Reise
05.12.2011

Gleitflug über den Bodensee: Im Zeppelin

In der Zigarre über das Schwäbische Meer und die Blumeninsel Mainau zu schweben, muss kein Traum bleiben.

Am Check-in gibt es keine Schlange, doch die Aufregung ist größer als vor jedem anderen Flug. Noch während des Cappuccinos an der futuristischen Bar kommt der Aufruf: "Die Passagiere des Flugs Mainau 11:10 werden zur Sicherheitskontrolle gebeten." Auch hier sind Nagelschere und Streichhölzer tabu. Am Gate noch ein kurzer Film zur Einstimmung auf den Zeppelin-Flug und eine Sicherheitseinweisung: "Schwimmwesten sind an Bord. Keine Angst, wir haben sie noch nie gebraucht."

Seit zehn Jahren werden am Bodensee wieder Touristenflüge mit dem neu entwickelten Zeppelin NT durchgeführt. Mehr als 120.000 Gäste sind seither vom deutschen Friedrichshafen Richtung Schweizer Berge oder Blumeninsel Mainau geschwebt. Ein Dutzend Routen mit Flugzeiten zwischen 30 und 120 Minuten steht zur Wahl.

Zigarre

Der Zeppelin fliegt ein. Die Touristen drinnen knipsen eifrig nach draußen, die neuen Passagiere stehen in Zweierreihen angetreten auf dem Flugfeld und warten auf den sanften Riesen. Am Himmel wirkt er wie eine große Zigarre, erst in Bodennähe erkennt man seine wahren Dimensionen: 75 Meter lang, 19 Meter breit, 17 Meter hoch - ein Kreuzfahrtschiff der Lüfte. Der Zeppelin landet nicht, sondern schwebt wenige Zentimeter über der Erde - für den fliegenden Passagierwechsel, der aus Gleichgewichtsgründen nötig ist. Zwei raus, zwei rein. Vier Minuten. Alle anschnallen. Lautes Brummen. Ab in die Luft.

Je sechs Passagiere sitzen links und rechts in einer Reihe an riesigen Panorama-Fenstern. In 60 Minuten geht es von Friedrichshafen über den See zur Schweizer Seite, der Zeppelin wird Kreuzlingen und Konstanz ins Visier nehmen, weiterschweben zur Insel Mainau und über Uhldingen, Meersburg und Hagnau zurück.

Vogel-Perspektive

Die Flughöhe von 300 Metern ist schnell erreicht, die Ersten schnallen sich ab, stehen auf, gehen umher, zücken ihre Kameras und klicken drauf los. Und da unten ist er schon: der Bodensee. Auf dem Wasser sind die Segelboote gut zu sehen, an den Ufern sind sogar Spaziergänger und Radfahrer auszumachen. Die Flughöhe ist ideal. Nicht zu hoch, so dass die Szenerie noch überall gut zu erkennen ist. Und doch hoch genug, um den weiten Blick über das "Schwäbische Meer" zu haben.

Zwei kleine Propeller treiben den Zeppelin mit etwa 60 km/h Richtung Schweizer Seeseite. Auf dem Wasser ist der Schatten des Luftschiffes zu erkennen. Er ähnelt den Umrissen eines U-Bootes. Jemand will wissen, was das für "Pfeile" sind im Wasser. "Fischernetze" erklärt ein Passagier. Allmählich kommt man ins Gespräch. John aus Florida hat zehn Jahre auf diesen Flug gewartet. Ein Paar aus dem Allgäu hat den Bodensee schon x-Mal mit dem Velo umrundet und wollte endlich sehen, "wie alles von oben aussieht." Die beiden orientieren sich an den Kirchtürmen der Städte und Dörfer. Die meisten haben schon lang vom Flug mit dem Luftschiff geträumt. Immerhin kostet jede Minute.

Gräfliche Idee

Jetzt ziehen Kreuzlingen und Konstanz vorbei. Dann die Blumeninsel Mainau. Ein Stück schwebt der Zeppelin am Ufer entlang, ständig verfolgt vom "U-Boot". Die Piloten haben bei der Route Spielraum. Nur die Hauptorte müssen angesteuert werden. Heute hat sich jemand einen Abstecher zur Wallfahrtskirche Birnau gewünscht und bedankt sich freundlich beim Flugkapitän - Cockpit und Passagierraum sind eins.

Die Menschen in der Bodenseeregion sind stolz auf die fliegenden Zigarren, die sie Ferdinand Adolf Heinrich August Graf von Zeppelin aus Konstanz verdanken. Er konnte ein sorgenfreies Leben führen und sich der Luftschifffahrt widmen. Am 2. Juli 1900 erhob sich der erste Zeppelin in den Himmel. Von der neuen Hightech-Variante wurden bisher vier gebaut.

Der Prototyp schwebte über Botswana und half bei der Diamantensuche, bis ihn eine Windhose zerlegte. Das zweite Modell ist mittlerweile aus dem touristischen Japan-Einsatz zurück und soll ab April 2012 am Bodensee eingesetzt werden. Nummer vier fliegt über San Francisco.
Und Nummer drei befindet sich bereits im Landeanflug über Friedrichshafen. Drinnen wird wieder fleißig geknipst, draußen warten zwölf Passagiere in Zweierreihen auf ihren Gleitflug über den Bodensee.

Info

Zeppelin-Flug
Abfahrt Friedrichshafen-Messe: 12 Routen, Dauer 30 bis 120 Minuten. Details unter Tel.: 0049/7541/5900-0,
www.zeppelinflug.de

Zeppelin-Werk

in Friedrichshafen-Messe: Führungen (45 Minuten) von April bis Oktober, Dienstag und Freitag, 17 Uhr. Tel.: 0049/7541/59 00 343

Zeppelin-Museen
Am Bodensee gibt es auf deutscher Seite zwei:
- In Friedrichshafen-Hafen: Weltgrößte Sammlung zur Geschichte der Luftschifffahrt. Zudem widmet sich das Museum auch der Kunst des Bodenseeraums. Mai bis Oktober, tägl. 9-17 Uhr. November bis April, jeweils Di. bis So., 10 bis 17 Uhr. www.zeppelin-museum.de
- In Meersburg: Zeigt Exponate vor allem aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. März bis Mitte November, tägl. 10-18 Uhr. www.zeppelinmuseum.eu