Reise
13.01.2012

Frischer Wind in Moskau

Russland. Moskau steht im Schatten von St. Petersburg. Das soll sich ändern. Die Hauptstadt will ein attraktives Ziel für Städtereisende werden, die schon alles gesehen haben.

Noch ehe sich der Vorhang hebt und das Licht im Moskauer Bolschoi-Theater erlischt, geschieht Seltsames: Anstatt im Programm zu schmökern und auf die Ouvertüre zu warten, stehen die Russen mit überstrecktem Hals zwischen den Stühlen im Zuschauerraum. Sie starren nach oben, loben die Luster und die mit Gold überzogenen Logen, sie nesteln in ihren Handtaschen: Kameras und Smartphones sind gezückt – soviel Pracht, dieser Ort muss fotografiert werden! "Das Bolschoi ist nicht irgendein Theater. Es ist der Stolz Russlands", sagt Touristenführerin Katerina.

Die vergangenen sechs Jahre war es damit nicht weit her. Das berühmteste Schauspielhaus des Landes war geschlossen – Einsturzgefahr. Die Renovierung verschlang eine Milliarde Euro. Seit Oktober wird wieder gespielt und das prächtige Haus, in dem Touristen 100 Euro und mehr für ein Ticket löhnen, ist Programm für die Stadt: Viel Geschichte, dazu modernste Technik – das Bolschoi will Symbol für das neue Moskau sein.

Bis heute steht Europas teuerste Millionenstadt im Schatten von St. Petersburg. Eremitage und Bernsteinzimmer, die prächtige Innenstadt und die Lage am Meer – angesichts dieser Konkurrenz hat es Moskau schwer, zu einer attraktiven Destination für Städtereisen zu werden. Doch die Hauptstadt will sich mausern. Wer New York, Paris und Berlin gesehen hat, soll jetzt hier herkommen, werben Moskaus Touristiker.

Alte Stereotype

"Wir sind dabei, ein neues Orientierungssystem für Touristen zu installieren. Und wir wollen alte Stereotype überwinden", sagt Sergey Sphpilko, Vorsitzender des Moskauer Tourismuskomitees. Dazu gehört, das Angebot an günstigeren Dreistern-Hotels zu steigern. Von 2010 auf 2011 stieg die Zahl um immerhin zehn Prozent; die Zahl der ausländischen Besucher von drei auf 3,5 Millionen.

Fest steht: Wer sich auf die Stadt einlässt, wird reich belohnt. Der Kreml-Palast mit Rüstkammer und Kathedralen; die Basilius-Kathedrale mit ihren bunten Zwiebeltürmen; das neue Jungfrauenkloster, die Christi-Erlöser-Kathedrale, das Puschkin-Museum und die Tretjakov-Galerie – all das sind Klassiker, man kennt sie.

Doch Moskau hat mehr zu bieten. Allein über die 185, allesamt mit Marmor verkleideten U-Bahn-Stationen könnte Reise-Führerin Ludmilla stundenlang erzählen.

Wer sehen will, wie schnell sich das Land und die Stadt ändern, der braucht bloß eine halbe Stunde durch das GUM-Haus zu spazieren. Im größten Kaufhaus der Sowjetunion, das in der kommunistischen Ära durch spärlich gefüllte Regale "glänzte", haben Boutiquen eröffnet, die Schweizer Luxus-Uhren und italienische Designer-Waren feilbieten.

Und nirgendwo sonst zeigt sich das technisierte Moskau beeindruckender als im Westen der Stadt, nahe dem Krasnaya-Presnya-Park. Auf einer gewaltigen Platte aus Stahlbeton wachsen die neuen Wolkenkratzer in den Himmel. "Unsere Türme sind die modernsten Europas", sagt Viktor. Der junge Architekt steht vor einem offenen Fenster im Designer-Lokal "Sixty". 60. Stock, 200 Meter über Grund. Man glaubt Viktor. Denn an der Fassade hängt eine 20 Meter breite und 12 Meter hohe LED-Anzeige ("die größte des Kontinents"), nebenan ist durch Glas ein Schwimmbecken zu sehen ("der höchst gelegene SPA in Europa").

Wer genug hat von den Superlativen, dem sei ein Abend im Hotel Sovietsky empfohlen. In dem alten, aber noblen Kasten tafelten nicht nur Staatsgäste, nein, auch die Bonzen der KPdSU trafen einander in dem prächtigen Ballsaal, um bei Live-Revues mit Vodka anzuprosten.

Und wem das alles doch zu wenig ist, der kann ja auf den Sapsan umsteigen. Mit dem Hochgeschwindigkeitszug ist man in weniger als vier Stunden in Sankt Petersburg – für all jene, die die Zarenstadt nach Moskau doch noch sehen müssen.

 

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