Türkei und Israel auf Konfrontations­kurs

Die Türkei will die Marine mobilisieren, um Hilfsschiffe mit Kurs auf Gaza vor israelischen Angriffen zu schützen – eine militärische Konfrontation ist nicht mehr ausgeschlossen.
Foto: AP/SELCAN HACAOGLU

Vor seiner Nordafrika-Reise verschärft der türkische Premier nochmals die Gangart gegenüber Israel und droht mit Kriegsschiffen.

Der türkische Premier Erdogan hat das Eskalationsszenario wohl genau geplant. Zuerst verwies er den israelischen Botschafter des Landes, dann legte er die Militärbeziehungen zu Israel auf Eis und jetzt will er gar die Marine entsenden - als Geleitschutz für Hilfsschiffe, die Kurs auf Gaza nehmen.

Die Absicht des Regierungschefs ist klar: Vor seiner am Montag beginnenden Nordafrika-Reise unterstreicht er mit seinen starken Ansagen die Rolle der Türkei als Regionalmacht. Und als scharfer Kritiker der israelischen Gaza-Blockade sowie der Aufbringung der Gaza-Hilfsflotte vor gut einem Jahr, bei der neun türkische Staatsbürger getötet wurden, punktet er in der arabischen Welt.

Insofern wird der Besuch in Ägypten zu einem Heimspiel für Erdogan. Eine strategische Partnerschaft soll unterzeichnet werden. Jerusalem befürchtet, dass das Land am Nil nach dem Sturz von Präsident Hosni Mubarak noch klarer auf Distanz zu Israel gehen könnte. Als Nagelprobe dafür wertet man das Ansinnen des türkischen Premiers, in den Gazastreifen zu reisen. Sollte Kairo dafür grünes Licht erteilen, wäre das ein Schlag ins Gesicht Israels. Nach Ägypten wird Erdogan weiter nach Tunis und Tripolis reisen und damit für sich eine Führungsrolle bei den Umstürzen in der arabischen Welt reklamieren.

Wirtschaftsinteressen

"Noch handelt es sich um Drohgebärden", sagt der türkische Politologe Mehmet Öcal zum KURIER, "doch der Regierungschef meint es ernst." Mit der angekündigten Entsendung von Kriegsschiffen wolle Ankara aber auch Wirtschaftsinteressen wahren. Konkret geht es um Gasvorkommen, die 2010 vor der Küste Israels entdeckt wurden. Die 450 Milliarden Kubikmeter sollen gemeinsam von Israel und (Süd)Zypern gefördert werden - unter Ausschluss des türkischen Nordteils Zyperns.

Letztlich würden in der "langen Geschichte der Entfremdung" der beiden Staaten (Öcal) auch die Wirtschaftsbeziehungen leiden. Immerhin haben sich die türkischen Exporte nach Israel seit 2003 auf mehr als zwei Milliarden Dollar verdoppelt, die türkischen Importe haben sich im selben Zeitraum verdreifacht (1,4 Mrd. Dollar). Wobei Ankara auf dem längeren Ast sitzt: Während das bilaterale Volumen gerade einmal ein Prozent des türkischen Gesamtvolumens ausmacht, ist die Türkei für Israel der sechstwichtigste Handelspartner.

Harte Rhetorik

Der Westen ist angesichts des Streits beunruhigt. Zumal auch Tel Aviv nicht um starke Worte verlegen ist. So bezeichnete Premier Netanyahu die nationale Marine als "langen und starken Arm".

Der israelische General Eyal Eisenberg warnte gar vor einem "totalen Krieg" im Nahen Osten und schloss auch den Einsatz von Massenvernichtungswaffen nicht aus. Er wurde zwar vom Verteidigungsminister zurückgepfiffen, aber Experten schließen eine militärische Konfrontation nicht mehr aus.

(kurier) Erstellt am
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