Bären-Peepshow an der "Letzten Grenze"

Alaska…
Foto: Claudius Rajchl Wildnis pur.Im nördlichsten Staat Amerikas kommt man Walen, Bären, Gletschern und der Frostlandschaft Tundra erstaunlich nahe. Im Sommer scheint dort rund um die Uhr die Sonne.

Auf Tuchfühlung mit Grizzlys, Elchen, Walen, mächtigen Gletschern und der Dauerfrostlandschaft Tundra: Der größte US-Staat ist ein Naturparadies der Superlative.

Last Frontier“, letzte Grenze: Alaska nennt sich heute noch so, wie es die ersten amerikanischen Siedler taten. Der 49. Staat der USA ist aber alles andere als „das Letzte“, sondern ein Land der Superlative: Alaska ist der nördlichste, westlichste und größte Bundesstaat und hat den größten zusammenhängenden Gletscher der Erde, so groß wie Österreich. In s Staatsgebiet würde Deutschland vier Mal hineinpassen!

Alaska… Foto: Claudius Rajchl Aber mit Alaska haben nicht nur Statistiker ihre Freude, es ist vor allem ein fantastisches Land für Naturfans. An der „Letzten Grenze“ ist buchstäblich der Bär los: Ich habe noch nie in der Wildnis so viele Bären so hautnah auf einem Fleck erlebt – Bären-Sex inklusive. Ich habe noch nie bei einer Whale Watching Tour so viele Wale, Delfine, Seelöwen und kalbende Gletscher gesehen wie in Alaska. Und ich habe mit dem Kleinflugzeug den höchsten Berg Amerikas zum Greifen nahe aus der Vogelperspektive bewundert, den 6195 m hohen Mount McKinley, den die Ureinwohner Denali, „den Großen“, nannten.

Bester Lachs

Nicht zu vergessen: Ich habe hier den bisher besten Lachs meines Lebens gegessen. Fangfrisch. Mehr rot als rosa. Nicht so blass wie daheim aus dem Kühlregal. Und auf eine Weise zubereitet, die den schlechten Ruf der amerikanischen Küche Lügen straft. Der Lachs Burger – ein Gedicht!

Ausgangspunkt meiner Alaska-Entdeckung ist das gemütliche Städtchen Fairbanks, wo ich im Juni bei erstaunlichen 29 Grad ins Schwitzen gekommen bin. Wer denkt schon an T-Shirts im „Tiefkühlfach Amerikas“! Und dass man um Mitternacht bei strahlendem Sonnenschein am idyllischen Chena River sitzend jedes Gefühl für (Jahres-)Zeit verliert? Zum Glück hat selbst das kleinste Zimmer lichtdichte Vorhänge.

Apropos günstig: Billig ist Alaska nicht. Wenn Sie nicht mindestens 4000 € locker lassen können, dann werden Ihnen die schönsten Naturerlebnisse verborgen bleiben. Denn um mit Bären, Walen und Gletschern auf Tuchfühlung gehen zu können, muss man in Wasser- und andere Kleinflugzeuge, Ausflugsschiffe oder wenigstens einen Tourbus steigen, und diese Ausflüge kosten Geld.

Mein erster mit etwa 146 € recht günstiger Ausflug führt mich vom McKinley Chalet Resort, etwa fünf Autostunden von Fairbanks entfernt, in den Denali Nationalpark mit der bizarren Dauerfrost-Landschaft (Tundra) aus Schnee, Gletscher, Wiesen, Flüssen und dem Blick auf den Mount McKinley.

Safari im Schulbus

Alaska… Foto: Claudius Rajchl Ich teile dieses Naturparadies mit 60 Amerikanern in einem klapprigen Schulbus, bei dem die Fenster klemmen. „Wilderness Tour“ nennt sich die achtstündige Massenveranstaltung hochtrabend. „Wilderness“ bekomme ich nur mit Abstand über Fensterscheiben und über Bord-Bildschirme serviert, Pausen gibt’s hauptsächlich bei WC-Anlagen. Cassandra ist Bus-Chauffeuse und Guide in einer Person, spult routinemäßig ihr Wissen über Flora und Fauna herunter. Sobald sie Bären, Elche oder Widder erblickt, schnappt sie ihre Videokamera und überträgt ihre Sichtung live via Bordbildschirm in den Bus.

Als Alternative bleiben Shuttlebus und Wanderungen von Station zu Station, für den Privatverkehr ist die einzige Straße im Park gesperrt.

Wer macht den Elch?

Alaska… Foto: Claudius Rajchl Abends im Chalet Resort treffe ich meine Bus-Kumpanen bestens gelaunt bei der Dinner Theatre Show. Eine Mischung aus Löwinger Bühne, Pradler Ritterspielen und Musikantenstadl mit ein paar erhellenden musikalischen Momenten und einer blonden Augenweide mit Rotkehlchen-Stimme. Als sich mein Salzburger Kollege weigert, in einer Komparsenrolle den Elch zu mimen, erntet er böse Blicke im Publikum und erst recht von jenem „Wilderness“-Fan, der jetzt statt ihm röhren muss.

