Politik
24.12.2011

"Tröstung kommt nicht immer zur rechten Zeit"

Er war eines der ersten Straßenkinder, denen Pater Sporschill in Bukarest ein Zuhause gab. Heute ist er Priesteranwärter und erzählt, wie er seinem Glauben und seinem Weg stets gefolgt ist.

Ein herzliches Lachen schallt durchs Telefon, wenn Pater Sporschill über Nicu Sutel erzählt: „Bei ihm hab ich pädagogisch alles falsch gemacht, aber es ist gut ausgegangen. Er wollte Priester werden, ich hab ihm gesagt: ,Das ist ein Blödsinn, da musst du Matura haben.‘ Als er dann die Matura hatte, wollte er in Österreich studieren. Ich hab’ ihm wieder gesagt: ,Das ist ein Blödsinn, da musst du Deutsch können.‘ Aber Nicu hat alle Hindernisse überwunden. Der liebe Gott und er haben sich durch mich nicht beirren lassen".

Als der Jesuitenpater Georg Sporschill 1991 nach Bukarest kam, um sich der Straßenkinder anzunehmen, fand er den damals 15-jährigen Nicu vor einem Lebensmittelgeschäft. „Er war stolz auf seinen Schlafplatz, denn unter der Tür kam’s warm hervor“, erinnert sich Sporschill an die erste Begegnung.

2008, mit 32, trat Nicu Sutel den Augustiner-Chorherren in Klosterneuburg bei und heißt dort „Herr Ignatius“. Er trägt seinen Namen und das Chorherrenhemd mit Würde. Seit 2008 studiert er Theologie in Heiligenkreuz. Über „Pater Georg“ sagt er: „Sein Leben hat mich geprägt.“ Und Georg Sporschill über ihn: „Wir sind tiefe Freunde. Ich bleibe der Vater für alle meine Kinder. Je selbstständiger sie werden, desto schöner, da muss man nichts mehr tun, nur noch staunen!“

Bei einem Besuch in Klosterneuburg erzählt der angehende Priester, wie aus Nicu „Herr Ignatius“ wurde, ein ernster Mann, der so herzlich lachen kann, dass er die ganze Umgebung mitreißt.

KURIER: Herr Ignatius, erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Pater Sporschill?

Ignatius: Ja, ich glaube, es war 1991. Er ist plötzlich dagestanden, ohne Kollar (weißer Priesterkragen, Anm.) . Nach der Revolution sind viele Leute gekommen, Mormonen, Jahovisten, da hab ich gedacht, dass er von einer Sekte ist und hab gesagt: „Geh weg, lass mich in Ruhe!“. Am nächsten Tag ist er wieder gekommen, mit Kragen. Da erst hab ich geglaubt, dass er ein katholischer Priester ist.

Wie kam es dazu, dass Sie auf der Straße lebten?

Für mich war es einfacher. Meine Eltern waren seit 1984 geschieden, meine zwei jüngeren Brüder waren bei der Mutter. Mein Vater hat viel getrunken und konnte nicht für uns sorgen. Aber ich bin bei ihm geblieben. Er war krank und hat sich wenig für mich interessiert. Als ich 15 war, ist meine Urgroßmutter gestorben, dann bin ich nur noch selten nach Hause gegangen, die Kindergruppe auf der Straße war spannender. Ich hatte kein Interesse an der Schule. So sind doch die Jungen immer (lacht) .

Ihr Vater ist 2010 gestorben. Pater Sporschill erzählt, dass es ihn beeindruckt, wie sehr Sie Ihren Vater trotz aller Schwierigkeiten achten.

Ja, er war nicht gewalttätig und hat mich nicht schlecht behandelt. Er war sehr nett, sehr liebevoll. Aber man konnte nicht mit ihm leben. Er war ständig betrunken und hatte Frauen zu Besuch, das war verrückt für mich. Er war ein gläubiger Mann, und ich bedauere, dass er seinen Glauben nicht gelebt hat. Ich habe immer gehofft, dass er sich wandelt.

War das mit ein Grund dafür, dass Sie Priester werden wollten?

Ja. Und dazu kommt, dass mich das Leben von Pater Georg geprägt hat. Er war wie ein Vater für uns. Er hat viel Geduld und ist sehr streng, aber ich liebe das (lacht), Er ist wirklich spitze, ich hab viel von ihm gelernt. Wenn wir mit ihm auf den Markt gegangen sind, wollten uns die Händler schlagen, weil wir Äpfel geklaut haben. Er hat gerufen: „Nein, nicht schlagen, das sind meine Kinder, ich bezahle!“

Sie nehmen es ihm nicht übel, dass er Ihnen die Priesterlaufbahn ausreden wollte?

Aber nein. Als ich ihm 2003 gesagt habe, dass ich Priester werden will, hat er gesagt: „Ich hab tausend Kinder, wenn da jeder kommt und sagt, er mag Priester werden, vielleicht noch einer Bischof (lacht schallend) – wie soll das gehen? Du hast nur Berufsschule, keine Matura.

Sie waren Schlosser.

Ich habe in Bukarest gearbeitet und in der Freizeit vier Jahre die Abendschule besucht. Dann bin ich mit dem Maturazeugnis zu Pater Georg gegangen: ,Siehst du, ich hab’s trotzdem geschafft!‘ Er hat gesagt: ,Machst du einen Witz?‘ Aber es war echt.

Sie haben jetzt die ersten fünf Semester Ihres Theologiestudiums hinter sich und sind in zweieinhalb Jahren fertig. Wie motivieren Sie sich, wenn Zweifel kommen?

Ich zweifle nicht.

Niemals?

