Technik kann den Hausverstand nicht ersetzen

Foto: KURIER /gruber franz

Der Gerichtsmediziner im Interview

Die C.S.I.-Folgen hab' ich schon gesehen", sagt Walter Rabl, Präsident der Gesellschaft für gerichtliche Medizin und stellvertretender Leiter der Innsbrucker Gerichtsmedizin. "Es hat sicher einen wahren Kern", scherzt er. Zwar fand in seinem Fach, der Gerichtsmedizin, tatsächlich eine technische Revolution statt. "Vieles in den Serien gehört aber in die Kategorie Hollywood."

Österreichweit gibt es rund 60 Ermittler in weißen Kitteln, die mit ausgefeilten Methoden und viel Hausverstand mysteriöse Todesfälle klären oder Spuren auswerten. Die Quellen sind vielfältig: anonymisierte Abstriche, Blutspuren oder ganze Autositze landen in den Labors.
Das klassische Bild vom Skalpell und dem Seziertisch ist längst überholt. "Rund fünf Prozent unserer Arbeit sind Obduktionen", erzählt Rabl. Das Zauberkürzel, das den Laboralltag bestimmt, heißt Desoxyribonukleinsäure - kurz DNA. Alleine in Innsbruck, wo sich das nationale DNA-Zentrallabor befindet, werden pro Woche 500 genetische Fingerabdrücke bestimmt.

Geschulte Täter

So überführt man einen Räuber, der in einer Bank seinen Regenschirm vergaß. "Wir machten einen Abrieb vom Griff", schildert der Forensiker. Wenig später klickten die Handschellen. Viel lässt Rabl aber nicht aus. "Ich erzähle nicht gerne, weil man damit Täterschulung betreibt." Kein Krimineller, klagt Rabl, lasse mehr einen Zigarettenstummel am Tatort zurück.

Neben Innsbruck sind gerichtsmedizinische Institute in Wien, Graz sowie (ein gemeinsames) in Linz und Salzburg angesiedelt. Auf den universitären Einrichtungen wird nicht nur unabhängig gewerkt, sondern auch geforscht und unterrichtet. Im Normalfall erteilt die Staatsanwaltschaft die Aufträge, selten sind es Rechtsanwälte.

Toxikologische Tests, etwa ob Drogen im Spiel waren, gehören ebenso zum forensischen Repertoire wie CT- und Röntgenuntersuchungen. Doch selbst die ausgefeilteste Technik kann den Hausverstand nicht ersetzen. Eine Spermaspur ohne Indizien, zum Beispiel schmutzige Kleidung, lasse etwa nicht automatisch auf eine Vergewaltigung schließen. "Es zählt immer das Gesamtbild", mahnt der Rechtsmediziner.

Rabl wollte praktischer Arzt werden, bevor er die Fachausbildung begann. Er bereut seine Entscheidung nicht. "Das hier ist ein vielfältiges Fach. Man hat von allem etwas - und eine Portion Sherlock Holmes dazu."

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