Grado: Eine Zeitreise

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GRADO - DER STRAND MITTELEUROPAS …
Foto: Archiv Klimt Foundation/Peter Weinhäupl   

Das Meer, die Sonne und bella Italia – Fixpunkte unserer frühesten Urlaubserfahrungen. Eine Fahrt nach Grado macht sie auf charmante Art wieder lebendig. Zu beinahe jeder Jahreszeit.

Es ist nicht weit. Von Wien aus fünf Stunden mit dem Auto, wenn man nicht gerade zur Hauptreisezeit unterwegs ist. Und dann hat sogar die Fahrt selbst einen eigenen Zauber. Urlaub wie damals, als man auf dem Rücksitz eines VW Variant einem noch unbekannten und umso aufregenderen Süden entgegenfuhr. Den Kopf an die kühle, vibrierende Seitenscheibe des Wagens gelehnt. Mit den drei Fragen beschäftigt, die wirklich von Bedeutung waren: Wie salzig kann Meerwasser tatsächlich sein, wie viel Sand gibt es an einem Sandstrand und wie gut ist die Pizza in Italien, verglichen mit der einzigen heimischen Referenz, dem Agip-Tankstellerestaurant?

Bella Italia

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GRADO - DER STRAND MITTELEUROPAS … Foto: Archiv Klimt Foundation/Peter Weinhäupl Das erste große Glücksgefühl: schon nach ein paar Kilometern auf der Autostrada 23 Richtung Süden, wenn nach dem letzten Tunnel im Kanaltal der Regen aufhört, das zuvor allgegenwärtige Grau einem warmen, gelblichen Licht weicht und die Landschaft sich vor einem auszubreiten beginnt. Es ist wie eine Art Magie, ganz plötzlich ist man „in Italien“, mit seinen Zypressen, Maulbeer- und Olivenbäumen, Steineichen und Palmen. Und dann wieder, beinahe noch intensiver weil nicht so offensichtlich, wenn man sich knapp eineinhalb Stunden später der Lagune nähert. Ein Grün, wie es sonst nirgendwo zu finden ist, leichter, freundlicher als in den Tropen aber so üppig, das man es umarmen möchte. Es spiegelt sich in trägen Bächen und toten Flussarmen, alles wächst und wuchert, wilde Kräuter und Jasmin duften um die Wette mit dem würzigen Aroma der Algen und der Küste. Die Autofenster sind längst offen, diesen Duft, untrennbar mit den frühesten Urlauben verbunden, will man sich nicht entgehen lassen. Und wärmer als bei uns ist es hier immer. Alle fünf Kilometer nach Süden wird’s um 0,5 Grad wärmer, so heißt es ...

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GRADO - DER STRAND MITTELEUROPAS … Foto: Archiv Klimt Foundation/Peter Weinhäupl Dann das Meer. Beinahe unvermittelt sind wir mitten drin, auf dem fünf Kilometer langen Damm, der die „Sonneninsel“ Grado mit dem Festland verbindet. Im Gegensatz zu ihren Nachbarinnen Lignano, Caorle und Jesolo ist sie eine Dame aus adeligem Haus, der man sich langsam und mit gebührenden Respekt nähert. Und man macht es unwillkürlich, geht vom Gas, genießt die perfekte Kulisse. Angler zu beiden Seiten, Fischerboote, Laguneninseln, links Barbana mit der berühmten Wallfahrtskirche.

Österreichs Adria

Immerhin war Grado einst eine wichtige römische Hafenstadt, Zufluchtsort der Bischöfe von Aquileia während der Rest des Landes von den Langobarden verwüstet wurde, dann Sitz eines eigenen Patriarchats, bis ihr Venedig den Rang abgelaufen hat. Und nach einem ausgiebigen Dornröschenschlaf schließlich DIE Sehnsuchtsstadt des k.u.k-Bürgertums, der Adeligen und Offiziere, der Künstler und Architekten.

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GRADO - DER STRAND MITTELEUROPAS … Foto: Foto Ottica Marocco/Archivio Marocco Grado Carl Moll und Alfred Roller, Otto Wagner und Karl Ehn waren hier gerne und oft zu Gast. Josef Maria Auchentaller, Gründungsmitglied der Secession, führte mit seiner Frau das beliebte „Hotel Fortino“. Sie alle prägten im frühen 20. Jh. das Bild des „Seebades Grado im österreichischen Küstenland“. Was sie zu dem waghalsigen architektonischen Mix, in dem sich die 9.000-Einwohner-Stadt heute präsentiert, zu sagen hätten? Andererseits waren die von der Secession inspirierten Bauten Grados, der Kursalon etwa, das Café Secession, die Villa Salvore und die Bianchi-Villen, zu ihrer Zeit auch nicht unumstritten. 1906 wetterte das Wiener Tagblatt: „Die Einfälle der Langobarden haben der Stadt Grado nicht so viel Schaden zugefügt, wie die sonderbaren Einfälle der Sezessionisten.“

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GRADO - DER STRAND MITTELEUROPAS … Foto: Archiv Auchentaller/Roberto Festi Und mit der gebührenden zeitlichen Distanz betrachtet wirken dann auch die 60er- und 70er-Jahre-Bauten, die nach dem monumentalen Betonriegel des Hotel Zipser (Marcello D’Olivo) quasi aus dem Boden schossen, durchaus spannend. Zumindest teilweise. Weil sie im Kontrast zu einer intakten Altstadt stehen, wie sie nur wenige andere Ferienorte aufweisen können. Die Piazza Ducca d’Aosta mit der Markthalle, schmale, mittelalterliche Gassen, die uns ins Stadtzentrum führen und uns mit Bars und kleinen Trattorias gleichzeitig davon abhalten, dorthin zu gelangen. In der Riva Dandolo, der Straße der Fischer, machen die Männer auch heute noch ihre Boote für die nächste Fahrt bereit und flicken ihre Netze. Auf der Piazza Biagio Marin, benannt nach dem berühmtesten Dichter der Stadt, finden wir die Reste der frühchristlichen Basilica del Campo. Wobei man sich in Grado nicht mit Resten begnügen muss.

