Gruber leitet ab Februar die Urania- und die Kuffner-Sternwarte sowie das Planetarium im Wiener Prater.

© KURIER/Deutsch

Werner Gruber: "Physik ist besser als Sex"
10/20/2012

Werner Gruber: "Physik ist besser als Sex"

Der Physik-Volksbildner über Unerklärbares zwischen Himmel und Erde, sein eigenes Nahtoderlebnis und das Vakuum, das er eines Tages hinterlassen möchte.

von Birgit Braunrath

Er fürchtet weder Tod noch Teufel. Das stellt "Science Buster" Werner Gruber im großen KURIER-Interview klar. Wir sitzen in der Urania. Soeben hat Stadtrat Ludwig den Physiker als neuen Leiter der Wiener Volkshochschuleinrichtungen Planetarium, Kuffner- und Urania-Sternwarte vorgestellt. Ein 40-Stunden-Job, daneben ist Werner Gruber Universitätslektor, als Science-Buster auf Bühnen, in TV und Radio präsent, Vortragender auf Volkshochschulen, und er beantwortet Fragen, die über seine Homepage an ihn herangetragen werden. Allein zum Thema Felix Baumgartner habe er derzeit 60 klein bedruckte Seiten an Fragen. Der Mann arbeitet aus Leidenschaft. Heuer im August hat er zum ersten Mal seit 16 Jahren Urlaub gemacht. Fünf Tage Venedig mit seiner Lebensgefährtin waren schön, erzählt er. Aber er war auch glücklich, als er wieder daheim bei seiner Arbeit war. Und wann schläft er? "Heute von halb vier bis halb sieben." Doch man müsse sich keine Sorgen machen. Sein Internist attestiere ihm beste Werte.

KURIER: Wie geht es Ihnen? Werner Gruber: Ich bin sehr entspannt. Nach DIESER Woche! Baumgartner hatte zwar noch mehr Medien-Impact. Aber ich war auch nicht schlecht. Ihnen ist bewusst, dass die zwei Millionen Zuschauer wegen Felix Baumgartner dabei waren und nicht Ihretwegen? 2,3 Millionen! Für den ORF war es das Medienereignis der vergangenen Jahrzehnte, und ich war im Epizentrum.Was war der beste Moment? Als er heil unten ankam. Und der traurigste, als e r oben abgesprungen ist. Ich habe ihn so beneidet. Nicht um die Gage, sondern um den Ausblick.

Hinterher spekulierten einige Kommentatoren, vieles sei nur Inszenierung gewesen, damit die Spannung steigt, etwa das Trudeln Ich glaube nicht, dass er das gespielt hat. Die Geschwindigkeiten, mit denen Baumgartner rotiert ist, waren so hoch, dass es fast schon lebensgefährlich war. Ärgert Sie die Bezeichnung "Populärwissenschaftler"? Nein. Denn was gibt’s Schöneres, als der Bevölkerung zu erklären, wie etwas funktioniert? Das geht so weit, dass man Menschen ihre Angst nehmen kann. Wir leben in der Welt der Wirtschaftskrise. Viele wissen nicht, wie’s morgen weitergeht. Die Naturwissenschaften sind stabil. Wir haben vier Wechselwirkungen und eine Handvoll Elementarteilchen.

Man weiß, wie heftig Sie etwa Astrologie oder Homöopathie kritisieren. Gibt es Grenzbereiche, in denen man nicht mehr messen kann und dennoch etwas passiert? Nein, die gibt es nicht. Wir müssen uns endlich davon lösen, dass es heißt: „Es gibt vieles zwischen Himmel und Erde, das wir uns nicht erklären können.“ Das ist schon richtig. Aber es hat nichts mit Homöopathie zu tun oder mit Esoterik. Das Thema regt mich auf, da geh’ ich auf wie eine Buchtel.

Gibt es in Ihrem Leben nichts, wo die Messungen versagen? Liebe etwa lässt sich schwer messen. Oder die Seele. Bei Obduktionen wird nie eine gefunden. Liebe lässt sich ganz leicht über den Hirnstoffwechsel messen: Was tun Hypothalamus und Hypophyse gerade? Und die Seele ist ein wunderbarer Begriff, aber wie definieren Sie’s? Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder sie wirkt auf das Gehirn, dann wäre sie uns in Messungen aufgefallen. Oder sie hatscht zwei Meter hinter mir her und hat keinen Einfluss auf mich. Wozu hab ich sie dann?Also Sie haben keine? Noch einmal: Wie definieren Sie’s? Wenn wir von Animo, von Lebensenergie und Beseeltheit reden, kann ich sagen: Das sind meine bioelektrischen Aktivitäten. Derzeit ist Quantenheilung in Mode. Was sagen Sie dazu? Das ist – wörtliches Zitat – ein Schas. Aber es ist leicht unter die Leute zu bringen, denn wer kennt sich schon in Quantenmechanik aus?Sie unterstellen, man nimmt ein Thema, bei dem die Verwirrung groß ist und sagt: "Das kann Wunder wirken“? So ist es. So hat man es immer gemacht. Nichts gegen die Kirche, aber wenn ich Weihrauch einführe und ganze Kirchen vergolde, steht der Mensch da und sagt: „Boah!“ Und in so einem "Boah!-Moment" steigt doch sicher die Energie im Körper? Welche Energie? Der Blutdruck steigt, weil sich die Leute vorm Teufel fürchten. Und da sag’ ich als Naturwissenschaftler: "Freunde, bleibt’s entspannt, es gibt keinen Teufel."

