Politik
05.12.2011

So hart war Kaltenbrunners Aufstieg

Die Alpinistin Gerlinde Kaltenbrunner ist die erste Frau, die alle 14 Achttausender ohne künstlichen Sauerstoff bestiegen hat.

Drei Jahre lang war kein Mensch auf dem Gipfel gestanden. Dutzende der besten Bergsteiger der Welt hatten in den vergangenen Sommern versucht, den K2 zu erklimmen. Ohne Erfolg. Der Berg drohte für manche zur Obsession zu werden. Eine Gefahr, die Gerlinde Kaltenbrunner stets in Abrede stellte: "Wenn es sein soll, dann lässt er uns hinauf."

Im Wissen, "dass der Berg die Menschen nur duldet und ihnen eine Statistenrolle zuschreibt", gab sich die 40-jährige Extrembergsteigerin nie Illusionen hin. "Es hat einige Male nicht geklappt, aber ich habe die Liebe zum K2 nie verloren. Das ist ein einzigartiger, kraftvoller, ein magisch anziehender Berg." Sechs Mal war die Oberösterreicherin, die mit ihrem Mann im Schwarzwald lebt, zuvor schon am zweithöchsten Berg der Welt gescheitert, diese Woche war der siebte Versuch von Erfolg gekrönt.

Für die Ewigkeit

Dreizehn Jahre und vier Monate, nachdem Kaltenbrunner auf ihrem ersten Achttausender gestanden war, komplettierte sie damit eine Serie, die überhaupt erst 27 Menschen gelungen ist. Sie stand auf allen 14 Achttausendern der Erde - und sie ist die erste Frau, der das ohne Hilfe von zusätzlichem Sauerstoff gelungen ist. Das haben vor ihr erst zehn Menschen geschafft.

Allerdings gingen dem Erfolg am Dienstag anstrengende Tage voraus. Zwei Monate verbrachte die kleine Gruppe am K2, mehrmals stiegen die sechs Expeditionsteilnehmer bis auf 8000 Meter hoch, um die Aufstiegsroute zu erkunden, Lagerplätze einzurichten und schwierige Stellen mit Seilen zu sichern. Am 16. August starteten die Bergsteiger schließlich Richtung Gipfel.

"Im Aufstieg gab es Sturm und heftige Schneefälle. Es herrschte große Lawinengefahr", erzählt Kaltenbrunner. Ihr Mann Ralf Dujmovits, der bereits auf allen 14 Achttausendern stand, und ein argentinischer National Geographic-Fotograf - das Magazin unterstützte die Expedition - beschlossen, umzudrehen. "Wo es keinen Lawinenlagebericht gibt, ist man einzig und alleine auf seine eigene Einschätzung und sein über Jahrzehnte gewachsenes Bauchgefühl angewiesen", schreibt Dujmovits auf der Expeditionshomepage. "Für mich hat es nicht mehr gepasst."

Eine Einschätzung, die Kaltenbrunner nicht teilte. "Wäre das Risiko für mich zu groß gewesen, hätte ich umgedreht. Aber ich habe Ralfs Entscheidung akzeptiert." Erst nach einer weiteren stürmischen Nacht ließ der Wind nach und es hörte auf zu schneien. "Wir waren überglücklich und haben Kraft geschöpft."

Am Sonntag erreichte die Gruppe das letzte Hochlager in 8000 Meter Höhe - wagte aber am Montag trotz perfekten Wetters noch keinen Aufstieg zum Gipfel. Die vier nutzten den Tag, um eine gefährliche Traverse mit Seilen zu sichern. Weil der hüfthohe Pulverschnee das Vorankommen schwierig machte, beschloss die Gruppe, nicht mehr ins letzte Lager zurückzukehren, sondern auf rund 8300 Meter zu biwakieren. "Zu viert in einem kleinen Zelt für zwei Personen", berichtet Kaltenbrunner.

Minus 25 °C

Nach einer eisigen Nacht bereiteten sich die Vier für einen Aufbruch um 1 Uhr Früh vor. Doch bald kämpfte das Quartett mit der enormen Kälte. Bei minus 25 Grad drohten Erfrierungen. "Nach einer Seillänge haben wir gemerkt, dass es viel zu kalt ist. Wir haben Zehen und Finger nicht mehr gespürt." Also drehten alle um, um sich im Biwakzelt aufzuwärmen - und starteten Stunden später erneut. Keine einzige Wolke trübte da den Himmel, am K2 war es nahezu windstill. Doch der tiefe Schnee wurde zur fast unüberwindbaren Hürde: "Wir haben uns alle zehn Schritte bei der Spurarbeit abgewechselt. Aber mit zehn Schritten sind wir gerade einen Meter vorwärts gekommen", berichtet Kaltenbrunner. "Wir haben viel länger gebraucht als geplant." Die Zeit verrann. "Wir waren ein starkes Team. Aber ein kleines Team für einen großen Berg. Wir haben gezweifelt, ob sich das ausgehen kann."

Doch am späten Nachmittag erreichte das Quartett den Gipfelgrat, ab da ging es besser voran. Trotzdem dauerte es noch zwei Stunden, bis "Cinderella Caterpillar" um 18.18 Uhr auf dem Gipfel stand. Den Namen hat ihr einst der kasachische Bergsteiger Denis Urubko verliehen, weil sie trotz ihrer Zierlichkeit am Berg immer spurte - und er sich nie ihren Namen merken konnte.

"In der Abendsonne hat alles geleuchtet. Das war ein majestätischer Moment. Ich habe geweint und bin eine Viertelstunde nur oben gestanden und habe gestaunt." Dann erreichten auch ihre drei Begleiter den Gipfel. "Wir wussten, dass wir in die Dunkelheit kommen und uns im Abstieg konzentrieren müssen", erzählt Kaltenbrunner. Jeder Zehnte, der auf dem Gipfel des K2 stand, verunglückt auf dem Rückweg tödlich. Doch alles ging gut: Am Donnerstag konnte Kaltenbrunner ihren Mann wieder in die Arme schließen. An Feiern ist aber nicht zu denken. "Das wird auf später verschoben. Im Moment bin ich müde und erschöpft. Aber ich bin überglücklich. Für mich ist mein Lebenstraum in Erfüllung gegangen."
Derzeit befindet sich die Gruppe auf dem Heimweg. Was dann kommt, hält sich Kaltenbrunner offen. "Ich habe noch viele bergsteigerische Ziele. Es werden sich neue Träume auftun."

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