Reise
01.09.2017

Die Faszination des Ballermann auf die Deutschen

Für ein Fotoprojekt mietet sich die 23-jährige Vivian Rutsch in einem All-inclusive-Club auf Mallorca ein und dokumentiert ihren Aufenthalt.

Drei Wochen in einem All-inclusive-Club am Ballermann. Was für manche wie Sommerferien klingt, ist für andere eine Horrorvorstellung. Für Vivian Rutsch war es ein Projekt. Die 23-Jährige studiert in Hannover Fotojournalismus und Dokumentarfotografie und wollte wissen, warum es die Deutschen an den Ballermann zieht.

"Ich interessiere mich für skurrile Orte und Begebenheiten und wollte herausfinden, inwiefern die Klischees in meinem Kopf mit der Realität übereinstimmen. Es fasziniert mich Teil eines Mikrokosmos zu werden und in eine mir unbekannte Welt einzutauchen.", so die Fotografin.

Im KURIER-Interivew erzählt Rutsch, es sei eine unglaublich spannende wenn auch anstrengende Zeit gewesen. Überrascht hat sie, wie offen und kommunikativ ihr die Menschen begegnet sind und, dass sie mit ihrer Kamera nicht auf Ablehnung gestoßen ist.

Dem KURIER schenkt die Fotografin, ursprünglich aus einem kleinen Weindorf in Süddeutschland, einen Einblick in ihr Notizbuch:

"Ich setze mich mit meiner Kamera auf eine Mauer zwischen Strand und Promenade und beobachte das Treiben. Eine Frau setzt sich neben mich, braune Dauerwelle, goldene Kreolen und eine goldene Halskette liegen auf ihrer Haut. Sie beginnt zu rauchen, zieht heftig an ihrer Zigarette, ihre langen roten Fingernägel blitzen mich an, an den Enden blättert der Lack ab.
Ich möchte sie fotografieren, wir kommen ins Gespräch. Ich fotografiere sie, hinter ihr das schwarze Meer. Die Laternen werfen gelbes Licht auf ihr braunes Haar. Sie erzählt, dass sie allein da ist, wir gehen zusammen Bier trinken. Der Raum ist voll und laut, deutscher Schlager wird mitgegrölt. Mehrere Monitore zeigen einen Boxkampf. Sandra erzählt, sie liebe Schlägereien, sie könne dann nicht aufhören hinzustarren. Das habe sie von ihrer Mutter, die hat sie mit fünf schon vor den Fernseher gesetzt und Schwergewichtsklasse ansehen lassen. Mit 17 ging sie dann in eine Bar wo sich die Jungs prügelten. Dort stand sie in der ersten Reihe und ging mit Blutspritzern auf den Pumps nach Hause. So sitze ich mit Sandra im Bierkönig auf hölzernen Hockern, drei Bier später gesellen sich drei Männer zu uns. Alle zwischen 48 und 50, dickbäuchig und ergraut. Sie stellen sich als Hubert, Guido und Winnie vor.
Nach einem kurzen Gespräch knutschen Sandra und Winnie, obwohl Sandra eigentlich ein Auge auf den etwas arroganten Guido in Lederhosen geworfen hatte. Wir begleiten die drei in die "Rutschbahn", eine Oldie-Disco mit einer kleinen Holzrutsche, die in den Keller führt. So ähnlich wie man sie aus Kohlegruben kennt. Es wird getanzt. Hubert setzt sich zu mir an die Bar. Nach dem siebten Bier, das sie uns spendieren, gehen wir nach Hause. Sandra wollte trotzdem nicht mit Winnie schlafen, vielleicht hätte er ihr die Tatsache, dass er verheiratet ist und zwei Töchter hat vorenthalten sollen."

"Diese Ausgelassenheit wäre in Deutschland undenkbar"

Ob sie eine Antwort auf ihre Frage was die Faszination Ballermann ausmacht, gefunden hat, erklärt Rutsch so: "Ich meine eine Gemeinsamkeit der deutschen Besucher auf dem Ballermann entdecken zu können: Ich habe die deutsche Urlaubskultur als eine große Gemeinschaft wahrgenommen. Am Ballermann, wo ich mich primär aufhielt, war die Stimmung immer ausgelassen und ungehemmt. Anonymität spielt sicherlich eine wichtige Rolle. Ich denke die Menschen finden hier einen Ort, den es in ihrer Heimat nicht gibt. Alter und Beruf sind zweitrangig, das ist sicher ein Grund für die Faszination, die der Ballermann auf deutsches Publikum ausübt. Besonders für eine Generation für die es in Deutschland eigentlich keine Partykultur in diesem Ausmaß gibt. Diese Ausgelassenheit wäre in Deutschland undenkbar, für viele bedeutet feiern am Ballermann auch frei sein ohne dafür verurteilt zu werden."
Ob sie, die normalerweise am liebsten Urlaub in der Natur macht, mit dem Rad durch Schweden fährt oder im Harz wandert, es noch einmal machen würde? Ja! "Ich denke tatsächlich darüber nach mein Fotoprojekt fortzusetzen, dafür gibt es aber keine konkreten Pläne."

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