Alaska… Foto: Claudius Rajchl Wesentlich aufregender ist es, den Denali Nationalpark aus der Vogelperspektive zu erleben. Pilot Chris bringt mich vom herrlich schrulligen Touristen-ort Talkeetna aus mit seiner Cessna in die Gletscher-Region. Das Wetter ist leider zu schlecht für eine Landung auf dem Eis. „Aber dafür ist der Gletscher heute so blau wie selten“, tröstet mich Chris. Dieser Lichteffekt ist bei Sonnenschein nicht so stark. Das „Flightseeing“ möchte ich trotz Nebel nicht missen.

Grau in grau ist es später auch in der Erdöl- und Hafenstadt Valdez, die durch die Tankerkatastrophe von 1989 traurige Berühmtheit erlangte. Von hier aus führt die Trans-Alaska-Pipeline quer durch den ganzen Staat. Der schmucklose Ort schleppt jedoch das Leid einer ganz anderen Tragödie mit sich herum: Ein Karfreitagsbeben zerstörte 1964 ganz Valdez, und die Bürger sind heute noch stolz auf ihre Politiker, die ihren Ort Haus für Haus an einer anderen, sichereren Stelle neu aufbauten. Das städtische Museum zeigt das in epischer Breite – mit Film, Exponaten und Fotos.

Wale, Robben, Gletscher

Aber der wahre Grund, warum Alaska-Besucher unbedingt nach Valdez kommen sollten, ist der Prinz Williams Sound. Eine Tageskreuzfahrt durch diese Bucht im Golf von Alaska bietet, egal bei welchem Wetter, Foto- und Videomotive am laufenden Band: Wale, Delfine, Seelöwen, Robben, Lachsfischer – und die mächtigen Gletscher, die bis ins Meer ragen. Plötzlich brechen riesige Eismassen mit lautem Getöse ab und stürzen ins Meer. Mutige und Wetterfeste wohnen diesem fast minütlich wiederkehrenden Naturereignis von Kajaks aus bei.

Ich will von Kapitänin Amanda wissen, warum sie ihren Job, täglich Touristen hierher zu karren, augenscheinlich immer noch liebt. „Es ist das Eis“, sagt sie mit leuchtenden Augen. „Das Eis hier sieht jeden Tag anders aus. An einem Tag wie heute ist es ganz besonders blau. “

Sweet Homer

Mein persönliches Alaska-Highlight ist der entzückende Ort Homer. Nicht, weil er so heißt wie der Ober-Simpson aus der Satire-Comic-Serie. Sondern weil Homer mit seinen bunten Häuschen und Villen am Meer mit Blick auf die Gletscherwelt so eine beschauliche Ruhe ausstrahlt. Und weil ich hier den Grizzlybären begegnet bin.

Alaska… Foto: Claudius Rajchl Begonnen hat der bärige Tag mit einem Flug im Wasserflugzeug und damit, dass ich trockenen Fußes durch einen Fluss gewatet bin. Dank hoher Gummistiefel. Mit einem Bärenprofi und einem Dutzend weiterer Gummigestiefelter bin ich aus dem Staunen nicht herausgekommen: Ein Rudel Bären frisst Gras, tollt herum, faulenzt, ein Bärenpärchen vergnügt sich beim Quickie. Wenige Meter vor uns . Wir hocken stundenlang im Gras, nur das Klicken der Kameras und das Grasen der Grizzlys durchbricht die Stille.

Homer ist mir auch deshalb in so angenehmer Erinnerung, weil ich wunderbare Menschen kennengelernt habe. Das herzliche Sänger- und Ehepaar Jo Ann und Monte zum Beispiel. Ihnen verdanke ich die Begegnung mit einem Tier, das ich seit dem Alaska-Trip mit mir herumschleppe: den Ohrwurm „Song of Alaska“.

Video

RAJCHL REIST zu Walen und Bären

Alaska, 1. Teil - Díe Wildnis: KURIER-Reiseredakteur Claudius Rajchl fliegt in Miniflugzeugen zu Bären und Gletschern, fährt mit dem Schiff hautnah an Walen und Delfinen vorbei und wundert sich, was Amerikaner unter Safari verstehen.

