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Politik
05/05/2012

Stalins Soldaten in Österreich

Zeitgeschichte: Neue Studie beleuchtet zehn Jahre Sowjet-Besatzung in Österreich – auch abseits offizieller Politik.

von Otto Klambauer

Die Russen kommen": Dieser Schreckensruf alarmierte vor 67 Jahren die Bevölkerung Österreichs. Zeitzeugen haben den Ruf noch heute im Ohr. Im Frühjahr 1945 eroberten Stalins Soldaten als Erste der vier alliierten Siegermächte Österreich. Am 29. März überschritt die Rote Armee die Grenze zu Österreich.

67 Jahre später scheint es absurd, dass die Sowjet-Soldaten damals von der österreichischen Bevölkerung nicht mit offenen Armen begrüßt wurden. Immerhin befreiten sie Österreich doch nach sieben Jahren "Ostmark" von der Nazi-Diktatur. Weshalb also die Panik der Österreicherinnen und Österreicher vor den anrückenden Sowjet-Soldaten?

Einer der Hauptgründe war die tief greifende NS-Feindpropaganda: Die Rote Armee war von den Nazis stets als "minderwertig" denunziert worden – viel mehr als die amerikanischen, britischen und französischen Truppen. Dazu kam der Ruf, der den sowjetischen Truppen – nicht ganz grundlos – vorauseilte: Eine Armee plündernder und vergewaltigender Soldaten, die nach Zen­traleuropa vordrangen.

Dabei war vor 67 Jahren der Untergang Hitler-Deutschlands längst besiegelt. Nach dem Selbstmord Adolf Hitlers am 30. April 1945 unterzeichnete die deutsche Armeeführung die Kapitulationsurkunde – zuerst am 7. Mai 1945 in der westfranzösischen Stadt Reims, einen Tag später im sowjetischen Hauptquartier Berlin-Karlshorst.

Kriegsende

Glück im Unglück: In Österreich war zu diesem Zeitpunkt der Zweite Weltkrieg bereits seit mehr als einem Monat zu Ende. Schon am 29. März 1945 hatten die Sowjet-Truppen bei Klostermarienberg im Burgenland die Grenze überschritten. Am 13. April 1945 war die Schlacht um Wien beendet. Und am 27. April 1945 verkündete die Provisorische Staatsregierung unter Karl Renner bereits die Wiedererrichtung der Republik Österreich – da lebte Hitler noch.

Zum Zeitpunkt des Untergangs Hitler-Deutschlands Anfang Mai 1945 war Österreich bereits ein Heerlager alliierter Siegertruppen: 700.000 Soldaten aus der Sowjetunion, den USA, Großbritannien und Frankreich befanden sich in Österreich. Die Sowjet-Besatzungsmacht war mit rund 400.000 Soldaten mit Abstand die größte.

In welch dramatischer Lage sich Österreich nach sieben Jahren "Ostmark"-Annexion befand, zeigen diese Zahlen: Zu den 700.000 alliierten Soldaten hielten sich über drei Millionen Vertriebene, ehemalige Kriegsgefangene, Zwangsverschleppte, Fremd­arbeiter und deutsche Soldaten in Österreich auf – bei einer einheimischen Bevölkerung von sechs Millionen.

Doch von den Wirren des Kriegsendes ging Österreichs Befreiung nahtlos von der NS-Diktatur in zehn Jahre Besatzung über. Ein Positionswechsel nicht nur für die österreichische Bevölkerung – auch für die alliierten Truppen. Über Nacht wurden im Frühjahr 1945 aus Kriegstruppen Besatzungssoldaten – bis zum Staatsvertrag 1955. Für Österreicher wie Alliierte war die Umstellung äußerst schwierig. Ein Land zu erobern, ist das eine – ein Land zu besetzen, ist etwas ganz anderes.

"Ura, Ura" war der Ruf, der den sowjetischen Besatzungssoldaten vorauseilte: Uhren als Kriegsbeute war Status-Symbol der Eroberer. Aber viel mehr erschütterten die Plünderungen und Vergewaltigungen.

Die Fakten, die die Zeithistorikerin Barbara Stelzl-Marx über den Sowjet-Besatzungsalltag in Österreich zusammengetragen hat, sind sensationell – und sie beleuchten nicht bloß die offizielle Politik, sondern auch den Besatzungs- Alltag.

Was bisher kaum in zeitgeschichtlicher Forschung berücksichtigt wurde, hat Barbara Stelzl-Marx in ihrem Grundlagenwerk erarbeitet: Die Österreicherinnen und Österreicher glaubten sich bei Kriegsende 1945 auf dem Tiefpunkt ihres Lebens. Doch sie hatten eines nicht erkannt: Die Sowjet-Soldaten kamen aus noch viel schlimmeren Verhältnissen.

 

Kulturschock

Typisch für deren Kulturschock ist der Bericht des Sowjet-Leutnants Michail Schilkow. Er beschwerte sich im Juni 1946 (!), die Sowjetunion würde Europa niemals ein- und überholen können. Denn in Österreich gebe es in jedem Haus Strom, die Dörfer in seiner Heimat würden aber wohl niemals elektrifiziert.

Der 27-jährige Schilkow: In Österreich "gibt es Lüster, luxuriöse Häuser, Kleidung – während meine Familie Hunger leidet und nichts anzuziehen hat". Und das zu Kriegsende in Österreich 1945.

Schilkow bekam seine Klage nicht gut. Er wurde seiner militärischen Funktion enthoben und aus der Sowjet-KP ausgeschlossen. Barbara Stelzl-Marx: "Seine Zweifel an der ,Überlegenheit des sowjetischen Systems" wertete man als Folge seines ,mangelhaften politischen Wissens und seiner ideologischen Zurückgebliebenheit"."

Schilkows Beschwerde zeigt aber, wie groß der Kulturschock der Sowjets in Österreich war – trotz Kriegsende und Kriegsschäden.

Autorin
Die Zeithistorikerin Barbara Stelzl-Marx ist stellvertretende Institutsleiterin des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung GrazWienKlagenfurt und zugleich Lektorin an der Karl-Franzens-Universität Graz.


Thema
Mehrere Hunderttausend sowjetische Besatzungsangehörige waren 1945 bis 1955 in Österreich stationiert. Barbara Stelzl-Marx untersucht

erstmals die Mikrogeschichte der Sowjet-Besatzung. Dabei lässt sie die individuellen Erlebnisse von Sowjet-Armeeangehörigen lebendig werden.

Buch
Barbara Stelzl-Marx:
Stalins Soldaten in Österreich. Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955. Verlag Böhlau 2012. 865 Seiten. Preis: € 49,80
 
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