© /PAGE CHICHESTER/Hapag LLoyd

Expedition
05/06/2015

Antarktis: Urlaub mit Pinguin

Die Antarktis gilt als der lebensfeindlichste Ort der Erde. Gerade deshalb fordert das Leben vehement sein Recht ein. Eine Expedition im Eis.

von Nicole Kolisch

Plötzlich geht alles ganz schnell. Das kleine Boot bäumt sich auf, als wolle es sich den Wassermassen widersetzen. Acht Insassen werden mit Wucht in die Höhe katapultiert. „Anhalten!“ ruft Arne, wenn auch gänzlich unnötig: Niemand denkt in diesem Moment daran, die haltgebenden Taue loszulassen. Der Schock weicht jedoch rasch dem Staunen und einer ungemeinen Dankbarkeit: Hier wurden wir Zeuge einer Geburt. Der Gletscher, der in die sonst so idyllische Paradise Bay mündet, hat unter gewaltigen Wehen gekalbt. Ein neuer Eisberg treibt neben unserem Boot, schneeweiß, abenteuerlustig. Mit der nächsten Strömung wird er aufbrechen und seine Reise durch die Antarktis beginnen. Er wird Wunder erleben. Wie wir.

Größte Wüste der Welt

In so ziemlich jeder Hinsicht wirft eine Reise in die Antarktis eingefahrene Vorstellungen durcheinander. Etwa davon, was eine Wüste ist. Mit einer Fläche von 13.200.000 km² ist die Antarktis die weltgrößte. Sie gilt als Kontinent der Extreme, als der Lebensfeindlichste unter den lebensfeindlichen Orten. Allein: Wo dem Leben so wenig Chancen eingeräumt werden, da wird es trotzig. Es schlägt zurück – mit Raffinesse und Hartnäckigkeit.

Expeditionsleiter Arne Kertelhein, der für die deutsche Reederei Hapag-Lloyd Kreuzfahrten seit vielen Jahren Routen durch die Antarktis plant, besucht den südlichsten Kontinent gerade deshalb so gerne: „Im Gegensatz zur Arktis, dem nördlichen Gegenpart, ballt sich das Leben hier unten. Es hat ja keine Rückzugsmöglichkeit.“ Man hätte somit immer zufriedene Kreuzfahrtgäste.

„In der Arktis“, so Kertelhein, „ist es Glückssache, ob man einen Eisbären erspäht. Nicht nur die Küsten, auch das Landesinnere ist fast überall zugänglich.“ Zur rechten Zeit, am rechten – weil beeisbärten – Ort zu sein, wird für Tierliebhaber zur Lotterie. Es gibt ja so viele.

Keine Wahl

„Hier unten in der Antarktis ist das anders“, erklärt der Expeditionsleiter. Denn auf den Inseln gäbe es meist nur wenig Chancen, an Land zu gelangen. Zu steil, zu unwirtlich zeigen sich die Küsten, sogar für Überlebenskünstler wie Pinguine oder Mähnenrobben. Ein Vordringen ins Landesinnere verhindern gewaltige Gebirgsmassive und Gletscher. „Man kann sich also sehr leicht ausrechnen, wo die Pinguin-Kolonie anzutreffen ist. Und dort wird sie auch tatsächlich sein. Sie kann ja nicht anders.“ Rund 250.000 Königspinguine „können nicht anders“, als sich in der Bucht Salisbury Plain aufzuhalten. Man muss es sehen, um es zu glauben – und dann glaubt man es noch immer nicht.

Aber das ist erst der Anfang. Wie gesagt: eingefahrene Vorstellungen? Lassen Sie sie besser gleich zu Hause. Oder hätten Sie gedacht, dass es grünes Eis und roten Schnee gibt?

Unerforscht

Auf der Brücke derMS Hanseaticzeigt mir Kapitän Gerke unsere Route. Und sieh an. Hier, nahe des südlichen Wendekreises, existieren sie noch: Seekarten, die über weite Teile mit „unerforscht“ beschriftet sind.

