Politik 05.12.2011

WikiLeaks kämpft mit Datenleck-Desaster

Die Enthüllungsplattform hat die Kontrolle über ihre Daten verloren. Das könnte verheerende Folgen für die Informanten von US-Diplomaten haben.

Die Enthüllungsplattform WikiLeaks kämpft nun selbst mit einem massiven Datenleck. Die im Archiv der Enthüllungsplattform gespeicherten US-Diplomaten-Depeschen seien nicht mehr sicher, teilten die Betreiber am Donnerstagmorgen in einer 1600 Worte umfassenden, im Internet veröffentlichten Stellungnahme mit. Besonders brisant: In dem besagten Archiv sind auch die Namen diverser Aktivisten und Informanten der US-Diplomaten genannt, die bislang geheim gehalten wurden - für sie könnte die Veröffentlichung lebensgefährliche Konsequenzen haben.

Die Betreiber der Plattform machen David Leigh, einen britischen Journalisten für das Debakel verantwortlich. Der Spielegel Online berichtet eine andere Version. Eine Zankerei zwischen Gründer Julian Assange und einem früheren Mitarbeiter soll für die Katastrophe verantwortlich sein.

Alles begann im Februar 2011

Spiegel Online beruft sich bei seinen Recherchen auf den von WikiLeaks beschuldigten Journalisten David Leigh. Dieser berichtete in seinem Buch "Inside Julian Assange's War on Secrecy" von der Übergabe der Diplomatendepeschen. Assange platzierte demnach eine Datei auf einem Server und schrieb das Passwort unvollständig auf einen Zettel. An einer Stelle sollte ein mündlich wiedergegebenes Passwort hinzugefügt werden. In der Folge berichteten im November 2010 Medien weltweit von den US-Depeschen und veröffentlichten ausgewählte Dokumente in bearbeiteter Form. Namen von Informanten wurden geschwärzt, um deren Sicherheit nicht zu gefährden, so der Spiegel Online.

Bei Reparaturarbeiten eines WikiLeaks-Servers nahm der damalige deutsche Sprecher von der Plattform, Daniel Domscheit-Berg, einen Datensatz mit dem dort eingereichten Material mit. Darunter befanden sich die veröffentlichten Dokumente, aber auch der komplette, unredigierte Satz der Diplomatendepeschen, versteckt und verschlüsselt in einem Unterverzeichnis, von dem Domscheit-Berg womöglich nichts wusste. Das Passwort dazu konnte man in Leighs Buch nachlesen - aber davon wusste zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

Vollständiger Datensatz kommt in Umlauf

Nach der Veröffentlichung der US-Depeschen durch WikiLeaks im Winter 2010 entzogen diverse Unternehmen WikiLeaks ihre Unterstützung, weswegen diverse Spiegelserver aufgesetzt wurden, um die Plattform vor dem Verschwinden zu schützen. Unterstützer brachten laut Spiegel Online auch eine komprimierte Version aller vorliegenden WikiLeaks-Veröffentlichungen über das Tauschbörsensystem BitTorrent in Umlauf.

Die Sympathisanten verfügten über den Datensatz von Domscheit-Berg. In Windeseile hatten damit tausende Nutzer Kopien aller bisherigen Veröffentlichungen auf ihren Festplatten, darunter auch die verschlüsselte Kopie aller Diplomatendepeschen aus dem Netz des US-Außenministeriums - aber davon wusste zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

Streit innerhalb von WikiLeaks

WikiLeaks hat mit einem schweren Datenleck zu kämpfen.
© Bild: apa

Durch einen Streit zwischen Domscheit-Berg und Julian Assange eskalierte die Situation. Domscheit-Berg gründete ein Konkurrenzprojekt namens OpenLeaks. OpenLeaks-Sympathisanten plauderten laut Spiegel Online die Geschichte von den versteckten Diplomatendepeschen aus, um Assange als nicht vertrauenswürdig hinzustellen.

Im Zuge dessen wurde einem Journalisten der Wochenzeitung der Freitag, die zu den Medienpartnern von OpenLeaks gehört, verraten, wo das Passwort zu finden ist. Dieser veröffentlichte vergangene Woche die Geschichte zu den Depeschen ohne das genaue Passwort preis zugeben.

Auf einer Plattform tauchte schließlich eine Beschreibung von Leighs Geschichte über die versteckte Datei und das Passwort auf. Ein Link zu dem Eintrag wurde via Twitter verbreitet. Spätestens jetzt hatte jeder, der wollte, Zugriff auf die vollständige Cablegate-Datei.

Suche nach dem Schuldigen

WikiLeaks macht Leigh für das Debakel verantwortlich. Der Reporter habe in seinem im Februar vom Guardian publizierten Buch das Passwort zur Entschlüsselung der Dateien enthüllt, so die Enthüllungsplattform. Sowohl der Reporter als auch der Guardian bestreiten die Anschuldigungen. Leigh sagte, dass die von ihm veröffentlichten Informationen veraltet und harmlos gewesen seien. Man habe die Information erhalten, dass das Passwort temporär sei. Außerdem hätte WikiLeaks sieben Monate Zeit gehabt, die Dateien zu entfernen.

WikiLeaks will juristische Schritte "gegen den Guardian und eine Person in Deutschland, die das Passwort zum persönlichen Nutzen weiterverteilt hat", prüfen. Dabei handelt es sich um eine Anspielung auf Domscheit-Berg. Assange hat Domscheit-Berg über einen Anwalt den Bruch von Absprachen und Selbstverpflichtungen sowie "ein gesteigertes Maß an Niedertracht" vorgeworfen. Er habe Journalisten Hinweise zur Öffnung der verschlüsselten Dateien gegeben, hieß es in einem Schreiben des Anwalts.

Egal wer Schuld hat, die Konsequenzen sind fatal: Die unredigierte Version im Netz könnte für viele Aktivisten und Informanten in totalitären Staaten weltweit lebensgefährliche Folgen haben. Mehr als 100 Informanten der USA sollen nach dem Datenleck in akuter Gefahr sein. Die Informanten waren von US-amerikanischen Diplomaten für besonderen Schutz vorgesehen, wie die New York Times berichtete.

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( dpa , apa , KURIER.at ) Erstellt am 05.12.2011