Reise
01.07.2017

Entdeckungsreise in Bosnien-Herzegowina

Traumhafte Landschaften, gastfreundliche Menschen und Zugang zum Meer: Bosnien-Herzegowina bietet unerwartete Freuden für Reisende abseits des Massentourismus. Susanne Wolf war dort.

Sarajevo, 7 Uhr früh. Nach zwölf Stunden Fahrt und wenig Schlaf klettern wir mit wackeligen Beinen aus dem Bus, der uns von Wien hierher gebracht hat. Die Stadt erwacht, ein Straßenhund kommt gelaufen und beschnuppert neugierig unser Gepäck. Hinter den Hügeln, die die Stadt umgeben, blinzelt die aufgehende Sonne hervor.

Schöne Vielfalt

Ich bin mit einer befreundeten bosnischen Familie aus Wien unterwegs, die mich in ihr Haus in Sarajevo eingeladen hat. Bosnien-Herzegowina ist ein Land, das in der Urlaubsplanung der meisten Österreicher nicht vorkommt. Und doch hat es einiges zu bieten: vielfältige Landschaften, gastfreundliche Menschen, malerische Städte. Und, nicht zu vergessen, einen 24 km langen Küstenabschnitt entlang der Adria.

Brunnenhaus in der Altstadt von Sarajewo.

Die Eltern meiner Freundin waren 1991, sechs Monate vor Kriegsbeginn, von Belgrad nach Sarajevo gezogen und ertrugen vier lange Jahre die Belagerung ihrer Stadt. „Das Schlimmste war der Hunger“, ist eines der wenigen Details, das meine Gastgeber über diese Zeit preisgeben. Kaum des Deutschen mächtig, verständigen sie sich mit ausladenden Gesten, der grenzüberschreitenden Sprache der Herzlichkeit und mithilfe ihrer Tochter.
Mit zahnlosem Lächeln bietet der Vater uns den typischen bosnischen Kaffee an, stark gebrüht, und die Mutter wird nachher aus dem Kaffeesatz lesen: „Es gibt viele Menschen, die dir wohlgesonnen sind.“

Handwerker bieten ihre Kunstwerke an.

Sarajevos orientalisch anmutende Altstadt, die Baśćarśija, ist Anziehungspunkt für Besucher aus aller Welt. In der Gasse der Kupferschmiede klopft und hämmert es, die Handwerker bieten ihre Produkte zum Verkauf an. Zahlreiche Moscheen, wie die berühmte Gazi-Husrev-Beg Moschee, erinnern daran, dass ein Großteil der Einwohner Sarajevos dem islamischen Glauben angehört. Daneben finden sich serbisch-orthodoxe Kirchen, Synagogen und katholische Kirchen im Stadtzentrum.

Die Folgen des Krieges

Zurecht genießt Sarajevo den Ruf einer multikulturellen Stadt, auch wenn der Krieg die Zusammensetzung der Bevölkerung verändert hat. Zahlreiche Mahnmale wie das Museum im ehemaligen Tunnel, durch den während der Belagerung die Stadt mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt wurde, zeugen von den Schrecken des Krieges. Viele der Häuser weisen gut sichtbare Einschusslöcher auf – das Land leidet immer noch an den Folgen des Krieges. Nur ein paar Gassen neben dem von den Osmanen geprägten Stadtkern beginnt das Viertel, das während der Habsburger-Zeit errichtet wurde. Mit seinen roten Straßenbahngarnituren erinnert es an österreichische Städte.

Saftig grüne Hügel auf der Fahrt nach Visoko.

Außerhalb der Hauptstadt, inmitten einer weitläufigen Hügellandschaft, liegen die „Pyramiden von Visoko“. Der bosnische Archäologe Semir Osmanagić begründete vor einigen Jahren nach Ausgrabungen die Theorie, dass einige Berge von Menschenhand erbaute Pyramiden seien, aus der Epoche der Illyrer stammen und damit die ältesten weltweit wären. Tatsächlich haben einige Hügel die Form von Pyramiden, die von einem unterirdischen System feuchter Tunnel durchzogen sind, das seit Tausenden von Jahren besteht. Eine offizielle Bestätigung für diese umstrittene Theorie der bosnischen Pyramiden gibt es allerdings nicht.

"Was zahlt ihr, wenn ich springe?"

Die Fahrt von Visoko Richtung Meer führt durch saftig-grünes Hügelland, vorbei an Ortschaften, die sich an die Berghänge klammern. Wäre da nicht eine Moschee in jedem Ortszentrum, man könnte sich im steirischen Hügelland wähnen.
Bevor wir die Küste erreichen, legen wir einen Halt in Mostar ein, dessen Altstadt zum UNESCO-Weltkulturerben zählt. Der junge Mann mit dem vernarbten Gesicht streift rastlos durch die Menschenmenge, die sich auf der Brücke versammelt hat. Er spricht die Menschen auf Deutsch, Englisch, Italienisch an: „Wie viel zahlt ihr, wenn einer von uns da runterspringt?“ Ein zweiter junger Mann hat sich bereits seiner Kleider entledigt und hantelt sich in Badehose außen am Brückengeländer entlang.

