Politik 09.03.2012

SPÖ will Frauenquote jetzt auch in Privatfirmen

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Aufwärts nur per Quote? Ministerin Heinisch-Hosek und Wirtschaftskammer-Generalsekretärin Hochhauser wollen Frauen fördern – aber mit unterschiedlichen Mitteln.

Die Gleichstellungspolitik entwickelt sich in Österreich im Schneckentempo. Die Frauenministerin will deshalb viele Vorgaben per Gesetz verankern, die Wirtschaft ist dagegen: Ein Streitgespräch zwischen Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) und der Generalsekretärin der Wirtschaftskammer, Anna Maria Hochhauser.

KURIER: Frauenpolitik ist fast immer ein Streitthema zwischen SPÖ und ÖVP, aktuell geht es um die Teilzeitarbeit und den Papa-Monat. Warum können nicht zumindest die Politikerinnen über ihre Parteischatten springen und an einem Strang ziehen?


Gabriele Heinisch-Hosek:
In einigen Bereichen sind wir ideologisch weit auseinander. In anderen, etwa bei der Bundeshymne, hat es eine gute Allianz gegeben. Jetzt würde gerade wieder eine Allianz anstehen. Die ÖVP-Frauenchefin ist für gesetzliche Quoten auf Wahllisten. Schauen wir, was daraus wird.

Anna Maria Hochhauser: Für die Wirtschaft ist die Förderung von Frauen ein absolut positives Thema. Wir sind nur in manchen Bereichen auseinander, etwa wenn es um die Finanzierung geht, oder was ist einem Privatunternehmen zumutbar, was nicht.

Heinisch-Hosek: Einem Privatunternehmen ist eine Quotenregelung natürlich zumutbar.

Hochhauser: Wir haben ja die Quote im Öffentlichen Dienst und in den staatsnahen Unternehmen begrüßt. Aber wir wollen nicht in private Unternehmen mit gesetzlicher Verpflichtung hineinregieren. Für uns sind andere Maßnahmen zur Frauenförderung wichtiger, zum Beispiel der flächendeckende Ausbau von Kinderbetreuungsmöglichkeiten.

Heinisch-Hosek: Der Privatwirtschaft wird gesetzlich sehr viel vorgeschrieben. Warum scheitert es, wenn man Frauenförderung vorschreiben will? Ich möchte verpflichtende Förderpläne im Gleichbehandlungsgesetz verankern.

Hochhauser: Wir wollen eine natürliche Entwicklung.

Heinisch-Hosek: So kommen wir aber nicht weiter.

Hochhauser: Da muss ich widersprechen. Es hat sich in den letzten Jahren sehr viel getan. Wir haben uns auf Einkommenspläne und die Gehaltsangaben in den Inseraten geeinigt. Das war ein guter Weg.

Heinisch-Hosek: Wir können ja weiterdenken. Warum bleiben wir in diesem Schneckentempo? Warum ziehen wir nicht frauenpolitisch an einem Strang?

Hochhauser: Wir ziehen ja an einem Strang.

Heinisch-Hosek: Das Gefühl habe ich nicht.

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Stichwort familienfreundlicher werden: Kinderbetreuungseinrichtungen allein sind ja nicht genug. Ist da nicht vor allem die Wirtschaft selbst gefordert?

Hochhauser: Die Wirtschaft leistet hier einen erheblichen Beitrag, allein durch flexiblere Arbeitszeiten und Teilzeitangebote. Die Betriebe treten auch schon stark für die Väterkarenz ein.

Heinisch-Hosek: Wenn wir die Väterkarenz wollen, sollten wir auch einen gemeinsamen Weg beim Papa-Monat einschlagen. Dann kriegt der Vater mehr Lust auf Väterkarenz später. Ich will aber nicht drei Monate Parallelität, dann ist die Mutter beim Kind und der Vater vielleicht auf dem Golfplatz.

Hochhauser: Uns geht es um echte Väterbeteiligung. Ich bin mir nicht sicher, ob das der echte Anreiz ist für die Väter, sich mehr an der Kindererziehung zu beteiligen. Wir haben da schon effiziente Modelle, nämlich das einkommensabhängige Kinderbetreuungsgeld. Das hat echt eingeschlagen. Sie haben ja selbst gesagt, sie wollen keine Parallelität.

Heinisch-Hosek: Drei Monate parallel, das will die ÖAAB-Chefin, nicht ich. Und zur Finanzierung: Ich schlage vor, ziehen wir ein Kindergeld-Monat vor. Wenn wir hier auf die Freiwilligkeit setzen, so wie bei den Aufsichtsräten, kriegen wir noch lange keine Papas in den Papa-Monat.

Hochhauser: Aber in die Väterkarenz. Warum müssen wir immer gleich verpflichten.

