Reise
05.12.2011

"Abenteuer Alltag" in Island

KURIER.at sprach mit Island-Einwanderin Ursula Spitzbart über Babys, die vor Cafes abgestellt werden, Bierpreise und "Eine mit allem".

Hoch oben im Norden, wo es zwei Monate im Jahr mehr Nacht als Tag und zwei Monate mehr Tag als Nacht ist, liegt eine besondere Insel: Island
Zudem kann sich das Land rühmen, drei Miss World, zwei der stärksten Männer der Welt und die nördlichste Bananenplantage der Welt zu beherbergen.
KURIER.at sprach mit der Autorin Ursula Spitzbart, die 2003 ihren Wohnsitz von Deutschland nach Island verlegte, über "ihre" Insel. Heute lebt Spitzbart in Reykjavík. Seit 2006 ist sie hauptberuflich Mutter, außerdem im Tourismus tätig.

In ihrem Buch "Zwischen Licht und Dunkel: Abenteuer Alltag in Island" beschreibt Spitzbart ihr neues, isländisches Leben, welches vor allem vom Lebensmotto auf der Insel geprägt ist: "Das lässt sich retten". Denn voraus geplant wird nicht gerne und Pünktlichkeit ist Ansichtssache. Für eine Deutsche wahrlich eine Herausforderung.

Frau Spitzbart, gleich eine Frage an Sie als Expertin. Was muss man bei seinem ersten Island-Urlaub unbedingt gesehen haben?
Ein paar Tage in der Landeshauptstadt Reykjavik und dann eine Inselumrundung auf der Ringstraße 1 - so werden es sich viele einrichten, die zum ersten Mal nach Island kommen. Oder umgekehrt. Schließlich ist die isländische Natur zurecht das Aushängeschild der Insel. Der "Goldene Wasserfall" Gullfoss; die Springquelle "Strokkur"; die historische Parlamentsstätte Þingvellir; die Badeanstalt "Blaue Lagune" mitten in der Lava ... kaum ein Islandbesucher wird diese Stationen auslassen.

Wie bereist man Island am besten - per Pferd, Jeep oder zu Fuß?
Viele überrascht es, wie leicht sich Island auch mit einem ganz normalen PKW bewältigen lässt - wenn man nicht gerade eine Hochlandüberquerung plant. Ja - es geht auch ohne Jeep! Solche Fahrzeuge erfüllen hier in vielen Fällen vor allem folgende Funktion: Statussymbol! Selbstverständlich ist Island auch ideal zum Wandern. Aber Vorsicht: die isländische Natur ist unberechenbar, man darf sie keinesfalls unterschätzen! Mit einem spontanen Wetterumschwung ist nicht zu spaßen. Pferdefreunde finden viele Angebote, um die Insel hoch zu Ross zu erkunden. Wer tapfer ist, darf sich gerne auch per Fahrrad über die Insel kämpfen. Ich persönlich verzichte dankend darauf. Denn ich kenne den Wind hier zur Genüge, den Regen, die schier endlosen Lavafelder. Auch wenn ich noch so gerne radle und den letzten Sommer als Fahrrad-Stadtführer in Reykjavik verbracht habe.

Isländisch gilt als sehr schwere Sprache, wie ist es Ihnen damit ergangen?
Ich habe immer gehört: "Ihr Deutschen gehört zu denen, die am wenigsten Probleme damit haben, Isländisch zu lernen." Tatsächlich sind Deutsch und Isländisch miteinander verwandt. Beide sind germanische Sprachen mit sehr ähnlicher Struktur: drei Geschlechter, vier Fälle, bestimmter und unbestimmter Artikel. Wenn ich allerdings bedenke, dass es für die Ziffern eins bis vier jeweils zwölf (!) verschiedene Varianten gibt ...

Ebenso gilt Island als sehr teuer ...
Ein großes Bier in der Kneipe ist ab zirka 700 isländische Kronen zu haben. Für die meiste Zeit meines Island-Daseins entsprach dies etwa 8,40 Euro. Jetzt - nach dem großen Wirtschaftsknall im Oktober 2008 - sind es "nur" noch 4 Euro.
Tatsächlich sieht das isländische Preisniveau - aus Europerspektive betrachtet - jetzt wesentlich rosiger aus. Immerhin gibt es nun für jeden Euro etwa doppelt so viele isländische Kronen. Doch die weitverbreitete Meinung, ein Islandbesuch würde mittlerweile nur noch halb so viel kosten wie vor ein, zwei Jahren, ist absolut falsch! Man darf nämlich nicht vergessen, dass die Preise im Land immens gestiegen sind. Importwaren kosten "dank" der immens schwachen Landeswährung wesentlich mehr. Die Lebensmittelpreise zum Beispiel stiegen um 30 bis 50 Prozent! Blätterte ich "früher" beim wöchentlichen Großeinkauf im Discount-Supermarkt 5000 bis 6000 Kronen auf den Kassentisch, sind es nun 10.000!
Hier bekommt jeder einzelne die Wirtschaftskrise hautnah zu spüren. Auch derjenige, der nicht auf Kredit lebt. Und der Isländer ist ja bekannt dafür, selbst eine Tasse Kaffee oder ein Eis mit der Kreditkarte zu bezahlen ...