Magische Altstadtmomente

Bildnummer: 52449613  Datum: 21.06.2006  Copyright… Foto: imago stock&people Mitten im Zentrum stehen wir bewundernd vor der Kirche Sant’ Eufemia, einem der seltenen, vollständig erhaltenen Bauwerke aus der Zeit der Völkerwanderung. Gleich daneben die noch ältere Santa Maria delle Grazie, wuchtig und schmucklos im syrischen Stil erbaut, strahlt sie eine unglaubliche Ruhe aus. Es wird Abend und aus einem der malerisch abgewohnten Altstadthäuser hören wir einen Saxofonisten John Coltranes „Alabama“ üben. Immer wieder wiederholt er eine Passage, die spärlichen Töne, keiner zu viel, jeder an seinem Platz, tragen weit, über den Platz hinaus aufs Meer, wo sie sich auflösen, verschwinden, während die Kirche seit 1.500 Jahren unverändert und unbeeindruckt von allem, was diese Stadt bisher erlebt hat, in den Himmel ragt. Die Zeit scheint still zu stehen …

Grado historische Altstadt Trattoria de Toni Grado Foto: imago/viennaslide/imago stock&people Wir essen Frico Friulano, gebratenen Käse und Kartoffeln, in einer kleinen Kneipe am Hafen, dann Baccala, Klippfisch mit Anchovis und Petersilie. Am nächsten Tag fahren wir zu einem Weinbauern im Hinterland. Drinnen im gemütlichen Gast-raum schmettert eine italienische Tischgesellschaft Verdi-Arien. Wir wollen eigentlich nur etwas Merlot und Refosco, den kräftigen Roten der Region kaufen. Aber die mit Würsten, Schinken und Käse beladenen Tabletts, die von der Wirtin an den Tisch getragen werden, machen uns neugierig. Was ist das? „Salame d’oca“, eine Wurst aus Gänsefleisch. Und das? Nein, kein San Daniele sondern „Prosciutto crudo di Sauris“. Und „Musetto“, eine deftige Kochwurst mit Pfeffer und Nelken, „Sanguinaccio“ (Blutwurst), „Pitina“ (Laibchen aus faschiertem und geräuchertem Fleisch), „Ricotta affumicata“ (geräucherter Ricotta), „Ubriaco“ (halbfester Käse mit Rotweinaroma), „Orzo e fagioli“ (Rollgersteneintopf mit Bohnen).

Franz & Sisi beim Weinbauern

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GRADO - DER STRAND MITTELEUROPAS … Foto: Marina Bressan/Marino De Grassi Wir kaufen praktisch alles, während uns Franz und Sisi von Bildern an der Wand des Schankraums zulächeln. Wie das? Ein plumper Versuch, mehr nostalgische österreichische Touristen anzulocken? „Nein“, erklärt uns Furio, ein Pensionist aus Triest, der ein Ferienhäuschen am Rand der Lagune hat, mit großem Ernst. „Die Leute hier sind nostalgisch. Es gibt viele, die der guten alten Zeit nachtrauern, ohne sie je gekannt zu haben. Denn tatsächlich haben wir Francesco viel zu verdanken. Das Trinkwasser, die Kanäle, die ersten Hotels, die Kur-Einrichtungen – und wir haben das nicht vergessen.“

Italien Grado Strand BLWX021609 Copyright xblickwi Foto: imago/blickwinkel/imago stock&people Furio begleitet uns zurück in die Stadt. Er führt uns auf die Strandpromenade: „Die haben auch die Österreicher gebaut!“ Im Herbst strahlen die verwaisten Sonnenschirme des Spiaggia Principale eine wunderbare Melancholie aus, im Sommer wuselt es hier wie in einem Ameisenhaufen. Adria pur, Klischee, aber doch zutiefst verinnerlichtes, wenn auch beinahe vergessenes Idealbild eines Italien- Urlaubs. Von damals. Furio zeigt nach links. „Weiter im Westen sind noch zwei Strände, Costa Azzurra und Pineta – die kosten auch im Sommer keinen Eintritt“, erklärt er. „Die Wasserqualität ist gut, viel besser als die meisten glauben. Aber …“ Furio dreht sich um und blickt aufs Meer. „Aber wir Friulani fahren lieber raus zu den kleinen Inseln am Rand der Lagune. Mit unseren Booten sind wir in einer halben Stunde dort, es ist himmlisch ruhig und das Wasser ist klar wie in einem Gebirgsbach.“ Einsame Insel, azurblaues Wasser und einen weißen Sandstrand ganz für sich alleine – da klingt schon auch nach einem Urlaubsideal. „Nimmst du uns mit?“, fragen wir. „Forse“, sagt Furio, vielleicht, „wenn ihr wiederkommt.“ Das werden wir. Ganz sicher. Grado historische Altstadt Hafen Grado Historic Ce Foto: imago/viennaslide/imago stock&people
 

BUCHTIPP

„Grado - Der Strand Mitteleuropas“ von Peter Weinhäupel, mit vielen historischen Aufnahmen; Texten und aktuellen Tipps zu Kulinarik und Unterkünften. 224 Seiten, Brandstätter Verlag, 49,90 €

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GRADO - DER STRAND MITTELEUROPAS … Foto: Brandstätter Verlag

(kurier "freizeit" am samstag) Erstellt am
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