Sie fürchten sich nicht vor dem Teufel? Nein. Und wenn es ihn gäbe, würde ich gern mit ihm auf einen Kaffee gehen.

Wovor fürchten Sie sich? Das ... also, ich sag einmal, das ist eine gute Frage. Und ich hab eine schöne Antwort. Hier würde jeder sagen: "Vor dem Tod." Aber ich hatte das Glück eines Nahtoderlebnisses. Ich hatte eine kalte Lungenentzündung und bin auf dem Weg ins Institut umgekippt. Ich habe geatmet, aber keine Luft bekommen. Da war mir klar: Wenn das noch zwei, drei Atemzüge so weitergeht, bin ich tot. Dann hab ich das Bewusstsein verloren. Und dann? Haben Sie den berühmten Tunnel gesehen? Nanana, da wird schon viel Unsinn erzählt. Es war ein trüber Herbsttag, und ich hab auf einmal bemerkt, dass es hell wird, als ginge die Sonne auf. Alle Beschwerden in der Lunge waren plötzlich weg. Es war eine Leichtigkeit da, wie Schweben, und eine entspannte Gleichgültigkeit. Ich dachte: "Ich sterbe, aber es ist okay."

Das klingt nach einer Art "Instant-Geborgenheit". Genau. Und das Schönste war mein letzter Gedanke: "Es ist wie im Lehrbuch." Alle neurowissenschaftlichen Sterbekriterien sind erfüllt. Schmerzfreiheit, spontane Gleichgültigkeit, Leichtigkeit, passt. Wissen Sie, ich wäre echt sauer, wenn ich im Moment des Sterbens draufkomme, dass irgendetwas anders ist, als ich es gelehrt habe. Vielleicht haben Sie die Sterbekriterien so oft abgespeichert, dass Ihnen die Neuronenbahnen genau diesen Film gespielt haben? Mein Nahtoderlebnis deckt sich mit anderen, das passt so.

Durch Felix Baumgartner und den Weltrekordtauchgang von Christian Redl war diese Woche viel von Grenzgängern die Rede, die ihre Spuren hinterlassen wollen. Was wollen Sie einst hinterlassen? Ich will, dass man hier bei den Sternwarten nach meinem Tod sagt: „Es wird echt schwierig, einen Nachfolger für den Herrn Gruber, den alten Direktor, zu finden. Wo gibt es einen neuen Mann, der das so gut macht?“Zu Lebzeiten haben Sie nicht überall eine gute Nachrede. Es gibt Physiker-Kollegen, die kritisch über Sie ... ... ja, die alten, aber die sterben aus. Viele junge wenden sich an mich, auch im Vertrauen. Ich hatte einen Studenten, der zu mir gekommen ist und gefragt hat: „Herr Gruber, ich muss auf so viele Prüfungen hinlernen und denke ständig nur an Frauen, welche Lösung gibt es da?“ Im Gespräch kam ich drauf, dass er Bluthochdruck hat und Tabletten nehmen muss. Also habe ich ihm andere Blutdrucktabletten empfohlen, die als Nebenwirkung Einschränkung der Libido hatten. Die hat er sich verschreiben lassen und die Prüfungen geschafft. So weit kann Naturwissenschaft gehen. Physik ist ein hartes Studium, aber wenn man es hinter sich hat: Wow! Dafür verzichtet man sogar auf Sex? (Überlegt kurz) Jjjjjjja. Es ist besser als Sex.Physik ist besser als Sex? Au weh, ich sehe schon die Schlagzeile im KURIER. Aber wir können das ruhig so schreiben. Weil’s stimmt. Es ist vielleicht nicht besser, aber zumindest gleichwertig. Ich habe zwei, drei Mal in meinem Leben etwas wirklich begriffen, nicht aus Lehrbüchern, sondern selber eine Grenze überschritten. Das war so geil, ein Flow! Was hießt hier "Flow"? Sie können doch sicher die beteiligten Botenstoffe messen? Der Serotoninhaushalt ist massiv erhöht, man schwebt auf Wolke 7, wenn man etwas wirklich begriffen hat. Und es hält an. Nicht so wie beim Sex, wo sich nach ein paar Minuten alle wieder beruhigt haben. Es ist, wie wenn zum Sex die Liebe hinzukommt. Dann wird es etwas Langanhaltendes. Wenn man sich vertrauensvoll auf Formeln einlassen kann, ist das etwas Wunderschönes.

Zur Person: Lehrer, Sterngucker, Showtalent

Physiker Werner Gruber, 42, ist Mitarbeiter am Institut für Experimentalphysik, Spezialgebiet: Neurowissenschaften. Ende der 1990er-Jahre begann er im Rahmen von "University Meets Public" mit großem Erfolg an Volkshochschulen zu lehren: Physik des Papierfliegers, Physik des Kochens, Physik von Raumschiff Enterprise. Termine für VHS-Kurse von Gruber, aber auch von seinem Science-Buster-Kollegen Oberhummer unter: www.vhs.at. Gruber hat Lehrbücher geschrieben und erarbeitet mit Physiklehrern, wie man den Unterricht spannender gestalten kann. Als Volksbildner beantwortet er Fragen zur Physik: www.unglaublicheinfach.at/Pers/Pers.htm Ab Februar wird er Wiens Sternwarten leiten und auch selbst Führungen machen. Info unter: www.planetarium-wien.at

Science Buster Werner Gruber, Heinz Oberhummer und Martin Puntigam treten im Rabenhof, im TV (neue Folgen 2013) und auf FM 4 auf. Alle Termine: www.sciencebusters.at

Das neue Buch: "Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln" (Hanser, €19,90).