Reise
07.09.2017

In Äthiopien trifft die Vergangenheit auf die Zukunft

Das Hochland im Norden zeigt das beeindruckende Kultur- und Naturerbe, eindrucksvolle Kirchen und freundliche Menschen, die Nachkommen der Urmutter Lucy.

Den ersten Eindruck von Äthiopien vermittelt die junge Frau im bunten Kleid, die in der Ankunftshalle des Flughafens von Addis Abeba Kaffee röstet und ausschenkt. Auf einem großen Metallteller erhitzt sie die frisch gewaschenen Bohnen, stampft sie, gießt heißes Wasser auf und serviert in kleinen Porzellantassen den Kaffee, auf den die Menschen hier so stolz sind. Reiseleiter Getnet Mulugeta erklärt die Zeremonie: "Wenn ein Äthiopier dir einen Kaffee anbietet, kannst du nicht ablehnen."

Mit großer Begeisterung bringt er seinen Gästen Land und Leute näher. Was ihm besonders wichtig ist: Äthiopien soll nicht als das Land der Dürre-Katastrophen wahrgenommen werden, sondern für Kultur- und Natur stehen.

Auf dem Tanasee bei Bahir Dar gibt es beides: Im größten Gewässer des Landes – sieben Mal so groß wie der Bodensee – liegen 20 mittelalterliche Klosterinseln, die man mit dem Motorboot erreicht, dann geht es zu Fuß durch den Dschungel weiter zu der traditionellen runden Kirche. In ihrer Mitte hat jede einen verschlossenen Raum, in dem eine Kopie der biblischen Bundeslade steht. Das Original bekam der Sohn der schönen Königin von Saba geschenkt, als er zum ersten Mal seinen Vater König Salomon in Israel besuchte, besagt eine der vielen äthiopische Erzählungen.

In der Kirche zeigen farbenfrohe Wandmalereien die biblischen Erzählungen. "In der Generation meiner Großmutter konnten viele nicht lesen. Aber mit den Bildern konnte sie jede Geschichte nacherzählen", erklärt Getnet. Die äthiopischen Christen leben nach dem orthodoxen Ritus, so wie die ägyptischen Kopten. Berührend ist die tiefe Gläubigkeit der Besucher: Nicht nur die alten Frauen in ihren weißen Kleidern küssen bei der Tür den Boden, auch coole Burschen in Jeans erweisen so der Kirche ihren Respekt.
Neben den Kirchen bieten Straßenmaler den Besuchern ähnliche Heiligenbilder wie in den Gotteshäusern zum Verkauf an. Beliebte Souvenirs sind auch die bunten Schals, oft kann man den Handwerkerinnen beim Weben zusehen. Zu den klassischen Mitbringseln zählen Kettenanhänger: Nach den Städten der drei Königsdynastien benannt gibt es das Lalibela-, Axum- oder Gondar-Kreuz, jedes mit anderen Verzierungen.
Diese drei alten Metropolen sind jetzt die wichtigsten Anziehungspunkte für Touristen. Der lehmfarbene Palast von Gonder zeigt die Macht, die seine Könige einmal gehabt haben. Manche Gebäude auf dem großen Gelände sind seit Kämpfen gegen die Italiener im Zweiten Weltkrieg teilweise beschädigt. Das nahe Wasserschloss des Falisidas, das mit seinen verwurzelten alten Bäumen eine besondere Energie ausstrahlt, hat eine rituelle Bedeutung, erklärt Getnet: "Im Jänner beim Timkat-Fest wird das Wasserbecken um diesen Turm gefüllt und es beten hier Tausende Gläubige. Dann springen sie ins Wasser – als Erinnerung an die Taufe Jesu."

Auf den Feldern

Einen Eindruck vom Alltag bekommt man unterwegs, denn entlang der Straßen spielt sich das Leben ab. Die Menschen hier sind meist Bauern und leben von ihrem Gemüse und ihren Tieren, wie früher in Europa pflügen sie ihre Felder mit Ochs und Joch. Die Hütten wirken für europäische Augen ärmlich, vor allem wenn der Regen die Straßen schlammig macht, aber Getnet sieht das anders: "Den Menschen in dieser Gegend geht es nicht schlecht, sie ernten zwei bis drei Mal im Jahr und empfinden sich nicht als arm. Eine Generation früher herrschte hier noch Hunger, jetzt nicht mehr."

Zwischen den Häusern sieht man bunte Holzstände mit Essen, Getränken und Waren aller Art und in vielen Dörfern einen Billardtisch, um den sich die Burschen scharen. Überall sind Schulkinder zu Fuß unterwegs: "Weil es so viele Kinder und nicht genug Schulklassen gibt, haben manche am Vormittag Unterricht und andere am Nachmittag", erklärt Getnet.