Nein, mein erster Pfarrer in Rumänien hat mir als Kind etwas gesagt, das mich bis heute bestärkt. Ich hab ihn gefragt: „Was ist Glaube für dich?“ Und er hat geantwortet: „Glaube bedeutet, an etwas zu glauben, das du nicht siehst. Und der Lohn ist, am Schluss zu sehen, was du geglaubt hast.“ Ich hab monatelang darüber nachgedacht, wusste nicht, was er meint und woher er das hat. Dann hab ich ihn gefragt. Da zeigte er mir das Buch vom Heiligen Augustinus, ließ mich darin lesen und sagte: „Siehst du, das stammt nicht von mir, sondern von einem sehr weisen Mann.“

Was würden Sie einem Kind auf die Frage antworten: „Was ist Glaube für dich?“

Ich würde das Gleiche sagen. Für mich ist das die beste Definition von Glauben.

Welche Rolle spielt Gott in Ihrem Leben?

Für mich spielt Gott eine große Rolle, ich spüre das. Ich habe lange über einem Zitat aus „Jesaja 43“ meditiert: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“ Gott ruft manche Menschen zum Priestertum und andere zu anderen Aufgaben. Aber jeder hat eine Bestimmung im Leben.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Ich muss erst mein Studium abschließen, dann werden wir sehen. Ich würde gern in Österreich bleiben, eine Pfarre betreuen, ich mag das Land und kenne schon viele Leute hier.

Ihre Mitbrüder betreuen auch eine Pfarre in Norwegen und zwei in den USA.

Ich möchte nicht weggehen. Aber wenn mein Prälat morgen sagt: ,Du gehst nach Norwegen oder Amerika‘, dann muss ich gehen. Ich habe Gehorsam geschworen.

Wann werden Sie wieder in Rumänien sein?

Kurz nach Weihnachten. Meine Tante möchte ein Requiem für meinen Vater zum zweiten Todestag. Da kommen viele Gäste, und ich soll bei der Agape helfen.

Wie geht es den Straßenkindern heute?

Die Situation hat sich geändert. Es gibt jetzt auch von der Regierung Sozialprojekte. Aber ich weiß nicht, ob sie hilfreich sind. Pater Georgs „Concordia“ hilft noch immer vielen. Eigentlich wollte er 1991 für sechs Monate nach Rumänien kommen. Aber dann er gesehen: Es gibt viel Arbeit. Und das ist bis heute so geblieben. Auch wenn die Zahl der Kinder zurückgeht. Unter Ceauşescus Paranoia, ein großes Volk haben zu wollen, musste jede Familie mindestens drei Kinder haben. Ich kannte Familien mit 16 Kindern! Heute ist es nicht mehr so.

Sie waren unter den ersten zehn Kindern, die Pater Sporschill aufgenommen hat. Was wurde aus den anderen?

Einige haben Familien gegründet. Andere haben viele Möglichkeiten bekommen, aber nicht genützt. Man kann einen Menschen nicht zwingen, sich zu verändern. Das sind heute keine Straßenkinder mehr, das sind erwachsene Männer, die seit 30 Jahren auf der Straße leben. Es gab ein Projekt von Pater Georg, Arbeit für sie zu finden. Einige sind geblieben, manche sind weg.

Sie gehen konsequent Ihren Weg. Was sagen Sie denen, die das nicht schaffen?

Wenn ich als Kind gestolpert bin, habe ich geweint. Dann ist meine Mutter gekommen, hat mich getröstet und aufgehoben. Einmal bin ich hingefallen und niemand war da. Da hab ich erkannt, dass ich selber aufstehen muss. Im Leben ist es genauso: Wenn du stolperst, sollst du den Mut haben, weiterzugehen. Ich wünsche allen jungen Leuten, dass sie das schaffen und nicht auf Trost warten. Denn die Tröstung kommt nicht immer zur rechten Zeit.

Was wünschen Sie sich zu Weihnachten?

Eine schöne Zeit mit meinen Mitbrüdern. Für mich ist Weihnachten die beste Gelegenheit zur Versöhnung. Wenn ich unterm Jahr mit einem Bruder gestritten habe – auch im Kloster kann so etwas vorkommen – entschuldige ich mich zu Weihnachten. Das habe ich schon in Rumänien so gemacht. (lacht) Ich möchte nicht, dass das Jahr geht, ohne dass ich meine Sünden losgeworden bin.

Ort der Begegnung: Stift Klosterneuburg

Zusammenarbeit Seit Jahren unterhält das Stift beste Kontakte zu Pater Sporschill und unterstützt die Concordia-Hilfsprojekte. Pater Sporschill: „Es ist eine aktive Partnerschaft und Freundschaft, es geht nicht nur um Spenden. Ich bin mit meinen tausend Kindern in Klosterneuburg zu Hause.“

Geschichte 1114 von Leopold, dem Heiligen, gegründet, ist Stift Klosterneuburg seit 1133 eine Niederlassung der Augustiner Chorherren. Derzeit leben 47 Chorherren im Konvent, darunter einige Juniores wie Herr Ignatius. Die Klosterneuburger Chorherren betreuen derzeit 24 Pfarren in Wien und Niederösterreich sowie eine in Norwegen und seit Kurzem auch zwei in den USA.

Schatzkammer Seit Mai 2011 ist die Schatzkammer des Stifts – in neuen Räumen – erstmals öffentlich zugänglich. Täglich von 10 bis 17 Uhr können Besucher historische Kunstgegenstände besichtigen, etwa den Erzherzogshut (Bild oben), der wie die Stephanskrone und die Wenzelskrone als „heilige Krone“ gilt, sowie die Schleiermonstranz oder den Marienornat aus 1911.