Bilder

Alaska kann man zu Fuß, mit dem Boot, mit dem Kajak, per Bus oder aus der Luft erkunden. Das Wichtigste dabei ist, sich viel Zeit zu nehmen und die großen Entfernungen nicht zu unterschätzen. Es gibt Platz in Alaska. Viel Platz. Jeder der 700.000 Bewohner hat, rein statistisch betrachtet, 2,6 Quadratkilometer zur Verfügung. Zum Vergleich: In Wien tummeln sich auf der gleichen Fläche mehr als 10.000 Menschen. Trotzdem kann es in Alaska manchmal eng werden. Wenn der Reisende sich entschlossen hat, im Zelt zu übernachten und darauf vergessen hat, seine Lebensmittelvorräte zu verräumen, kann es passieren, dass er Besuch von einem Bären bekommt. Nicht von irgendeinem, sondern gleich von einem besonderen Exemplar, dem Grizzly. An die 300 Kilo kann der braune Koloss wiegen. Kodiakbären bringen sogar bis zu 800 Kilo auf die Waage. Deshalb empfiehlt es sich, alles Essbare gut wegzuschließen und beim Wandern das zu tun, was anderswo verpönt ist, nämlich Lärm zu machen. Überraschte Grizzlys (lateinischer Name: Ursus arctos horribilis) können ganz schön ungemütlich werden. Doch in Alaska, dem nördlichsten Zipfel der USA, sind nicht nur die Bären und die Lachse viel größer als anderswo. Fast alles ist im Übermaß vorhanden. Ein Paradies in XXXL. Drei Millionen Seen gibt es, 3.000 Flüsse und die Küste ist 80.000 Kilometer lang. Und wenn im Pazifik der Winter regiert, dann schneit es so heftig, wie man es selbst aus den Alpen nicht kennt. 30 Meter Schnee – das ist die Rekordmenge, die je gemessen wurde. Eine Schneedecke so hoch wie ein sechsstöckiges Haus. Alaska ist nicht immer kalt. Vor allem im Süden kann es heiß werden, und der Herbst lockt mit goldorange verfärbtem Laub und malerischem Indian Summer. Auch die Naturschätze des Landes, das drei Jahre lang von der schrägen Gouverneurin Sarah Palin mit dem fatalen Hang, keinen Fettnapf auszulassen, regiert wurde, sind XXXL. Der Wrangell-St. Elias Nationalpark im Süden ist so groß wie Niederösterreich, Oberösterreich und die Steiermark zusammen. Eine Wildnis mit Vulkanen, Eisfeldern und der stillgelegten Minensiedlung Kennicott Mine, eines der historischen Highlights Alaskas. Um 1900 erwirtschafteten die Familien mit den heute noch klingenden Namen J. P. Morgan und Guggenheim mit den dort entdeckten Kupfervorkommen unermess­lichen Reichtum. So wie am Klondike-River, wo vier Jahre zuvor ein Goldfund den größten Goldrausch der Geschichte auslöste und 100.000 Glücksritter an den Fluss in Yukon lockte. Noch heute wird dort geschürft und Goldgräber-Nostalgie gelebt. Auch im Hafenstädtchen Wrangell brach der Goldrausch aus und lockte Typen wie den Revolverhelden Wyatt Earp an, der sich dort sogar eine Zeit lang als Marshall verdingte. Pech hatten die Russen. Bis 1867 hatte Alaska ihnen gehört. Sie jagten Seeotter und verkauften ihre Felle. Doch dann brauchte der Zar mehr Geld. Er verkaufte die Kolonie an die USA – für 7,2 Millionen Dollar. Und schon gab das Land seine Schätze preis. Die Ureinwohner der Aleuten nannten ihr Land "Aleyeska" – weites Land. Das hatte seinen Grund. Im Denali Park, im Herzen des Landes, der vom höchsten Berg Alaskas, dem Mount McKinley mit 6.194 Metern, überragt wird, ist Platz genug für Bären, Elche, Wölfe und ... ... den Weißkopf­steinadler, das Wappentier der USA. Der Park ist seit fast 100 Jahren unverändert geblieben und vermittelt den Eindruck unberührter Ursprünglichkeit. Gut, dass er nicht mit Privatfahrzeugen befahren werden darf. Alaska ist auch das Land, in dem die Gletscher bis ans Meer reichen. Riesige Eiswände, endlose Fjorde und dazwischen springende Buckelwale, Schwärme von Schwertwalen, Zwergwale, ... ... Robben, Seelöwen. Mehr Natur geht nicht. AnreiseUm nach Alaska zu gelangen, braucht es Durchhaltevermögen. Unter 20 Stunden geht gar nichts, bis zu 30 Stunden kann man bei weniger günstigen Verbindungen unterwegs sein. Die Ticketpreise beginnen knapp über 1000 Euro für Hin- und Rückflug von Wien nach Anchorage, beispielsweise mit British Airways oder Delta über London, mit KLM über Amsterdam oder mit Lufthansa über Frankfurt. KlimaDie beste Reisezeit kommt auf die individuellen Vorlieben an. Der Frühsommer ist meist recht frisch, es regnet häufig, in den höheren Regionen liegt noch viel Schnee: Schön anzusehen, aber schlecht, wenn man Wanderungen plant. Dafür sind die Tage extrem lang. Der Hochsommer ist wärmer, in den südlichen Prärieprovinzen sogar heiß, dafür können Moskitos und Mücken sehr lästig sein. Im Spätsommer und Frühherbst ist die Wetter­lage am stabilsten, der Indian Summer färbt die Wälder wunderschön bunt.

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RAJCHL REIST zu Bison-Mumie und Lachsfarm ohne Fische

Alaska Teil 2: KURIER-Reiseredakteur Claudius Rajchl staunt in Fairbanks über Löwen in Alaska, in Valdez über eine Lachsfarm ohne Fische, über den Ort Homer, der so schrullig ist wie die Simpsons, und erfährt in Anchorage warum die Ureinwohner Aleuten heißen.

(kurier / Claudius Rajchl) Erstellt am
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