Politik
05.12.2011

Thailand: Kleine Schwester ganz groß

In Bangkok übernimmt erstmals eine Frau die Regierung. Sie muss sich erst von ihrem Bruder Thaksin Shinawatra emanzipieren

Ob mit aufgesteckten Hosenbeinen im Reisfeld oder adrett gekleidet als strahlende Business-Frau: Yingluck Shinawatra (44) hat mit ihren Auftritten einen großen Teil der Wähler überzeugt. Ihre Partei hat Anfang Juli 265 der 500 Sitze im Parlament errungen.

Jetzt steht die Ökonomin vor dem vorläufig attraktivsten Ziel ihrer Karriere: Das Parlament in Bangkok wird die Frontfrau der Pheu-Thai- Partei jetzt als erste Frau zur Premierministerin küren. Die Herausforderung für die Regierungschefin: Das unliebsame Image der kleinen, noch unbedarften Schwester von Ex-Premier und Milliardär Thaksin, der vor zwei Jahren vom Militär aus dem Land geputscht wurde, abzulegen.

"Ich entscheide unabhängig", sagt sie immer wieder. Weder Marionette noch "Klon" ihres erfolgreichen Bruders und Idols der Armen Leute in Thailand will sie sein. Ihre eigene Karriere, an der sie seit gut 20 Jahre im Familienimperium bastelt, sei Beweis genug für ihre Eigenständigkeit. Yingluck ist das jüngste von neun Kindern im einflussreichen Shinawatra-Clan. Die Ehefrau eines Geschäftsmannes und Mutter eines Sohnes hat an der Universität von Kentucky/USA Politikwissenschaften und Ökonomie studiert. Sie hat auch die Finanzen der Partei gemanagt.

Naturtalent

Die bekannte und vielfach populäre Verwandtschaft war ihr stets wertvolle Hilfe. Jetzt ist sie aber auch Ballast. Thaksin, der in Dubai und den Vereinigten Arabischen Emiraten im Exil lebt, wurde wegen Amtsmissbrauch und Korruption zu zwei Jahren Haft verurteilt. Doch noch immer laufen eher bei ihm als in der Parteizentrale der Schwester die politischen Fäden zusammen, heißt es in Bangkok.

Allerdings mussten selbst ihre Kritiker erkennen, dass sich Yingluck im Wahlkampf als politisches Naturtalent entpuppt hat. Es kam bei den Leuten gut an, wie sie in einer Garküche stand und am Straßenrand Nudeln für Passanten briet und verteilte. Auch ihr Wahlversprechen, den staatlichen Mindestlohn auf umgerechnet 7 Euro pro Tag zu heben, gefällt. Ein Vorhaben, das der Opposition die Zornesröte ins Gesicht treibt. Weder die städtischen Eliten noch die Armee stehen voll hinter ihr.

Dabei hat Shinawatra die Versöhnung der politischen Lager zur Priorität erklärt. Dazu zählt die Untersuchung der Ausschreitungen im Vorjahr, bei denen mehr als 90 Menschen ums Leben gekommen sind. Familien der Opfer warten noch auf Antworten, wie ihre Angehörigen gestorben sind. Soldaten hatten damals auf die meist unbewaffneten Rothemden (Anhänger von Ex-Premier Thaksin) geschossen. Diese hatten das Zentrum von Bangkok zwei Monate besetzt. Ein "Komitee für Wahrheit und Versöhnung" soll für Aufklärung sorgen.

Zugleich kündigte Yingluck Shinawatra an, sie werde sich dafür einsetzen, dass die Gesetze gegen Majestätsbeleidigung nicht instrumentalisiert werden. Manche Thais meinen, das Militär, die frühere Regierung und die Eliten nützten diese, um politische Gegner mundtot zu machen. Auf Majestätsbeleidigung stehen in Thailand bis zu 15 Jahre Haft.

Thailand: Politisch gespaltenes Land

2006 Ende September übernimmt die Armee die Macht, während sich Premier Thaksin Shinawatra in New York aufhält. Er geht ins Exil.

2007 Thaksins Vermögen wird eingefroren, seine Partei gewinnt die Parlamentswahl.

2008 Königstreue protestieren. Notstand. Thaksin wird zu zwei Jahren Haft verurteilt. Die oppositionelle Demokratische Partei übernimmt die Macht.

2010 1,4 Mrd. Dollar werden aus Thaksins Vermögen konfisziert. Tote bei Zusammenstößen mit dem Militär.

2011 Thaksins Schwester Yingluck Shinawatra gewinnt die Wahl.

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