.fuerenalp.ch

Klettern Für alle Steige ist Klettersteigausrüstung und der geübte Umgang damit Pflicht. Die "Hüsler-Schwierigkeitsskala" reicht von leicht (K1) bis sehr schwierig (K5). Die schwierigsten Routen in Engelberg sind der "Zittergrad" (K4) und die "Fürenwand" (K4 bis K5). Für Einsteiger geeignet sind der "Brunnistöckli" (K2) und der "Rigidalstock" (K2).
www.bergfuehrer-engelberg.ch

Lokal-Tipp Die "Wirtschaft zum Schweizerhaus" ist eine gelungene Kombination von altehrwürdig und modern. T.: +41/(0) 41 637 12 80.

Unterkunft Hotel Edelweiss : 3-Sterne-Familienhotel mit persönlichem Charme und hundertjähriger Tradition in Zentrumsnähe, Baby- und Kinderbetreuung
www.edelweissengelberg.ch
Hotel Waldegg: 4*-Wellness-, Golf- und
Seminarhotel über den Dächern von Engelberg mit Panoramarestaurant und alpinem Solebad . www.waldegg-engelberg.ch
Pauschal "Hauser Exkursionen"
bietet Klettersteigtage (vier Tage) unter Anleitung von Bergführern ab 545 € an.
T.: 01/505 03 46
www.hauser-exkursionen.at

Allgemeine Auskünfte Schweiz Tourismus in Wien, T.: 01/ 513 26 40, www.myswitzerland.com
Engelberg-Titlis Tourismus AG, T.: +41/(0) 41 639 77 77,
www.engelberg.ch

(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?