Reise
26.12.2011

Die Faszination der Ferne

Aussteigen: Viele leiden unter dem grauem Alltag, manche geben dem Fernweh nach und nehmen Auszeit. Aber nur wenige für immer

Als Peter Unfried und Sabine Buchta nach 29 Monaten Afrika wieder daheim in Neulengbach waren, hörten sie die immer gleiche Frage: „Was macht denn ihr jetzt da?“ Sie legten sich als Standardantwort „Morgen fahren wir wieder“ zurecht. Am 23. November waren sie dann wirklich wieder weg. Über Ungarn, Serbien, Bulgarien fuhren die Niederösterreicher bis Ostanatolien, sie kamen durch Ortschaften wie Batman oder Ötzalp („Kalt wie die Ötztaler Alpen, aber nicht ganz so schön“). Vom Tempo her immer schön pomali. Denn ihr umgebauter Feuerwehrwagen Baujahr 1966 schafft höchstens 68 km/h. Ein rumänischer Lkw-Chauffeur entzündete beim Überholen sein Feuerzeug, „wie bei einem Rockkonzert“, schrieb Buchta im Reiseeintrag auf ihrer Homepage. Regelmäßige Abwesenheit schätzt auch Peter Giovannini, der mehrmals für ein Jahr weg war. In letzter Zeit hat er vor allem „Kurztrips“ à drei Monate unternommen, durch die Inselwelt des Indischen Ozeans, in die von Touristen gemiedenen Ecken Afrikas und in den wilden Südwesten der USA, wo er die schwer zugänglichen, atemberaubenden Felsformationen der Bisti Badlands durchwanderte . „Mir geht es um Langsamkeit. Ich bin zwar fest in der österreichischen Gesellschaft verankert, aber bei meinen Reisen will ich vom Turbo der westlichen Zivilisation runterkommen.“ Und Giovannini will das Leben der Menschen in den bereisten Ländern aus erster Hand kennenlernen. Ein Mittel dazu: Das eigene Auto bringt ihn weg von den Hauptrouten. So nimmt der Reisefotograf gerne Anhalter mit, lädt ihr Gepäck auf und kommt mit ihnen ins Gespräch, lebt vielleicht eine Zeit lang in ihren Dörfern. Dabei sieht er andere Blickwinkel „als die, die wir daheim aus den Medien kennen“. Die Menschen in Mauretanien erzählten Giovannini, dass es die Reisewarnungen nur gibt, weil die Franzosen hier ungestört nach Öl bohren wollen. „Auch das muss so nicht stimmen, aber ich erweitere meinen Horizont und lerne verschiedene Wahrheiten kennen.“ Unfried und Buchta sind keine Aussteiger im klassischen Sinn. Auch Giovannini nicht. Er ist trotz seiner Reisen Lehrer für Geschichte und Turnen geblieben. Vielen solchen Teilzeitaussteigern ist eines gemein: Der Respekt für „echte“ Aussteiger. Für jene, die sich fern der Heimat eine neue Existenz aufbauen. Giovannini: „Wer ohne Fangnetz aus Versicherungen, Sozialstaat, Obrigkeit und Regeln flieht, übernimmt in Wahrheit Verantwortung für sich selbst, anstatt alles auf den Staat zu schieben.“ Zum Beispiel Christine Mayer (Name von der Redaktion geändert) . Sie weiß, dass man für einen echten Neuanfang eine überdurchschnittliche Portion Selbstvertrauen braucht. Die Wienerin betreibt an der südlichen Karibikküste in Puerto Viejo (Costa Rica) eine qualitätsvolle Touristen-Lodge namens Cocoloco. Im Gespräch wird schnell klar, was sie von anderen Aussteigern unterscheidet: „Alle glauben anfangs, aussteigen ist wie das Zurücklassen aller Sorgen. Aber ich muss hier auch meine Tochter pünktlich zur Schule bringen. Und Amtswege sind in Costa Rica nicht leichter als in Österreich.“ Eine Frage drängt sich auf: Warum dann? Mayer sagt milde lächelnd: „Hier gibt es keinen Winter. Es ist nie kalt.“ Aber „natürlich“ habe sie manchmal Heimweh.
Peter Unfried und Sabine Buchta sind dieser Tage irgendwo zwischen der anatolischen Stadt Van, wo sie Kleidersäcke für Erdbebenopfer abgegeben haben, und der iranischen Grenze unterwegs. Danach wollen sie bis in die Vereinigten Arabischen Emirate. Was danach kommt, wissen sie nicht. Denn Reisenden und Aussteigern ist das meistens nicht so wichtig.