Türkischer Kaffee auf Bosnisch: So wird er serviert.

Das Touristenspektakel ist perfekt, die Spannung steigt, aber der Kassier ist noch nicht zufrieden mit seiner Ausbeute. Der Bosnier mokiert sich über seine Landsleute, die im Ausland arbeiten und in ihrer Heimat kein Geld locker machen. Noch ein paar Münzen klingeln in den Sammelkorb, bevor sich der Bursche endlich vom Geländer abstößt und kerzengerade ins Wasser springt. Zwei Minuten später entsteigt er triumphierend und unter Applaus der Neretva. Es ist eine alte Tradition, dass junge Männer sich todesmutig von der 21 Meter hohen Stari Most, der legendären alten Brücke Mostars, in den Fluss stürzen. Die Brücke, ein Meisterwerk der osmanischen Baukunst, wurde 1993 im Bosnien-Krieg zerstört und Jahre später rekonstruiert. Heute schwingt sie sich wieder in kühnem Bogen über die Neretva.

Ein Stückchen Meer

Je näher wir der Küste kommen, desto mehr verändert sich die Landschaft, wird karger und trockener. Bevor wir am Horizont das Meer erblicken, müssen wir zwei Mal die Grenze nach Kroatien überqueren. Anziehungspunkt für Einheimische und tschechische Touristen ist der Küstenort Neum. Der Landesteil nahe der kroatischen Grenze wird hauptsächlich von Kroaten bewohnt, und das bedeutet: keine Moscheen, sondern katholische Kirchen. Hier wird die Zerrissenheit des Landes spürbar: Gleich gegenüber der Strandpromenade mit den Touristenlokalen prangt auf dem Felsen der vorgelagerten Insel eine riesige kroatische Flagge. Wir erfahren, dass Bosnien-Herzegowina von muslimischen Bosniaken, orthodoxen Serben und katholischen Kroaten bewohnt wird, die seit dem Krieg nicht mehr zueinander finden – obwohl das Land mit seiner multikulturellen Bevölkerung einst als der toleranteste Teil Jugoslawiens galt.
Neum versprüht einen herben Charme und bietet einen Kontrapunkt zu den nur wenige Kilometer entfernten Schmuckkästchen Dalmatiens. Hotels, die aus den 70er Jahren zu stammen scheinen, reihen sich neben Touristenständen. Und auch hier durchlöcherte Ruinen, Übrigbleibsel aus einem Krieg, der aus den Köpfen der Bewohner nicht verschwinden mag. Der Blick von der Hotelterrasse auf die im Meer versinkende Sonne vertreibt allerdings jeden Gedanken daran.

Kravica Wasserfall und die Buna-Quellen.

Auf der Rückfahrt von Neum nach Sarajevo ein Zwischenstopp im kleinen Ort Buna. Ein ehemaliges Derwisch-Kloster schmiegt sich an eine hoch aufstrebende Steilwand. Es wurde Ende des 15. Jahrhunderts im sogenannten türkischen Barockstil erbaut und war für damalige Verhältnisse luxuriös ausgestattet. Heute ist es ein Museum und bietet zusammen mit derangrenzenden, türkisen Buna-Quelle einen malerischen Anblick. Über Kloster und Quelle erhebt sich 25 Meter hoch ein steiler Felsen, in dem sich die „Grüne Höhle“ befindet. Einige Kilometer weiter wartet ein letztes Highlight: die Kravica-Wasserfälle, die sich funkelnd 26 Meter hinab in einen türkisfarbenen See ergießen. Ein paar Mutige tummeln sich in dem kühlen Wasser, andere erfrischen sich unter dem Sprühregen der Wasserfälle – ein Hochgenuss bei 40 Grad Lufttemperatur.
In Sarajevo erwarten uns bereits unsere Freunde und nach einer letzten Tasse stark gebrühten Kaffees bekommen wir den Segen der Familie Muminovic für die Heimreise: „Ugodno putovanjei dodjite nam ponovo“ – gute Reise und kommt gesund wieder!“

Mostar
Hotel-Restaurant Kriva Cuprija
Onescukova 23, 88000 Mostar
Direkt am Fluss, 200 Meter von der Brücke entfernt in einer ehemaligen Mühle.
Ab 68/Nacht DZ.
www.hotel-mostar.ba

Sarajevo
Boutique Hotel Central
Cumurija 8, 71000 Sarajevo
Im Herzen von Sarajevo, Türkisches Bad, Wellness, Fitness.
Ab 89 €
www.hotelcentral.ba

Neum
Hotel Porat
Primorska 140a, 88390 Neum,
Familiäres Hotel mitPrivatstrand, Terrasse mit Blick aufs Meer, Zimmer und Apartments.
DZ ab 86 €
www.hotel-porat.ba