Zum Ausbau der Kinderbetreuung sind sie sich einig. Bei der Teilzeitarbeit scheiden sich die Geister. Warum?

Heinisch-Hosek: Das Märchen der Wahlfreiheit stellt sich so dar. Ich kann wählen zwischen Kind und Vollzeit, beides geht sich nicht aus. Deshalb arbeiten so viele Frauen Teilzeit. Eine Mutter sollte aber Vollzeit arbeiten können und das Kind gut untergebracht wissen.

Hochhauser: Das mit dem Teilzeit-Märchen verstehe ich nicht ganz. Voraussetzung für Vollzeit ist, dass es Kinderbetreuung gibt. Und noch etwas: Zehn Mal so viele arbeitslose Frauen suchen eine Teilzeitarbeit, als es Angebote gibt.

Heinisch-Hosek: Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass Teilzeitstunden um bis zu 30 Prozent geringer bezahlt sind als Vollzeit-Stunden.

Hochhauser: Das ist für mich nicht nachvollziehbar und nicht vertretbar.

Heinisch-Hosek: Bei Teilzeit ist es oft so, dass die Mehrstunden nicht mit dem 25 Prozent-Zuschlag bezahlt werden. Es gibt pro Jahr 70 Millionen Überstunden im Wert von 1,4 Milliarden Euro gibt, die nicht bezahlt werden.

Hochhauser: Ich kenne die Grundlagen der Zahlen nicht. Aus meiner Sich wird das ordnungsgemäß abgerechnet. Ich frage mich aber, warum diese Frauen nicht gleich mehr arbeiten, wenn sie ihre Teilzeit überschreiten.

Heinisch-Hosek: Dazu habe ich auch einen Vorschlag: Wenn eine Frau über ein Viertel oder halbes Jahr permanent vier Stunden mehr arbeitet als ihr Vertrag ausmacht, sollte das Unternehmen dazu verpflichtet werden, ihr eine Aufstockung des Vertrages anzubieten.

Hochhauser: Da werden wir es bei einem vier, fünf Personen-Betrieb schwer haben.

Heinisch-Hosek: Sind Mehrstunden billiger als aufstocken?

Hochhauser: Nein, aber wir müssen Betrieben die Freiheit geben, ihre Geschäfte zu erledigen, wie sie anfallen.

Heinisch-Hosek: Jede Freiheit und Null Verpflichtung wird Frauen nicht weiter bringen.

Hochhauser: Bevor man gesetzlich verpflichtet, würde ich mich gerne mit der Realität auseinandersetzen und wenn es die Sachlage hergibt, kann man darüber reden.

Bei der früheren Angleichung des Frauenpensionsalters gibt es keinen Konsens.

Heinisch-Hosek: Eine Erhöhung vor 2024 würde die Arbeitslosigkeit erhöhen und ginge an der Lebensrealität der Frauen vorbei. Niemand hindert Betriebe, Frauen über das 60. Jahr hinaus zu beschäftigen, wenn sie wollen. Außerdem bezweifle ich, dass der letzte Karriereschritt mit 55 erfolgt.

Hochhauser: Das frühere Antrittsalter ist für Frauen nicht unbedingt ein Vorteil. Je älter, desto höher der Verdienst, der gute Jahre für die Pension bringt. Und: Will ich mehr Frauen in Führungspositionen, dann geht an diesem Thema nichts vorbei. Eine 55-Jährige wird kaum in eine Führungsfunktion berufen, wenn man sich nicht sicher sein kann, dass sie mit 57 noch da ist.

Heinisch-Hosek: Frauenpolitikerin

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Privat Die 50-jährige Niederösterreicherin ist verheiratet. Vor ihrem Einstieg in die Politik war sie Sonderschullehrerin für Schwerhörige und Gehörlose.

Karriere 1999 kam sie für die SPÖ in den Nationalrat, war zuerst Kinder- & Jugendsprecherin, dann Frauensprecherin. Im April 2008 wurde sie Landesrätin in NÖ, im September 2008 Ministerin für Frauen und den Öffentlichen Dienst. Seit 2009 ist sie SP-Frauenchefin.

Hochhauser: Wirtschaftspolitikerin

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Privat Die 56-jährige Juristin stammt aus Oberösterreich, ist verheiratet und hat eine erwachsene Tochter.

Karriere Hochhauser begann ihre Karriere bei der Landesregierung in OÖ und war dort Büroleiterin beim damaligen Landeshauptmann-Vize Leitl. Als Leitl 2000 Wirtschaftskammer-Präsident wurde, übernahm sie die Büroleitung in der WKÖ. Seit 2004 ist sie Generalsekretärin.

Wegen der großen Ansammlung unappetitlicher und frauenfeindlicher Postings musste dieses Forum leider geschlossen werden. Wir bedauern.

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Erstellt am 09.03.2012