Das Glück ist daheim, oder nirgends

Alle wollen den Grund wissen. Als ich verkündete, dass ich für ein Jahr auf Weltreise gehe, fragte jeder „warum?“. Ich hatte keine bessere Antwort als „warum nicht?“. Nach einigen Gesprächen begann ich, den Begründungswahn zu verstehen. Die Menschen wollten gar nicht wissen, warum ich diese Reise tue. Sie wollten eine Bestätigung, warum sie sie nicht tun. Sie penetrierten mich mit Einwänden wie „Aber es geht dir ja eh gut“ und „Ich könnte derzeit nicht, Beruf und Lebensumstände“. Meinen Einwand, man dürfe auch ohne Seelenbalast reisen und dass auch ich Lebensumstände habe, überhörten sie, egal wie deutlich ich wurde. Je länger mein Reisejahr andauerte, umso besser verstand ich aber die Frage nach dem Warum. Denn ich traf Langzeitreisende: Sie suchten in einem Land, in dem das Essen einen Dollar kostet, ein Mahl um 50 Cent. Ich fragte: Warum? Erklärung: Mein Geld muss für ein Jahr reichen. Mein Einwand: Ich reise doch lieber neun Monate bequem als ein Jahr hungrig. Ihr Einwand: Aber ich will ein Jahr von daheim weg sein. Ich kapitulierte. Und ich traf Aussteiger, oft in der Bar. Sie waren locker, sie hatten eine Stunde lang Pointen. Nach dieser Stunde und einigen Drinks hatten sie Geschichten. Die meist traurig endeten. Nach zwei Stunden hatten sie Zweifel. Die wenigen Ehrlichen wie die Wienerin, die in Costa Rica eine pippifeine Lodge führt, eine Tochter aufzieht und manchmal Heimweh zulässt, blieben rare Ausnahmen (siehe oben) . Viele Teil- und Vollzeit-Aussteiger sind auf der Flucht. Ich war’s nicht. Mein Wien, mein Leben waren die größten Argumente gegen die Reise. Ich wollte weder Gott noch mich finden, weiß eh, wo wir sind. Trotzdem wurde ich beim Reisen ein besserer Mensch. Einer, der schmunzelt statt dagegen zu reden, wenn er hört: Daheim ist es hektisch, Europa liegt unter einem grauen Schleier. Einer, der sagt: Wer sein Glück daheim nicht findet, braucht gar nicht auf der Welt zu suchen. Als mich mein Verlag nach der Reise um den Titel für das kommende Buch bat, sagte ich: „Einfach eine Weltreise. So nenne ich es.“

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Flucht in die Karibik

Es war das Gefühl, es müsse noch etwas anderes geben, das die österreichische Diplomatin Elisabeth Karamat antrieb, nach Wegen aus ihrer Krise zu suchen. Heute lebt sie dort, wo andere Urlaub machen: auf der kleinen Karibikinsel St. Kitts. Kalt und eintönig – so lässt sich das Lebensgefühl beschreiben, das Karamat vor dem Umzug in ihrem Brüsseler Alltag an der Botschaft empfand. Nach einem Sommerurlaub in der Karibik stand für sie fest, dass sie nicht mehr auf Dauer in ihr europäisches „Schmerzgefängnis“ zurückkehren wollte. Zum ersten Mal, sagt Karamat, tat sich ein echtes Licht am Ende eines langen Tunnels auf. „Merkte niemand in Europa, dass der Kontinent von einem grauen Schleier bedeckt ist? Merken Psychologen nicht, dass diese Halbfinsternis der Grund für die Härte und Kälte so vieler Menschen ist?“ Diese Fragen gingen der Karrierefrau beim Landeanflug auf Brüssel durch den Kopf. Und sie zog die Konsequenzen. Anfang 2009 packte Karamat schließlich alle ihre Koffer, löste ihre Wohnung auf, nahm sich eine Auszeit vom Job und zog auf die 40.000 Einwohner zählende Insel St. Kitts. Ihre drei Kinder waren von diesem Entschluss gar nicht begeistert. Auch ihr Chef nicht. Außerdem musste in der Karibik ein neuer Job gefunden werden. Aber die 44-jährige Wienerin fand sehr schnell einen neuen Lebenssinn, neue Aufgaben. Sie engagierte sich für eine kirchliche Entwicklungshilfeorganisation, die Jugendliche von der Straße holt. Sie begann, Kraut und Paradeiser anzubauen: Ich arbeite auf dem Feld in der Hitze. Und: Ja, es ist wunderschön. Ich bin dort das erste Mal seit langem sehr glücklich. Das schreibt sie in ihrem autobiografischen Buch „Der Honigmann“ (edition a, 240 Seiten. 19,95 €) .  Dabei hat sich Karamat nicht nur Hals über Kopf in die Karibikinsel verliebt, sondern vor allem in den einbeinigen Rastamann Kwando. „Ein Mann stark wie ein Löwe.“ Die Erklärung dazu: Der Christ Kwando behandelt Menschen, die durch Obiah verhext wurden, eine karibisch Version des Voodoo-Zaubers. – Irene Mayer-Kilani