Echt jetzt? Im Jahr 2015? „Ja“, sagt Gerke, „Das liegt am mangelnden finanziellen Interesse. Seit 1961 ist das Gebiet durch den Antarktis-Vertrag geschützt, kann also nicht zum Abbau von Rohstoffen genutzt werden.“ Wo kein Geld zu holen ist, dort investiert man auch nicht in Kartografen. Eigentlich schön: Ihr letztes Geheimnis darf sich die Erde hier bewahren. „Auch exakte Eiskarten sind Mangelware“, sagt der Schiffsführer. Was die Beständigkeit des Wetters anbelangt: Vier Jahreszeiten innerhalb eines Tages sind hier keine Seltenheit. Eine Antarktisfahrt ist somit immer ein Hasardspiel, sieht man doch erst vor Ort, ob die Eisdecke die erhoffte Anlandung zulässt oder, unpassierbar, ihre kalte Schulter zeigt.

Apropos Eis: Es gibt drei Sorten. Weißes, das mehr Luft als Wasser enthält. Blaues, das mehr Wasser als Luft enthält. Und das oben erwähnte grüne. Das entsteht, wenn ein Eisberg kentert.
Auf dem Fünf-Stern-Schiff gibt es darüber hinaus noch etliche weitere Sorten: Himbeere, Haselnuss, Schokolade.

Eis-Cruising

Überhaupt: Der Expeditionskreuzer ist gut mit Eis. Er hat Eisklasse E4, die höchste für ein Passagierschiff seiner Bauart, und navigiert wendig durch Packeisfelder. Als Fahrgast steht man an der Reling und beobachtet fasziniert, wie das Schiff Scholle um Scholle zur Seite hievt. Mitsamt den Robben, die sich darauf zum – man kann es kaum anders sagen – „Chillen“ niedergelassen haben. Auch ein seltener Seeleopard ist dabei und zeigt sein charakteristisch breites Grinsen.

Gerke hat Spaß. Es ist seine erste Saison als Kapitän der MS Hanseatic. Seine Freude am neuen Spielzeug ist ansteckend, springt auch auf die Mitreisenden über. Hier kommt sie zu tragen, die „Open Bridge Policy“ des Schiffes: Jeder ist willkommen in der Kommandozentrale. Dank des für Kreuzfahrtschiffe relativ intimen Rahmens (maximal 175 Gäste) findet man hier rasch Kontakt zu Kapitän und Crew. Selbst mitten im Packeis. „Am liebsten würde ich umdrehen und noch einmal durch“, lacht Gerke – aber unsere Route lässt das nicht zu. Zu vieles, das es noch zu entdecken gilt. In einer Bucht spielen Wale mit unseren Zodiacs, tauchen unter ihnen durch. In Port Lockroy gibt man seine Ansichtskarte am südlichsten Postamt der Welt auf, auf Deception Island lässt es sich Dank heißer Quellen sogar in antarktischen Gewässern baden.

Frackträger

Und dann sind da noch die Pinguine.
Vergessen Sie rasch alles, was Sie bisher gelesen haben: In der Antarktis gibt es Pinguine. Punkt. Man fährt hin wegen der Pinguine. Man muss mit ihnen leben. Man darf mit ihnen leben. Man watet knöcheltief durch Pinguin-Guano, will die Outdoorhose danach lieber nicht mehr in der eigenen Kabine hängen haben. Kurz: Sie sind überall. Man hört ihr Schnattern wie einen konstanten Soundteppich. Man kichert über die Unverfrorenheit der Eselspinguine, sieht Rockhopper-Pinguine, die ihrem Namen alle Ehre machen, mit wippenden Punk-Frisuren von Fels zu Fels hüpfen. Man bestaunt die schlanken Könige. Für den Opernball auf der Scholle sind sie in den wohl schönsten Frack geschlüpft, den Mutter Natur im Schrank hat. Es ist ein einziges Watscheln, Tauchen, Schwimmen ringsum.
Nur fliegen können sie nicht, obwohl ein Mitreisender das hartnäckig behauptet: „Aber dort! Da ist doch einer in der Luft.“ „Nein“, versichert der Ornithologe, „das ist ein Kormoran.“

