Reise
15.07.2017

Saint-Paul-de-Vence: Oase der Kunst

In einem kleinen Ort im Hinterland der Côte d’Azur wird große Kunst gelebt. In einem Gasthaus und in einem Museum, wie man sie weltweit nicht beeindruckender findet.

Das Licht! Die Farben! Die Motive! Die Côte d’Azur begeisterte Künstler schon immer. Pablo Picasso, Marc Chagall und Claude Monet waren vom magischen Licht, den üppigen Farben und den einzigartigen Blicken fasziniert. Auf der einen Seite das azurblaue Mittelmeer, auf der anderen Seite schemenhaft die Bergspitzen. Und dazwischen überall das pralle Leben. Mit lavendelfarbenem Himmel und einer Geruchssymphonie, die man nur hier findet. Picasso liebte Antibes. Der Meister malte 1946 für ein halbes Jahr im Schloss der Stadt aus dem 12. Jahrhundert. Motive fand er reichlich, aber die Leinwand wurde knapp. So malte er auch auf Holz, das er im Hafen aufklaubte. Seine Arbeiten schenkte er der Stadt. Später bedankte man sich: Heute befindet sich im Schloss von Antibes das beeindruckende Picasso-Museum.

In Saint-Paul-de-Vence, mit seinen Palmen, Pinien und mittelalterlichen Mauern, hielt Marc Chagall die Silhouette fest. Der kleine Ort im Hinterland der Côte d’Azur hatte auf Künstler schon immer eine magische Anziehungskraft

Im nur 17 Kilometer entfernten Saint-Paul-de-Vence hielt Marc Chagall die Silhouette fest. Mit seinen Palmen, Pinien und mittelalterlichen Mauern. Der kleine Ort im Hinterland der Côte d’Azur liegt seit 2000 Jahren auf einem sanften Hügel oberhalb von Nizza. Und hatte auf Künstler schon immer eine magische Anziehungskraft. In den 1930er-Jahren verwandelten Nackttänzerinnen wie Hélène Vanel das mittelalterliche Nest in ein pulsierendes Mini-Theater.

Exaltierte Künstler haben bis heute Spuren hinterlassen. François Roux, der Patron in dritter Generation des berühmten Gasthauses La Colombe d’Or, die Goldene Taube, weiß genau, wo es sich einst die Stammgäste gemütlich gemacht hatten: Auf einem hellen Polster auf der Steinbank vor dem Haus. Nur fünf Minuten entfernt hatte Chagall gewohnt und gearbeitet. Heute hat er seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof von Saint-Paul-de-Vence gefunden.

Hunderte Kunstwerke der Moderne – wie von Marc Chagall (l.) – locken Jahr für Jahr mehr als 200.000 Besucher in eines der schönsten Privatmuseen der Welt: in die Fondation Maeght

Maître Roux kann sich noch gut an seine Kindheit erinnern, an die illustren Malerfürsten, die im La Colombe d’Or und dem angeschlossenen Hotel aus- und eingingen: an Chagalls Händedruck, Mirós Lächeln oder Picassos Stimme, erzählte er dem Journalisten Helge Sobek. Die großen Meister der Moderne hatten seinen Eltern ihre Werke vermacht.

Stimmungsvoller Nachmittag: im pittoresken HotelRestaurant Colombe d’Or

Das Lokal am Platz, wo den ganzen Tag Boule gespielt wird, ist ein Glücksfall für Kunstliebhaber: Man speist unter einem Chagall, Braque oder Léger. Der Legende nach bezahlten die Künstler Logis und (reichliche) Konsumationen mit ihren Bildern und Objekten. Die riesige, kunstvolle, handgeschriebene Speisekarte verspricht provenzalischen, einfachen Genuss mit den besten Produkten – aber ohne die Spompanadeln der Sterne-Küche. Wie das seit Jahrzehnten gleich gebliebene Horsd’oeuvre: 14 kalte, delikate Vorspeisen.

Die 1931 eröffnete Auberge ist bis heute ein Anziehungspunkt für Künstler geblieben. Wenn man Glück hat, trifft man hier Stars des internationalen Kunstbetriebs wie Christo oder Julian Schnabel. Nach den Malern entdeckten früher Dichter wie Jacques Prévert, dessen Lyrik von Liebe, Glück und Enttäuschung bestimmt ist, oder Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir das Lokal. Mit den Poeten kamen im feuchtfröhlichen Schlepptau Célébrités des Films in die Goldene Taube: die Bardot und Belmondo, Charlie Chaplin und Orson Welles, Romy Schneider und Alain Delon. Cary Grant und David Niven schauten vorbei, auch Roger Moore, der Tony Curtis in den Pool des Hotels warf. Und Grace Kelly – die sich in die Gegend und den Fürsten von Monaco verliebte. Und Yves Montand, der ein Mädchen aus Saint-Paul heiratete und später in der Colombe d’Or Simone Signoret traf – die Liebe seines Lebens. Trotz heftiger Affären wie jener mit Marilyn Monroe.

