Politik
23.12.2011

Weihnachten heißt: Von den Kindern lernen

Kleinkinder kennen keine Gier, wir werden das Teilen wieder lernen müssen.

Der Komponist Christian Kolonovits und die Autorin Angelika Messner erzählen in ihrer Oper „Antonia und der Reißteufel“ die Geschichte von einem Fabelwesen, das Kindern die Stimme raubt und sie in Käfige einsperrt. Der Reißteufel war früher ein lieber Kerl, böse wurde er erst, nachdem man ihm sein Herz gestohlen hatte. Dieses wurde von einem dicken Kerl, dem Zeitenfresser, und dessen Freunden festgehalten, dem Stress, dem Neid und der Gier. Eine Kinderoper geht natürlich gut aus, Antonia gibt dem Reißteufel sein Herz zurück, alle Kinder haben wieder ihre Stimme.

Wir feiern heute die Geburt eines Kindes vor über 2000 Jahren. Ob man daran glaubt, dass da im Stall von Bethlehem der Erlöser geboren wurde, entscheidet jeder für sich. Aber die Symbolik, dass nur ein Kind die Welt retten kann, muss jeden berühren. Ein Neugeborenes kann mit Eigenschaften wie Gier oder Neid gar nichts anfangen. Babys trinken nur, solange sie Hunger haben. Sie schreien, wenn sie Schmerzen haben, und nicht, weil der andere mehr besitzt. Aber im Laufe unseres Lebens entwickeln wir diese Eigenschaften, die, geschickt eingesetzt, auch noch zu sozialem Aufstieg und beachtlichem Wohlstand führen können. Eine Garantie für Glück sind aber weder Neid noch Gier, ganz im Gegenteil.

Wachstum als Grundlage

Aber unsere kapitalistische Wirtschaft ließe sich nicht nach den Grundsätzen der Caritas organisieren. Das enorme, fast unbeschränkte Wachstum seit dem Zweiten Weltkrieg hat in den Industriestaaten zu einem noch nie da gewesenen Vermögen geführt, wovon alle profitierten. Das war und ist nicht immer gerecht verteilt, aber es war so viel da, dass nur wenige an der Sinnhaftigkeit des Systems zweifelten. Die aktuelle Krise hat dazu geführt, dass die selbstverständlich gewordene Vermehrung des Wohlstands nicht mehr möglich ist. Das lässt uns die vielen Ungerechtigkeiten umso stärker spüren.

„Die Menschen sind schlecht, sie denken an sich, nur ich denk’ an mich“, heißt es in einem Kanon für Kinder. Der Erwachsene sollte gelernt haben, dass er alleine nichts bewegen kann, gerade in unserer global vernetzten Zeit. Jede Gemeinschaft, ob eine Familie, ein Staat oder auch unser Kontinent Europa, braucht gemeinsame Grundlagen und Überzeugungen. Das Gefühl, dass alle gleiche Chancen und Möglichkeiten haben müssen, ist ebenso wichtig wie die Unterstützung derjenigen, die nicht so schnell laufen können.

Das ist die große Herausforderung an die Politik, aber auch an alle, die begriffen haben, dass Menschen nicht wie einsame Wölfe leben können: Die Suche nach der gerechten Verteilung in Zeiten, in denen Wachstum nicht mehr selbstverständlich ist. Gerechtigkeit heißt nicht Gleichheit, diese Illusion ist im Kommunismus nachhaltig zerstört worden. Aber auf den Starken unter uns kommen größere Aufgaben als bisher zu.

Im Namen aller KURIER-Mitarbeiter wünsche ich allen Leserinnen und Lesern, vor allem aber auch allen Kindern, ein besinnliches Weihnachtsfest.