Vor ihren kleinen Häusern kochen die Frauen, sie waschen oder sie unterhalten sich mit den Nachbarinnen. Ihre Einkäufe machen sie am Markt, auf dem die Standlerinnen Tomaten, Zwiebeln, Kartoffeln, Mangos oder Karotten anbieten. Und die bunten Plastikschlapfen, die alle Kinder tragen: "Die kommen nicht aus China, sondern aus unseren vielen neuen Fabriken", betont Getnet. Auch der wachsende Tourismus zeigt Wirkung: "Bei den Sehenswürdigkeiten entstehen Jobs", sagt er und zeigt auf neu gebaute Häuser beim Tor zum Sämen-Nationalpark, der von Österreich unterstützt wird.

UNESCO-Welterbe

In dieser Natur entfaltet Äthiopien – das "Dach von Afrika" – seine ganze Schönheit: Unzähligen Blutbrustpaviane sitzen in gemütlichen Gruppen beisammen, entlausen einander und kuscheln oder spielen auf ihrem Kletterbaum, ein Paradies für Affenliebhaber. Eine beeindruckende Steilwand und Berge bis zum Horizont schaffen eine Idylle, die UNESCO-Weltnaturerbe ist, und unterstreichen das Gefühl, dass hier die Wiege der Menschheit war. Schon Menschen-Urmutter Lucy lebte vor 3,2 Millionen Jahren in Äthiopien, ihre Gebeine liegen im Nationalmuseum in der Hauptstadt Addis Abeba, wo ihr Leben und das ihrer Zeitgenossen ausführlich erklärt wird.
Mit dem Kulturerbe der Menschheit geht es am nächsten Tag in Lalibela weiter. Die berühmten Felskirchen trugen dem Ort den Beinamen " Jerusalem von Afrika" ein. Elf beeindruckende Gebäude ließ der Kaiser vor 800 Jahren aus dem Erdreich herausarbeiten. "Zuerst wurde ein tiefer Gang in den Erdboden gegraben und dann der Felsblock ausgehöhlt, bis die Wallfahrtskirchen entstanden", erklärt Getnet die kunstvolle Leistung. "Die Kirchen gelten als das achte Weltwunder."

Gut unterwegs in Äthiopien

Anreise

Ethiopian Airlines fliegt vier Mal pro Woche (ab 10. Dezember fünf Mal) in sechs Stunden direkt von Wien nach Addis Abeba (ab 412 €).
Ein Visum kann bei der Botschaft, direkt am Flughafen in Addis Abeba oder neuerdings elektronisch unter www.evisa.gov.et beantragt werden und kostet 50 US-Dollar (vor Ort in bar). Der Reisepass muss noch sechs Monate gültig sein.

Hotels

Es entstehen derzeit zahlreiche neue Hotels, bisher ist das Angebot eher durchschnittlich. Internationalen Luxus bietet das Hotel Radisson Blue in Addis Abeba; (teures) köstliches Mittagsbuffet mit lokalen Spezialitäten. Über der Stadt Gonder thront das „Hotel Goha“. In Lalibela ist das „Panoramic View“ eine moderne und saubere Übernachtungsmöglichkeit mit einem angenehmen Garten.

Essen und Trinken

Äthiopier essen viel Gemüse, Fleisch oft als Ragout mit Zwiebeln. Typischerweise nehmen sie das Essen mit der Hand in einem Stück weichen Fladen, Injera. Er ist aus Taffmehl gemacht und schmeckt säuerlich. Lokale Speisen und Weine auf hohem Niveau bieten „The Four Sisters“
in Gonder. Einen beeindruckenden Ausblick sowie gutes Essen gibt es im „Old Abyssinia“ in Lalibela. Im Galerie-Restaurant „Makush“ in Addis Abeba erleben Besucher das moderne städtische Leben und bekommen zur Abwechslung italienische Küche.

Beste Reisezeit

Von November bis Mai; im Juli und August ist Regenzeit. Aufgrund der Höhenlage (über 1800 Meter) kühlt es am Abend ab.

Reisemöglichkeiten

Die meisten Touristen kommen mit Reisegruppen oder mit einer lokal organisierten Privatreise. Individualreisen sind möglich, aber aufwendig.
Mietwagen zum Selbstfahren gibt es nicht, nur mit Chauffeur.

Auskunft

Grand Holidays Ethiopia (von National Geographic ausgezeichnet):
www.reisen-nach-äthiopien.de

Grand Holidays Ethiopian arbeitet mit österreichischen Veranstaltern wie Raiffeisen, Ruefa, Intertravel und Optimundus zusammen. Beispiel: zehntägige Rundreise um 2595 € (pro Person im Doppelzimmer).