Politik 09.04.2012

Umstrittenes Vorsorgeprogramm: Wer gesund lebt, zahlt weniger

Wer nicht mehr raucht oder abspeckt, wird belohnt. Der Bonus-Anreiz der SVA ist erfolgreich, aber umstritten.

Es ist ja nicht so, dass Franz Schober nicht gewusst hätte, wie schädlich 30 Zigaretten am Tag sind. „Aber irgendwie“, sagt der Unternehmer, „sieht man das Rauchen als Zeitvertreib und redet sich ein, man bekomme so den Stress besser in den Griff.“ Schober führt ein Elektro-Unternehmen in Ruppersthal bei Tulln. 15 Mitarbeiter, man montiert Fotovoltaik- und Windkraft-Anlagen, Schober gefällt die Idee der erneuerbaren Energie. Was ihm weniger gefällt ist sein Laster, das Rauchen. Und so kam ihm eine Aktion seiner Krankenversicherung, der Sozialversicherung Gewerbliche Wirtschaft (SVA), ganz recht.

Seit 1. Jänner bietet die SVA Versicherten das Programm „Selbstständig Gesund“. Das Prinzip: SVA-Versicherte werden finanziell belohnt, wenn sie bestimmte, individuell mit dem Arzt vereinbarte Gesundheitsziele erreichen. Wer Gewicht reduziert oder seinen Blutdruck wieder in den Griff bekommt, bezahlt am Ende nur den halben Selbstbehalt. Schober hat sich vorgenommen, das Rauchen bleiben zu lassen. Schafft er das bis Juni, muss er bei Arztbesuchen statt der üblichen 20 nur zehn Prozent bezahlen. Kritiker haken genau hier ein: Wie sollen Lebensgewohnheiten wie Alkohol- oder Tabakkonsum empirisch dokumentiert werden? Das SVA-Programm sei unkontrollierbar – und unfair.

Noch schwerer wiegt der Vorhalt, mit dem Programm zerstöre man das Solidaritätsprinzip. „Wir sprechen uns generell gegen Selbstbehalte aus. Ein Bonus-Malus-System, wie es die SVA eingeführt hat, könnte die medizinische Versorgung für sozial Schwache verteuern“, heißt es etwa in der Wiener Gebietskrankenkasse. Und die ist nicht die einzige, die das neue Modell mit Skepsis betrachtet.

Entsolidarisierung

Franz Schober, Elektro-Unternehmer
© Bild: Kurier/Gruber

Werden Kranke mit dem SVA-Modell wirklich fürs Kranksein bestraft? Erleben wir den ersten Schritt zu einer schleichenden Entsolidarisierung im Gesundheitswesen? „Das ist Unsinn“, sagt Dagmar Reuter. Die Tirolerin ist Unternehmensberaterin und nimmt an dem Programm teil, obwohl sie viel Sport betreibt und sich gesund ernährt. „Ich habe bei der Vorsorge-Untersuchung vereinbart, meinen Lebensstil beizubehalten. Schaffe ich das, wird mein Selbstbehalt halbiert.“

Pro Jahr, schätzt die passionierte Berg-Geherin und Mountain-Bikerin, wird sie sich etwa 200 Euro Selbstbehalt sparen. „Das ist keine Unsumme, aber das Geld war für mich ohnehin nicht die wesentliche Motivation.“ Weit mehr habe sie die Idee fasziniert: „In dem neuen Programm wird niemand bestraft, wenn er nicht zur Vorsorge-Untersuchung geht, ungesund lebt oder krank wird. Aber wenn ich mich um meine Gesundheit bemühe, wird das honoriert. Dieser Zugang gefällt mir.“ Tatsächlich sind die Österreicher Vorsorge-Muffel: In Bundesländern wie Niederösterreich gehen laut Hauptverband der Sozialversicherungsträger gerade einmal sechs bis zehn Prozent der Menschen regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung; selbst die besten Bundesländer schaffen nur 30 Prozent – zu wenig, wie Experten meinen.

Paradigmenwechsel

Von den 500.000 SVA-Versicherten ist es knapp jeder Zehnte – für SVA-Chef Peter McDonald ein Alarmzeichen. „Österreich ist europaweit Schlusslicht bei der Prävention“, sagt er. Mit dem neuen Bonus-System wolle man das Bewusstsein schärfen, dass man für den eigenen Gesundheitszustand etwas tun könne. „Wir müssen versuchen, in der Gesellschaft eine Präventionskultur zu etablieren“, sagt McDonald. „Unser Vorsorge-Programm und der positive Anreiz sind der erste Schritt hin zu diesem Paradigmenwechsel.“ Zumindest die Zahlen scheinen dem SVA-Chef recht zu geben: Von Jänner auf Februar ist die Zahl der Vorsorge-Untersuchungen in der SVA um beachtliche 40 Prozent gestiegen.

Auch Petra Gregorits hat die Idee überzeugt. „Ich sitze viel und wollte schon immer Gewicht reduzieren.“ Das neue Programm war für die Marktforscherin eine „willkommene Gelegenheit, unter ärztlicher Aufsicht zwischen acht und zehn Kilogramm loszuwerden.“ Wie viele Euro sie sich bei einem Erfolg sparen würde, hat sie nicht ausgerechnet. „Aber darum geht’s ja gar nicht“, sagt Gregorits. „Es geht darum, dass wir uns mehr um die Vorsorge kümmern. Nicht umsonst sprechen wir ja auch von einem Gesundheits- und nicht von einem Krankheitssystem.“

( Kurier ) Erstellt am 09.04.2012