© Jürg Christandl

Politik
09/15/2012

Streit um die Zweiklassenmedizin

Visite in der Privatklinik Döbling: Geschäft mit Klasse­patienten boomt. Aber sind Privat­kliniken so sicher wie öffentliche Häuser?

von Martin Gantner

Mit 66 Jahren", sagt Karl Lexa, "fängt das Leben richtig an." Der 66-jährige liebt Udo Jürgens und er hat Sinn für Humor. Immerhin sitzt der Mann im Rollstuhl. Er hat zwei schwere Operationen hinter und eine Woche Spitalsaufenthalt vor sich. Und doch ist er frohen Mutes. "In der Privatklinik Döbling bin ich sehr gut aufgehoben", sagt der Pensionist, der seit den 80er-Jahren brav 100 Euro monatlich für seine private Krankenversicherung einzahlt. Er ist damit nicht allein: Eineinhalb Millionen Österreicher sind zusatzversichert. Nun ist ein heftiger Streit um die sogenannte "Zweiklassenmedizin" entbrannt (siehe Interview) .

Wiens Patientenanwältin Sigrid Pilz warnte vor dem falschen Eindruck, Privat­kliniken seien sicherer als öffentliche Häuser. Pilz berichtete von fünf Fällen in Wiener Privatkliniken, bei denen strukturelle Gründe zu bleibenden Patienten-Schäden geführt hätten – für zwei Patienten soll die Behandlung gar tödlich ge­endet haben. Die Vorwürfe werfen Fragen auf: Profitieren von den Sonderklasse­patienten nur Ärzte und Versicherungen, nicht aber die braven Prämienzahler selbst?

Scharfe Worte

"Die Patientenanwältin ist höchst un­seriös", sagt Christian Kainz, medizinischer Leiter der Privatklinik Döbling. "In einem so sensiblen Bereich schürt sie Ängste. Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass sie polemisiert." In der Tat spricht vieles für Kainz’ These. Nur 1,26 Prozent aller Patienten, die in einem Privatspital untergebracht sind, müssen in eine Zentralkrankenanstalt wie etwa das AKH verlegt werden. "Richtig ist, dass wir hier keine Transplantationen durchführen. Das passiert in normalen Gemeindespitälern aber genauso wenig." In öffentlichen Häusern ist die Transferquote mit 2,62 Prozent sogar mehr als doppelt so hoch. "Außerdem ist etwa unsere Geburtenstation von unabhängiger Stelle zur besten in ganz Österreich gekürt worden." Kainz verweist auch auf Notfallmediziner und Anästhesisten, die rund um die Uhr vor Ort sind.

Doch worin bestehen dann die Vorteile für Privatversicherte, wenn die Spitäler in medizinischer Hinsicht zwar nicht zwingend schlechter, aber auch nicht unbedingt besser sind? Kainz, der lange im AKH gearbeitet hat, sagt: "Der große Vorteil des Privatspitals ist neben dem Service sicher, dass man früher einen Behandlungstermin bekommt. Anders als im öffentlichen Spital gibt es bei uns so gut wie keine Wartezeiten." Pa­tienten ist es zudem möglich, sich den behandelnden Arzt selbst auszusuchen.

Auch für Versicherungen und Ärzte ist die Privatmedizin lukrativ. "Im Schnitt verdient ein Arzt bei uns um 50 Prozent mehr als im Gemeindespital." Anders als in öffentlichen Häusern muss der Arzt das Honorar nicht mit seinem Team teilen. Die Versicherungen verdienen wiederum gut an üppigen Prämien. 2011 machten diese 1,697 Millionen Euro aus. Allein die öffentlichen Häuser bleiben in dieser Gleichung auf der Strecke (siehe Zusatzartikel) . Gelder, die sie durch Klassepatienten einnehmen könnten, fließen in Privatkliniken. "Wobei ich mir auch nicht vorstellen kann, dass meine Versicherung mit mir ein gutes Geschäft macht", feixt Patient Lexa. "So oft wie ich schon da war oder vielleicht noch kommen werd’, kann sich das nicht rentieren." Denn mit 66 Jahren ...

Gemeindespital: Mehr Kasse mit Klassepatienten

Die Stadt Wien will den Privatkliniken das Geschäft mit Klasse­patienten streitig machen. Wie Stadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) und Gemeindespitalsboss Wilhelm Marhold im KURIER ankündigten, könnte die Quote der Sonderklassepatienten von derzeit fünf auf elf Prozent erhöht werden.

Nicht nur die Ärztekammer begrüßt den Vorstoß, auch Peter Eichler vom Verband der Versicherungsunternehmer ist davon angetan, weil dies zu einer besseren Infrastruktur und mehr Service im öffent­lichen Spital führen werde. "Es besteht hier derzeit in einigen Bereichen durchaus deut­licher Nachholbedarf."

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