Reise
13.01.2013

Einmal Kilimandscharo und retour

Sechs Tage und Nächte auf dem höchsten Berg Afrikas.

22 Uhr, endlich Zeit zum Aufstehen. Wir liegen im Zelt auf 4700 Meter Höhe. Es hat minus fünf Grad, draußen ist es noch kälter. Zeltfreund Geri und ich wollten zumindest drei Stunden schlafen. Das ging schlecht, schlafen kann man auf dieser Höhe nur noch sehr oberflächlich. Hinzu kommt die Nervosität: Vor uns liegt die Gipfelnacht und ein sehr langer Tag, 14 Stunden Gehzeit, 3350 Höhenmeter.

Um unsere Zelte dröhnt der Wind. Schlafsack und lange Merinowäsche haben gut warm gehalten. Im Dunkeln und mit Stirnlampe ziehen wir die Kleiderschichten an, bereits routiniert nach den Tagen auf dem Berg, und schnell wegen der beißenden Kälte. Unten zwei, oben vier Lagen Funktionskleidung. Zu wenig, wie ich später merke. Dicke Socken, harte Bergschuhe. Wir gehen ins Versorgungszelt frühstücken, essen ein paar Kekse, trinken Tee, haben keinen Appetit – ein Höhenphänomen wie Kopfweh, geschwollene Augen, Wasseransammlungen, Übelkeit und Schwindel. Wir füllen Flaschen und Thermoskannen mit heißem Wasser, drei Liter pro Person. Um 23 Uhr geht es los: in eisig-klarer, windiger Vollmond-Nacht plagen sich elf Personen mit fünf Guides langsam die steile Flanke des Kilimandscharo hinauf. Über Schotter, Geröll, durch Staub und in sehr dünner Luft. Das Ziel: der Gipfel auf 5895 Meter.

Seit Tagen auf dem Berg

Wir sind das Bergleben mittlerweile gewöhnt, sind seit fünf Tagen auf dem Kilimandscharo. Zur Akklimatisierung ist unsere Gruppe zuvor vier Tage auf den Mount Meru gewandert. Der Schwesterberg ist mit 4566 Meter der perfekte, unbedingt empfohlene Berg zur Höhengewöhnung, mit sensationeller Vegetation, Wildtieren und jedenfalls schöner als der Kili. Auf dem Meru habe ich die Höhe noch stark gespürt, war kurzatmig, der Kreislauf in Wallung, hatte Beklemmungsgefühle. Jetzt auf 5000 Meter: fühlt sich an wie in Omas Garten (nur viel kälter).

8,5 Stunden bis Uhuru

Die Gipfelnacht zieht sich. Der Steilhang will nie enden. Um halb drei meine kritische Phase: Ich bin verdammt müde, wie immer um diese Uhrzeit. Kraft, Kondition und Luft sind da, aber mir ist eiskalt, ich spüre Zehen und Finger nicht mehr. Vielleicht gehen wir zu langsam, stoppen zu oft. Nach den Hymnen, die ich in den Stunden zuvor euphorisch im Kopf gesungen hatte, jetzt nur noch eines: Ich mag nicht mehr.
Es muss weitergehen, ich seh’ keine Alternative. Die Monotonie macht mich fertig. Ich höre auf zu denken. Schritt, atmen, Schritt. Um fünf Uhr endlich Veränderung: Felsen, leichte Kletterpassagen – freut mich. Nach sechs Stunden kommen wir zum ersten entscheidenden Punkt: Gilmans Point, 5681 Meter. Hier kann man gerade stehen. Es geht auch besser, weil man weiß, dass bald die Sonne kommt.Bis dahin allerdings wird es immer kälter. Minus 20 Grad zeigt das Rucksackthermometer. Das Schwierigste an einer Kili-Tour sind Kälte, Höhe, Öde und das Gehen bei Nacht. Bergsteigerisch ist der Berg einfach, keine ausgesetzten Stellen, kaum Klettern, nur unschöne Mondlandschaft. Von Gilmans Point sind es noch 200 Höhenmeter, wir erreichen – einige schwer angeschlagen, unansprechbar – nach achteinhalb Stunden um 7.32 Uhr Uhuru Peak, 5895 Meter, den Gipfel des Kilimandscharo.

Geri und mich – beide öfter auf Bergen – schockiert das Bild auf dem Gipfel: Menschen mit Sauerstoffmasken, viele total erschöpft und orientierungslos. Andere, die sich am Ärmel des Guides festklammern und sich auf den Berg schleppen. Die Hälfte der Menschen am Gipfel sollte nicht in dieser Höhe sein, sie sind unzureichend akklimatisiert, haben offensichtlich noch nie zuvor Bergschuhe getragen. Wir verlassen die Szene nach nur sechs Minuten – das Gipfelfoto ist gemacht, es ist ohnehin zu unwirtlich da oben.