Wo sonst als in der Colombe d’Or – der Goldenen Taube – schwimmt man umgeben von einem Meisterwerk des amerikanischen Bildhauers Alexander Calder

Und auch mein Freund Georg war hier. Georg Markus, Bestseller-Autor und KURIER-Historiker. „Ich hatte noch das Glück“, berichtet er in seinem Buch Hinter verschlossenen Türen, Menschen im Hotel, „… gemeinsam mit Curd Jürgens und seiner Frau Margie die Colombe d’Or zu besuchen. Man servierte Fischsuppe, Crudités, Garnelen mit provenzalischem Gemüse, Seebrasse gegrillt, Apfelkuchen mit Himbeeren.“ Die drei dürften bei gutem Appetit gewesen sein. Georg Markus erzählt in seinem Buch auch von einem Colombe-d’Or-Kriminalfall des Jahres 1960. Am 1. April frühmorgens betrat Francis Roux, der Sohn des Gründers und Vater des heutigen Patrons, sein Lokal. Und war schockiert: „Fast alle Bilder waren weg. Mehrere Dutzend Picassos, Matisses, Mirós, Légers und wie sie alle hießen .... Ein Verlust, der in die Millionen ging … Wie es kam, dass die Gemälde eines Tage dann doch wieder an ihrer Stelle hingen, bleibt ein Rätsel, das nie gelöst werden wird, obwohl die Zeitungen über den Diebstahl in dem südfranzösischen Hotelrestaurant weltweit berichteten.

Als eine Reporter der Zeitung Die Welt viele Jahre später den heute aktuellen Hausherrn François Roux fragte, wie die Bilder wieder zurückgekehrt seien, deutete der nur an, dass es sich damals eher um eine Entführung als um einen Diebstahl gehandelt habe: Die Täter wurden gefasst, die Beute kehrte zurück. Bei Entführung hilft Lösegeld …“ Und Georg Markus erzählt weiter, dass die Entführer bei ihrem nächtlichen Einbruch manche Bilder zurückließen. Darunter einen Chagall: „Als Marc Chagall am nächsten Tag in die Colombe d’Or kam, warf er seine Arme in theatralischer Verzweiflung auseinander und protestierte: Auch ich bin ein bedeutender Maler! Warum haben die nicht auch mein Bild gestohlen?“

Die älteren Herren ziehen sich immer mehr ins Café zum Kartenspielen zurück

Für ihre Hunderten Kunstwerke der Moderne ist die Fondation Maeght bekannt. In einem der schönsten Privatmuseen der Welt. In das jedes Jahr mehr als 200.000 Besucher pilgern. Der katalonische Architekt Josep Lluís Sert entwarf für den Sohn eines Eisenbahners, den späteren Multimillionär Aimé Maeght und seine Frau Marguerite, einen strengen, zeitlosen Beton-Bau. Mit einem ausgeklügelten Lichtsystem, das unabhängig von der Position der Sonne zu den verschiedenen Tages- und Jahreszeiten die reflektierten Sonnenstrahlen ständig im Winkel von 45 Grad auf die Bilder fallen lässt. Ohne den Betrachter durch Reflexe zu blenden.

Als Kunsthändler und Mäzen Maeght sein Kunstparadies über den Dächern der Côte d’Azur an einem heißen Sommertag, dem 28. Juli 1964, als gemeinnützige Stiftung dem französischen Staat überschrieben hatte, kamen alle, die in der Kunstwelt Rang und Namen hatten.

Kunst und Mode findet man in Saint-Paul-de-Vence auf Schritt und Tritt, wo Inzwischen auch die Jungen Boule spielen

Beim Galadiner für 150 Gäste mit einem 100-Meter-Büffet blitzten im Schein der Kerzen die Smaragde der Prinzessin Ashraf von Persien. 50 livrierte Kellner aus den Luxushotels der Umgebung servierten Champagner & Canapees. Yves Montand sang, der Kunsttheoretiker und Minister André Malraux bekam von den drei Maeght-Enkelinnen die Schlüssel des Museums überreicht, zum Dessert gab es eine Jam Session mit Ella Fitzgerald. Es applaudierten Chagall, Giacometti und Miró, James Baldwin und Peter Ustinov.

Nachts meinte Mäzen Maeght, in Amerika braucht man nach einer solchen Stiftung nie wieder Steuer zahlen. In Frankreich ist alles anders: Ich wette um ein Bild, dass man mir demnächst die Steuerfahndung schicken wird – um festzustellen, wieso ich überhaupt das Geld hatte, um so viele Meisterwerke zu erwerben …