Lässt es sich auf Island gut leben? Ist es ein Stück heile Welt?
Trotz aller Aufregung in den letzten Monaten fühle ich mich auf Island nach wie vor gut aufgehoben. Immer noch werden Babys im Kinderwagen bedenkenlos vor den Cafes abgestellt; trifft man bekannte Persönlichkeiten auf der Straße, im Supermarkt, im Schwimmbad - ganz ohne Bodyguard. Das spricht doch für sich.

Was bietet Island, was Deutschland Ihnen nicht bieten konnte?

Es war keineswegs so, dass ich Deutschland absichtlich entflohen bin. Vielmehr fiel meine persönliche Wahl auf einen Mann, der zufälligerweise Isländer ist. Besonders weiss ich zu schätzen, dass das Leben hier wesentlich unkomplizierter ist als ich es bislang kannte. Es leben aber auch nur etwa 320.000 Menschen auf dieser Insel! Kein Wunder, dass man dabei besser den Überblick behalten kann. Die Kommunikationswege sind viel kürzer. Man kennt fast immer jemanden, der jemanden kennt, der einem weiterhelfen kann und wird.

Hat man es als Ausländer in Island schwer?
Das soziale Netz der isländischen Gesellschaft ist extrem eng geknüpft. Sich darin als "Neuer Isländer", wie wir hier genannt werden, ein wirklich festes Plätzchen zu schaffen, ist eine heikle Aufgabe, die mir das Leben auf Island nicht immer einfach macht. Ein isländischer Lebensgefährte ist natürlich ein echter "Heimvorteil", der einem so manche Tür öffnet. Auch wer sich um die Landessprache bemüht, wird mit wesentlich offeneren Armen aufgenommen. Und trotzdem - ich werde wohl nie ganz dazugehören.

Kommen wir zu den Klischees - wie ist "der" Isländer?
Wer auf "blond und blauäugig" steht, wird auf Island sicher auf seinen Geschmack kommen - selbst wenn ein echter Isländer durchaus auch dunkelhaarig sein kann. Obendrein ist es ein sehr hübsches Volk. Und was den isländischen Charakter betrifft - "Feuer und Eis" fällt mir spontan dazu ein. Einerseits sind Isländer äußerst freundlich und hilfsbereit, aber es gelingt mir längst nicht immer, bis zum Innersten ihrer Seele durchzudringen. Heiße Quellen und kalte Gletscher, Licht und Dunkelheit, Lebendigkeit und Düsternis. Die isländische Natur ist geprägt von Extremen. Ich behaupte, daß sie sich auch im Charakter der Menschen hier niederschlagen.

Island und das Essen: Was sind die Leibspeisen der Insulaner?
Eina með öllu! Was mir als Nürnbergerin meine "Drei im Weckla" bedeuten, die berühmten drei original Nürnberger Rostbratwürste im Brötchen, ist dem Isländer seine "Eine mit allem", das Hot Dog. Man kann es zwar überall im Land erstehen, doch ein spezieller "Würstchenwagen" ist quasi Kult: "Die Stadtbesten" Bæjarins beztu beim Reykjaviker Hafen.
Als ausgebildete Ökotrophologin interessieren mich natürlich die Ernährungsgewohnheiten meiner Insulaner besonders. Ein echter Dorn im Auge ist mir dabei das geradezu verhängnisvolle Liebesverhältnis zu nammi, Süßigkeiten jeglicher Art. Isländer sollen auch mehr Cola trinken als Amerikaner, pro Kopf betrachtet. Wenn das keine Spuren hinterlässt ...

Björk ist immer noch ein Aushängeschild Islands - wie kleiden sich die Isländer, auch so kreativ?
Stimmt ... nicht nur Björk's Musik ist eigenwillig-einzigartig. Die weibliche isländische Restbevölkerung trägt zwar nicht gleich Schwanenkleider, aber immer wieder fallen mir abenteuerlich gemusterte Strumpfhosen und Leggins auf. Vielleicht ein "Pippi Langstrumpf"-Look?

Hat Stricken auf Island eine hohen Stellenwert? Angesichts der berühmten Island-Pullis möchte man dies meinen …
Oh ja! So ein schöner, warmer Wollpullover mit dem typischen Muster an der Schulterpartie - genannt lopapeysa - ist längst nicht nur ein beliebtes Island-Souvenir für den Inselbesucher. Man muss sich nur einmal umsehen: unzählige Isländer tragen ihn, Männlein wie Weiblein. Vor ein paar Jahren ist Stricken richtig groß in Mode gekommen, inklusive Strickkursen und "Strickkaffee"-Treffen. Sogar für Hunde gibt es den Islandpulli! Mein persönliches Strickprojekt lautet derzeit "Lopapeysur in Kindergrößen".

Auf Island sollen ja Elfen wohnen - glauben Sie persönlich auch daran?
Nein, als "Elfe" würde ich das, woran ich glaube, nicht bezeichnen. Aber ich bin davon überzeugt, dass es irgendeine höhere Macht gibt - wie auch immer man sie nennen mag. Schließlich hatten bislang alle Geschehnisse in meinem Leben ihren Sinn, selbst wenn er nicht immer sofort zu erkennen war.

Buchtipp:
Ursula Spitzbart
Zwischen Licht und Dunkel: Abenteuer Alltag in Island (Broschiert)
277 Seiten, Dryas Verlag, 12,95 Euro