Tausende wollen rauf

Der Massentourismus auf dem Kili – 35.000 versuchen jedes Jahr, hinaufzusteigen – ist schwer zu begreifen. Neben der müden Sprachlosigkeit ist der Kommerz-Kili das beherrschende Thema beim langen Abstieg bis auf 3720 Meter (Ankunft um 15 Uhr). Jeder zahlende Tourist wird, ohne Nachfrage, ohne Fitnesscheck, ohne Prüfung der Bergtauglichkeit, auf diesen Berg gebracht. Aber: Unser Reiseveranstalter und die lokalen Guides tun ihr Bestes, sind sehr aufmerksam, schauen ständig, wie es den Teilnehmern geht. Unsere Gruppe ist zum Glück relativ gut vorbereitet. Muss man sein. Sechs Tage in Zelten auf den Hängen des Kilimandscharo sind die totale Reduktion und enorm anstrengend. Nichts, nur wandern, essen, trinken, schlafen. Drei Träger pro Tourist schleppen alles auf den Berg, was der Mensch zum Leben braucht: Trinkwasser, Nutzwasser, Nahrung, Zelte, Schlafsäcke, Geschirr, Gaskocher, auch noch Tische und Stühle.

In sechs Tagesetappen geht es auf den höchsten Berg Afrikas. Über Camps auf 2625, 3630, 4310, 4715 bis auf 5895 Meter – und möglichst schnell wieder runter. Das geht nicht immer gut, 20 bis 30 Prozent scheitern. Wir erkennen: die Akklimatisierung am Mount Meru ist Gold wert (leider machen das nicht alle). Ich hatte am Kili keine Höhenprobleme, nicht einmal Kopfweh (und danach monatelang auch nicht). Ein aufgeschwollener Körper, müde, dicke Augen, aufgerissene Lippen, raue Hände, extreme Muskelzunahme an den Ober- und Unterschenkeln sind normal. Auch, dass man enorm dreckig ist.

Das Fazit: Zehn Tage auf dem Berg dreht sich alles nur ums Gehen. Man hat nichts und braucht nichts außer Wasser, Nahrung und Wärme, lebt enorm reduziert. Anfangs versucht man, die Zivilisation zu erhalten. Aber Handys, Akkus, waschen, sauberes Gewand werden bald unwichtig. Nirgends ist man sich so nah wie auf einem Berg. Dafür braucht man nicht gleich auf den Kilimandscharo – ein Abenteuer fürs Leben ist es dennoch.

Training, Ausrüstung, Mensch auf dem Berg

Training: Ich gehe gern auf heimische Berge, auf einem Sechstausender war ich noch nie. Deshalb: Respekt und Vorbereitung – viele Bergtouren und drei Mal pro Woche Intervall-Laufen.

Ausrüstung: Volle Bergausrüstung und Funktionsgewand für Plus 20°C bis Minus 20°C. Ein 35-Liter-Tagesrucksack, isolierte Trinkflaschen (das Wasser friert sonst), gut eingegangene Bergschuhe, Schlafsack bis Minus 35°C. Eine Tasche mit Gewand, trägt der Träger. Medikamente für Notfälle.

Guides und Träger: Freundliche Profis, tragen 20 Kilo auf ihren Schultern, arbeiten hart.

Bergleben: Der Mount Meru ist zivilisiert, mit Hütten, Wasser, Licht. Auf dem Kili gibt es nichts: 0,5 l Waschwasser und 3 l abgekochtes, trübes Trinkwasser täglich (Brausetabletten für besseren Geschmack). Lange Tagesmärsche, abends wird es schnell dunkel, kalt – früh schlafen gehen (19 h), früh aufstehen (6 h). Zelt und Tasche werden zurück gelassen. Die Träger bauen ab, überholen einen, im nächsten Camp steht wieder alles bereit.

Verpflegung: Reichlich und gut. Frühstück mit Kaffee/Tee, Toast, Müsli. Mittags und abends gebundene Suppe, Hauptspeise (etwa Huhn in Erdnusssoße mit Reis), Obst.

Hygiene: Ich war noch nie so dreckig. Und es war mir noch nie so egal. Zähneputzen geht gut. Der Rest wird ordentlich vernachlässigt. Klo? Am Berg halt ...

Probleme: Ab dem vierten Tag geht man wie in Trance. Auch Muskelkater gibt es keinen mehr. Kurzatmig am Meru, keine Höhenprobleme am Kili.

Was ich gelernt habe: – Pole, pole (langsam gehen). – Gut akklimatisieren ist das Geheimnis. – Gehe hoch aber schlafe niedriger. – Metallene Siggflaschen mit heißem Wasser als Wärmeflasche für die Nacht. – Ich kann mit enorm wenig leben und damit extrem zufrieden sein.

Dünne Luft

Durch den fallenden Luftdruck in der Höhe wird der Sauerstoffdruck in der Atemluft geringer. In 5500 Meter Höhe erreicht der Luftdruck nur mehr die Hälfte des normalen Drucks auf Meereshöhe. Man muss schneller atmen, kommt schnell außer Atem. Der Körper kompensiert, indem er Atmung und Puls erhöht. Schon ab 3000 Meter Höhe reichen die roten Blutkörperchen nicht mehr aus, um genügend Sauerstoff ins Gehirn zu transportieren – der Körper produziert vermehrt rote Blutkörperchen, um das auszugleichen (= Akklimatisierung und Gewöhnung an die Höhe).

Ob jemand die Höhe gut verträgt, lässt sich vorab schwer sagen. Man kann seine Höhenverträglichkeit in einer Druckkammer testen lassen, in Wien etwa im Hypoxia Medical Center.