Reise 02.02.2012

Arlberg: Von der Einschicht zum Ski-Paradies

© Bild: Josef Mallaun, Strengen

Die Mutation einer einst ärmlichen Region zu einer der beliebtesten Skiregionen Österreichs behandelt der neue Bildband "Der Arlberg".

In zumindest im Westen Österreichs verschneiten Zeiten wie diesen ist der Arlberg Dauergast in Wetterbericht und Verkehrsfunk. Sind schneemassenbedingte Straßensperren und eingeschneite Touristen heutzutage lediglich eine unangenehme Begleiterscheinung zu an sich erwünschten Zuständen, waren die Winter dort dereinst nichts als eine reine Plage. Erst im 20. Jahrhundert bekam der feindselige Arlberg in der eisigen Jahreszeit eine gastfreundliche Bestimmung, wie der eindrucksvolle Bildband von Elisabeth Längle beweist, der jüngst im Brandstätter-Verlag erschienen ist.

Dort, wo sich heute der Winter-Jet-Set von über 100 Liften und Seilbahnen in die Berge hinaufhieven lässt, war es vor etwas mehr als 100 Jahren ein paar "Naturburschen" vorbehalten, mit selbst geschnitzten Latten nach stundenlangem Aufstieg die Hänge hinabzurutschen. Die ersten, eher tollpatschigen Abfahrten sind aus dem Jahr 1899 verbürgt.

Ein erster Beginn war aber gemacht: Denn lange sagten sich am Arlberg allenfalls Fuchs und Hase Gute Nacht. Das Leben war geprägt von harter Bergbauernarbeit und kargem Leben. Allein der Name des Tirol und Vorarlberg trennenden Bergmassivs, der erstmals im Jahr 1218 auftauchte, ist bezeichnend: Er leitet sich von den zahlreichen Arlenbüschen (also Latschen) ab.

Mehr gab es einfach nicht, und erst 1787 war die erste Passstraße so weit ausgebaut, dass Fuhrwerke das Gebirge überwinden konnten. Zuvor war die Gegend eine spröde Schönheit. Das musste auch Papst Johannes XXIII. zur Kenntnis nehmen. Aber nicht der 1958 gewählte Angelo Giuseppe Roncalli, sondern einen "Gegenpapst" gleichen Namens.

Er verunfallte 1414 auf dem Weg zum Konzil nach Konstanz am Arlberg. Der Kommentar seiner im Neuschnee gelandeten Heiligkeit war wenig standesgemäß: "Iaceo hic in nomine diaboli" ("Hier liege ich im Namen des Teufels"). Ein schlechtes Omen war es allemal. In Konstanz wurde Johannes XXIII. - einer von drei Päpsten zu seiner Zeit - abgesetzt.

1858 hämmerten Arbeiter den Tunnel für die Eisenbahn durch die Gebirgsschranke. Das wurde nicht von jedermann begrüßt. "Was die Natur durch einen Berg getrennte hat, soll der Mensch nicht durch ein Loch verbinden", tönte es von den Kanzeln.

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©IMAGNO/Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliotheken

Arlberg: Von der Einschicht zum Ski-Paradies

©Skiclub Arlberg

Arlberg: Von der Einschicht zum Ski-Paradies

©Josef Mallaun

Arlberg: Von der Einschicht zum Ski-Paradies

©Museum Hubert-Hus/Gemeindearchiv Lech

Arlberg: Von der Einschicht zum Ski-Paradies

©Alexander Kaiser

Arlberg: Von der Einschicht zum Ski-Paradies

©Österreichische Nationalbibliothek/Bildarchiv/Lothar Rübelt

Arlberg: Von der Einschicht zum Ski-Paradies

©Thomas Wunderlich

Arlberg: Von der Einschicht zum Ski-Paradies

©Österreichische Nationalbibliothek/Bildarchiv

Arlberg: Von der Einschicht zum Ski-Paradies

Bilder vom beginnenden 20. Jahrhundert machen deutlich, welchen Zeitsprung Lech, Zürs, Stuben, St. Anton oder St. Christoph seither gemacht haben. Die Häuser und Hütten in der armseligen Einschicht, die auf einem Foto von 1900 zu sehen sind, dürften die Jahrhunderte davor nicht wesentlich anders ausgesehen haben. Heute stehen an ihrer Stelle designte Ski- und Wellnesshotels.

Längle taucht tief in die Geschichte ein. Sie verschweigt auch schamvolle Zeiten nicht. Zumindest im Text wird erwähnt, dass sich ein Großteil der Bevölkerung während der Nazi-Herrschaft äußerst angepasst gerierte. "Juden unerwünscht", prangte etwa am Ortseingang von St. Anton. An Fotos mit direktem Hinweisen auf die NS-Zeit wurde indes gespart.

Dafür werden jene Persönlichkeiten gewürdigt, die dazu beitrugen, dass Österreich den Ruf als Skination genießt. Neben Karl Schranz, dem Idol der 1960er und frühen 70er, auch Hannes Schneider. Er hatte als erster Skilehrer am Arlberg - in Konkurrenz zur Lilienfelder Skitechnik eines Matthias Zdarksy - die Grundlagen des Wintersports entwickelt. Der Film "Der weiße Rausch" machte Schneider 1931 sogar zum Leinwandstar. Er stand damals mit Leni Riefenstahl vor der Kamera.

Da hatte sich der Arlberg schon als Wintersportregion etabliert. 1901 wurde der Skiclub Arlberg gegründet, 1904 das erste Arlberg-, 1928 das erste Kandahar-Rennen veranstaltet. 1921 wurde die erste Skischule eröffnet, und 1937 begann die Mechanisierung der Berge: Die ersten Lifte von Konrad Doppelmayr und Sepp Bildstein gingen in Betrieb.

Elisabeth Längle: "Der Arlberg". Christian-Brandstätter-Verlag, Wien 2011. 224 Seiten, ca. 250 Abb. 49,90 Euro.
© Bild: Christian Brandstätter Verlag

Seither zieht der Arlberg auch Prominenz an: Ernest Hemingway oder Grace Kelly waren ebenso hier wie die Mitglieder diverser Königshäuser. Bloß der Papst hat seit 1414 offenbar nicht mehr vorbeigeschaut, der opulente Bildband hätte das gewiss nicht verschwiegen...

Erstellt am 02.02.2012