Kolonie im Wandel

Jedenfalls muss man sie lieben, diese Charlie Chaplins des Eismeeres. Wer Pinguine nicht liebt, hat kein Herz. „Es ist ein ungeheures Privileg, ihre Entwicklung zu sehen“, sagt Nadine, die auf der MS Hanseatic als Kellnerin arbeitet. Im Laufe einer Saison – also von November bis Februar – läuft das Schiff Fixpunkte wie Port Lockroy sechs Mal an. Jeweils im Abstand von ein paar Wochen. „Als wir das erste Mal hier waren, hatten noch alle Eier in den Nestern und haben gebrütet. Beim nächsten Mal gab es schon Küken. Wieder ein paar Wochen später waren die Küken frech und selbstständig. Inzwischen sind sie Teenager und mausern. Die Kolonie bietet bei jedem Landgang ein ganz anderes Bild. Es ist unbeschreiblich.“

„Ja, ja“, lacht ihre Kollegin Andrea, „die süßen kleinen Pinguine. Irgendwann kann man sie nicht mehr riechen.“ Wenn der Wind dreht und den Geruch der Kolonie an Deck trägt, wird das Herz jedes Pinguin-Fans auf eine harte Probe gestellt. Pinguine stinken. Sie müffeln nicht bloß, sie stinken richtig.

Aber so ist das eben. Die Natur richtet sich nicht nach den Bedürfnissen der Touristen. Die Touristen haben sich gefälligst nach ihr zu richten. Friss oder stirb! Das Eis, die See, der Wind – unberechenbare Größen. Und genau das macht ihre Größe aus.
Die Antarktis ist das letzte großräumig intakte Ökosystem unserer Erde. Dass es so bleibt, liegt in der Verantwortung jedes einzelnen Reisenden.

Leben in der Antarktis

Anreise
Über Frankfurt (www.lufthansa.com), dann z. B. via Buenos Aires oder Rio de Janeiro nach Ushuaia.

MS Hanseatic
Kombiniert Abenteuer mit Top-Komfort, weltweit einziges 5*-Expeditionsschiff, mit Eisklasse E4 (höchste Eisklasse für Passagierschiffe). Außergewöhnliche Expeditionsrouten, besondere Annehmlichkeiten an Bord – von der Ausstattung bis zum erstklassigen Service der Crew. Bei maximal 175 Gästen ist die Atmosphäre an Bord persönlich, stilvolle Kabinen und Suiten, exquisite Auswahl an kulinarischen Genüssen, spannende Expertenvorträge, viele unvergessliche Expeditionsmomente.
Bordsprachen: Deutsch, Englisch
Bordwährung: Euro.

Beste Reisezeit

November bis Februar

Ausrüstung
Wasserfeste, warme Kleidung selbst mitnehmen, Gummistiefel und warme Jacken zum Ausleihen an Bord vorhanden

Anforderungen
Ärztliches Attest, das die gesundheitliche Eignung bestätigt

Angebot
z. B.Expedition Antarktis, von Rio de Janeiro nach Ushuaia, 14. 11. 2015 bis 6. 12. 2015 – 22 Tage, Einstiegspreis inkl. Flüge aus Österreich 10.511 € p.P.

Info & Buchung
TUI Das Reisebüro, Rudolfsplatz 9, 1010 Wien
Tel.: +43 664 839 44 22,
Kontakt:markus.jurasek@tui.at
Sonntagshotline: 10–16 Uhr

Auskunft Hapag-Lloyd
Tel.:+49 40 3070 30-444
Details zu Hapag-Lloyd-Antarktis-Kreuzfahrten unter www.mehr-als-eis.debzw.www.hl-kreuzfahrten.de
eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.