© KURIER/Rajchl Claudius

Persien blüht auf
07/07/2013

Das freundliche Gesicht des jungen Iran

Wer den Iran bereist, muss viel Scheu und ein paar Mühen überwinden. Dafür empfängt einen dieses Land mit einer einzigartigen Kultur und seinen stolzen, weltoffenen und gastfreundlichen Menschen.

von Konrad Kramar

Womit man als Tourist am allerwenigsten rechnet, ist, selbst fotografiert zu werden. Im Iran hat man sich rasch daran gewöhnt. Ob man nun in Shiraz vor dem Grabmal des berühmten Dichters Hafis steht, oder staunend über den gigantischen Imam-Platz in Isfahan schlendert, plötzlich steht ein junges Paar vor einem, oder eine kichernde Gruppe Mädchen. Das Lächeln fällt vielen von ihnen leichter als Englisch, doch früher oder später verständigt man sich. Ein Foto, zusammen mit dem Gast aus dem Westen wünschen sich die meisten. Wenn dann mit der Kamera und ein paar freundlichen Worten der Bann gebrochen ist, packt viele der jungen Iraner die Neugier. „Kann ich eine Unterhaltung mit Ihnen haben“, fragt einer höflich und ein anderer wird bei dem Fremden gleich seinen ganzen Ärger über das Regime los, das sich einfach überall in sein Leben einmische: „Ich hab’ keine Lust mehr, ständig kontrolliert zu werden.“

Noble Zurückhaltung

Für wen sich das alles nach Belästigung anhört, wie man sie in vielen Ländern des Orients erleben muss, der liegt völlig falsch. Die Perser sind ein stolzes Volk, stolz vor allem darauf, anders als ihre arabischen Nachbarn zu sein. Hier drängt man sich keinem Gast auf, überschreitet nie die Grenze der Höflichkeit.
Auffallend ist das etwa bei einem Spaziergang über einen der alten Bazare wie in Isfahan. Wer, geprägt von Erfahrungen aus Nordafrika, sich auf einen Spießrutenlauf durch aufdringliche Verkäufer vorbereitet, ist fast irritiert, wie lange Händler ihre Kunden in Ruhe die Ware begutachten lassen, bevor sie sie sich um sie kümmern.

Kein Ramsch

Natürlich wird auch im Iran gefeilscht und gehandelt, wird bei den Geschichten rund um Ware und Preise lustvoll übertrieben, doch all das läuft in einer Atmosphäre ab, in der man sich nie unwohl und vor allem immer wirklich willkommen fühlt. Dazu kommt die galoppierende Inflation, die für die Iraner zwar das Leben furchtbar teuer macht, macht es für den Fremden aber billig.

Es gibt unzählige Gelegenheiten, um einzukaufen, nicht nur im Bazar, auch in den modernen Geschäftsstraßen. Hier gibt es natürlich Teppiche, aber auch Tücher, Gewürze, kurz die ganze Vielfalt des Orients gibt. Anders als in den üblichen Massendestinationen in Nahost, wird man nicht mit Ramsch für Touristen überhäuft. Schließlich gibt es davon derzeit nur herzlich wenige.
Wer aber kommt, sich das Warten auf ein Visum und das viele Formular-Ausfüllen antut, der kann die Sehenswürdigkeiten des Landes in Ruhe und weitgehend ungestört entdecken. Und diese Sehenswürdigkeiten sind es wert, entdeckt zu werden. Überflüssig hier eine Aufzählung zu beginnen. Nur so viel: Persepolis, die alte Residenzstadt der Perserkönige macht einem in atemberaubender Weise deutlich, dass diese Gottkönige eine Weltmacht, nein, die Weltmacht ihrer Zeit regierten. In den Moscheen und Palästen von Isfahan begreift man, wie sehr diese Kultur unserem Mittelalter voraus war. Es ist weniger Glauben als geistige Größe, die aus diesen Gebäuden spricht.
Doch es sind nicht nur diese Weltsehenswürdigkeiten, sondern die unzähligen Kleinigkeiten dazwischen, die man auf dem Weg durch das Land entdeckt: Die Moschee an der Straße, durch die einen der Imam persönlich voll Stolz führt, ein Straßenverkäufer, der nicht chinesische Luftballons, sondern persische Liebesgedichte anbietet, die geheime Liebe der Iraner, Süßigkeiten, die es in so vielen Varianten gibt, dass man mit dem Kosten nicht nachkommt. Und all das angeboten von Menschen, die sich nicht nur über das Geld, sondern auch über das Interesse der fremden Gäste freuen. Verzichten muss man dafür auf jede Form von Alkohol. Den gibt es selbst in den großen Hotels nicht. Denen fehlt es allerdings nicht nur an Bier, sondern oft auch an Charme und modernem Komfort.

Mullah-Witze

Wer in den Iran reist, nimmt natürlich im Kopf all die Bilder mit, die er aus dem Fernsehen, oder aus dem Hollywoodfilm „Argo“ kennt: Antiwestliche Demonstrationen, ein feindseliges Regime, Polizei und Milizen in den Gassen. Nichts von all dem ist dem KURIER-Reporter begegnet, nicht auf dieser, nicht auf mehreren früheren Iran-Reisen. Der Sicherheitsapparat mag die Iraner auf Schritt und Tritt beobachten, in der Öffentlichkeit und gegenüber Touristen hält er sich zurück. Mullahs, also Geistliche, sind außerhalb der Moscheen eher zurückhaltende, stille Erscheinungen, über die vor allem junge gebildete Iraner gerne Witze machen.

Händchenhalten

Und jungen gebildeten Iranern begegnet man in den großen Städten des Landes allerorten. Eingezwängt zwischen dem autoritären Regime und der chronischen Wirtschaftskrise versuchen sie, einfach ein ganz normales Leben zu leben. Ein Leben, in dem es viel weniger um Religion als um eine lustige Party, eine Wasserpfeife im Teehaus mit Freunden oder natürlich um die große Liebe geht. Händchenhalten in der Öffentlichkeit, eigentlich streng verboten, ist fast schon ein Nationalsport für junge Iraner.

Die Mädchen haben eine Perfektion darin entwickelt, die strengen Kleidervorschriften sachte zu umgehen. Da werden Kopftücher kunstvoll zurechtgezupft, so dass sie die Haare darunter nicht mehr verhüllen, sondern dekorieren. Kleider sind zwar knöchellang, aber dafür bemerkenswert figurbetont. So zurechtgemacht paradiert man abends durch die Straßen, in denen es so viel buntes Leben gibt, als wäre der Iran kein Gottesstaat, sondern eine moderne Republik, die ein großer Stück näher bei Europa liegt, als es die politische Landkarte zeigt. Genau dort, wo die meisten Menschen, denen man in diesem Land begegnet, gerne wären.

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