Politik 27.03.2012

Todesstrafe: 2011 deutlich mehr Fälle

© Bild: dapd Stephen Morton

676 Hinrichtungen wurden vollstreckt - das sind um 149 Fälle mehr als 2010. Aus China gibt es jedoch keine Daten.

Die Zahl der Hinrichtungen weltweit ist im Vorjahr von 527 auf mindestens 676 angestiegen - und das, ohne China miteinzurechnen. Begründet wird dies laut Amnesty International (AI) damit, dass im Irak, Iran und Saudi-Arabien wurden 2011 deutlich mehr Menschen exekutiert wurden. Die Zahl offiziell bestätigten Hinrichtungen erhöhte sich hier um fast 50 Prozent, wie aus der Todesstrafenstatistik 2011 von AI hervorgeht, die am Dienstag veröffentlicht wird.

Gleichzeitig lassen allerdings immer weniger Staaten Menschen hinrichten. 2011 wurde in 20 Ländern die Todesstrafe vollzogen - dies ist um ein Drittel weniger als noch vor zehn Jahren. 141 Staaten haben die Todesstrafe gesetzlich oder in der Praxis abgeschafft; offiziell gibt es 57 Staaten mit Todesstrafe.

"Unsere Botschaft an die Regierungen der wenigen Staaten, die weiterhin Menschen hinrichten, ist klar: `Ihr habt euch in dieser Frage vom Rest der Welt isoliert und es ist höchste Zeit, dass ihr diese grausame, unmenschliche und erniedrigende Strafe endlich abschafft`", erklärte Heinz Patzelt, Generalsekretär von Amnesty International Österreich.

Keine genauen Zahlen aus China

Zahlen, Daten, Fakten zur Todesstrafe
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Die meisten Exekutionen finden in China statt. In dem Land wurden 2011 mehr Menschen hingerichtet als im Rest der Welt zusammen. Genaue Zahlen gibt es dazu nicht, weil Daten zur Todesstrafe dort als Staatsgeheimnis behandelt werden, betont Amnesty. Die Menschenrechtsorganisation schätzt die Zahl allerdings  auf "Tausende". Amnesty verfügt nach eigenen Angaben außerdem über glaubhafte Berichte aus dem Iran, in denen von einer hohen Zahl an offiziell unbestätigten oder geheimen Exekutionen die Rede ist. Würde man diese zu den offiziell eingeräumten Hinrichtungen von rund 360 dazuzählen, so würde sich die Gesamtzahl fast verdoppeln.

In Europa gibt es nur mehr ein Land, das Menschen erschießen lässt: In Weißrussland wird die Todesstrafe weiterhin angewendet. Lettland hingegen unternahm alle rechtlichen Schritte und schaffte die Todesstrafe mit 1. Jänner 2012 ab. In den USA wurden im Vorjahr 43 Todesurteile vollstreckt. Mit Illinois sind nun 16. US-Staaten ohne Todesstrafe, während Oregon ein Moratorium einführte. In Japan wurde erstmals seit 1992 keine Hinrichtungen registriert. 2011 war auch das erste hinrichtungsfreie Jahr in Singapur.

Tod für Hexerei

Die Anwendung der Todesstrafe bleibt keineswegs auf schwerste Verbrechen beschränkt. Sie wird verhängt für Delikte wie Ehebruch im Iran, Blasphemie in Pakistan, Hexerei in Saudi-Arabien sowie für Drogendelikte in mehr als zehn Staaten. In Saudi-Arabien werden die zu Tode Verurteilten enthauptet. In den USA sterben die Menschen durch die Giftspritze, ebenso wie in Taiwan und China. China verwendet ebenso wie Weißrussland, der Jemen, Vietnam oder die Vereinigten Arabischen Emirate Erschießen als Hinrichtungsmethode. In Ägypten, Afghanistan, Irak, Iran oder Malaysia droht den Todeskandidaten der Tod durch Erhängen.

Rund 19.000 Menschen warteten Ende 2011 auf Vollstreckung des Todesurteils. Knapp 2000 solcher Urteile wurden 2011 gefällt. In 33 Staaten wandelte die Justiz Todesurteile um oder begnadigten Menschen. In den meisten Staaten, in denen Menschen zum Tode verurteilt oder hingerichtet wurden, entsprachen die Gerichtsverfahren nicht den internationalen Standards für einen fairen Prozess, betont Amnesty. In manchen Ländern wurden Geständnisse durch Folter oder andere Formen von Zwang erpresst. Im Iran wurden mindestens drei Gefangene für Delikte hingerichtet, die sie als Jugendliche begangen hatten. "Dies ist eine schwere Missachtung des internationalen Rechtes."

Appell an Indien

Amnesty hat indes Indien dazu aufgerufen, die für Sonntag geplante erste Hinrichtung seit acht Jahren zu stoppen. In einem offenen Brief an Regierungschef Manmohan Singh erklärte Amnesty am Dienstag, die Hinrichtung des 2007 zum Tode verurteilten Balwant Singh Rajoana wäre ein gewaltiger Rückschritt. "Hinrichtungen nach acht Jahren Pause wieder aufzunehmen würde bedeuten, dass Indien sich gegen die regionalen und weltweiten Tendenzen stellt, die Todesstrafe abzuschaffen." Der Hinrichtung Rajoanas müsse gestoppt und ein offizielles Moratorium für die Todesstrafe verabschiedet werden, erklärte Amnesty. Letztlich müsse die Todesstrafe in Indien vollständig abgeschafft werden.

Rajoana wurde wegen seiner Rolle bei der Ermordung des damaligen Regierungschefs des Bundesstaats Punjab, Beant Singh, im Jahr 1995 zum Tode verurteilt. Er soll am Sonntag im Gefängnis der Stadt Patiala in Punjab gehängt werden. Zuletzt war in Indien 2004 ein Mann hingerichtet worden. In Indien sitzen hunderte zum Tode Verurteilte im Gefängnis. Wegen des langsam arbeitenden Justizsystems sitzen sie häufig jahrelang in der Todeszelle. In der Regel werden Todesstrafen jedoch in lebenslange Haftstrafen umgewandelt.

Erstellt am 27.03.2012